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Das Wear-Out eines Berufsmusikers

Das Wear-Out eines Berufsmusikers

 


»Das Ankommen ist mir ein großes Bedürfnis. Ich bin Anfang fünfzig.« Dominik Pleuel sitzt gedankenversunken auf einem Stuhl aus Eichenholz, vor sich einen Americano und ein stilles Wasser. Die Augen sind auf den Tisch geheftet, der Körper gebeugt. Hinter ihm liegen knapp eineinhalb Stunden Interview. Eineinhalb Stunden, in denen er nochmal alles durchlebt. Wie alles anfing. Und wo er jetzt steht.

Dominik Pleuel (Name geändert, d. Red.) ist Blechbläser. Er hat das erlebt, was viele »Burnout« nennen. Der Begriff fällt in diesem Gespräch nur zwei, drei Mal, eher nebenbei. Pleuel spricht eher von ›Überforderung‹, von Herzrasen und Todesangst, die sich auf etwas richtet, das ihn sein ganze Leben begleitet hat: sein Instrument. Seine Stimme ist ein bisschen leise, trotzdem durchdringend.

Er ist »da so reingerutscht«. Sein Vater spielte auch Blech, Dominik entscheidet sich mit neun Jahren für dasselbe Instrument wie der Vater. Er bekommt eine schlechte Leihgabe, zu groß, zu alt, nicht kindgerecht. Er fühlt wohl, dass das Ganze nicht zu ihm passt. »Ich wollte dann auch nach ein paar Wochen wieder aufhören, weil ich merkte, ich bin überfordert.« Mit der Nachricht geht er alleine zum Leiter seines Schulensembles, doch der überrumpelt ihn. »Ich sei so begabt, ich könne doch nicht aufhören. So habe ich dann unter Tränen das Instrument wieder mitgenommen.« Er übt mit dem Vater. »›Wenn du das Stück fehlerfrei spielst‹, sagte der, ››bekommst du 50 Pfennig‹«.

Auf seinen Vater kommt er immer wieder zu sprechen, und auf andere Autoritätspersonen, die »Fremdmotivation«. Das Wichtigste: Weitermachen. Sein Spiel wird in und außerhalb der Schule gefördert, mit 15 wird er als Coach für jüngere Blechbläser eingesetzt. Mit 16 übernimmt er Schüler seines eigenen Lehrers. »Das war damals für mich bereits eine Mischung aus Wertschätzung und Überforderung.« Ihm wird von außen gesagt, er sei qualifiziert, innerlich fühlt er sich nicht bereit. Die Musik und vor allem das Instrument, Dinge, die ihm Spaß machen, das alles tritt hinter die zu erbringende Leistung. Seine Begabung bestimmt zu dieser Zeit bereits seinen Lebensweg. Die Nachfrage, ob es in dieser Jugendzeit oder später noch einen Plan B gegeben habe, erstaunt Dominik Pleuel dann fast ein bisschen, er hat nie einen gehabt. Mit 15 nimmt er an einem Bundeswettbewerb teil. Motiviert durch einen anderen Blechbläser schließt er sich der Anmeldung zur Blechbläser-Quartettwertung an. »Genießen konnte ich das Musizieren schon gar nicht, außerdem fand ich es schrecklich, bewertet zu werden und gegeneinander zu spielen. Ich wollte die anderen aber nicht enttäuschen und habe mitgemacht.« Das Quartett gewinnt den 3. Preis, sowie einen Sonderpreis für die beste Interpretation eines zeitgenössischen Werks. Er hat schlechte Lehrer, die seine falsche Ansatztechnik übersehen. Das macht sich während des Wettbewerbs bemerkbar. »Ich habe zuviel Druck ausgeübt und wahnsinnige Zahn-, bzw. Nervenschmerzen bekommen.« Ein Gespräch mit den Eltern führt auch nicht weiter. »Ich sagte ihnen, dass ich ans Aufhören oder eine Pause dachte; sie wirkten zwar betroffen aber auch unbeholfen. Ich empfand es wie ein inneres Verbot, mit dem Spielen aufhören zu dürfen.” Es geht weiter steil bergauf. Mit 19 Jahren nimmt er an einer Tournee und Schallplattenaufnahmen mit einem Profiensemble teil. Alle anderen sind über 25, studierte und profilierte Musiker. Er steht ohne Studium dazwischen. Die Musik, eine Mischung aus Neuer Musik und Jazz, ist kompliziert notiert. »Das war auch so ein Überfliegerding. Ich konnte es wohl auch, aber ich war nur unter Strom.« Er spricht nüchtern über seinen Aufstieg in das Projektensemble. Andere hätten sich vielleicht damit gebrüstet. Nur der persönliche Kontakt mit den Musikern im Ensemble, die ihm vom Alter her näher sind, stärkt ihn in dieser Zeit, er empfindet weniger Druck in ihrer Gesellschaft.

Dominik Pleuel geht 1985 nach Berlin. Er wird mit 23 Jahren ständige Aushilfe in einer wichtigen Big Band der Westberliner Zeit. Er ist jung Vater geworden, muss Geld verdienen. Das Musizieren ist mit seiner finanziellen Existenz verknüpft. Und mit der Angst zu scheitern. Er nimmt zu den ganzen Anforderungen noch ein Studium dazu. »Aber studieren, Geld verdienen und ein Kind zu haben war auch überfordernd. Da hatte ich dann schon größere Krisen, auch psychisch.« Hektisch hetzt er von einem Termin zum andern, nimmt ständig Aufträge an, um sich und die kleine Familie über Wasser zu halten. Es folgt ein Karriereschritt nach dem anderen. Lehrauftrag an der Universität, Stipendium in New York. Und immer wieder der Gedanke daran, viel zu große Schuhe zu tragen. »Wertschätzung gab es immer, und gleichzeitig dachte ich, ich bin vielleicht noch nicht so weit.«

An dieser Stelle ist Luftholen nötig. Der bisherige Lebensverlauf von Dominik Pleuel wirkt wie eine Lawine, die einen überrollt. Auch er selbst scheint es so zu empfinden. An ein Innehalten kann er sich nicht erinnern. Manche Details sind ihm nicht mehr präsent. Das Leben zieht ihn einfach immer mit. Er läuft wie kopflos hinterher. Mit solchen marathonähnlichen Karrieren bei Musikern kennt sich Magdalena Zabanoff aus. Sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Musikerpsychologie (DGfMP). Sie vergleicht die Arbeit einer/s professionellen Musiker/in mit der eines Hochleistungssportlers.


»Durch die Medienverbreitung ist das Anspruchsniveau der Zuhörer, der Perfektionsanspruch, gestiegen. Vielen Zuhörern ist nicht klar, wie viel Arbeit in einer gelungenen Aufführung oder einem Konzert steckt.«


Um den Druck aus der Performance zu nehmen, sei es wichtig, als Musiker seine Karriere zu planen. Sich Ziele zu setzen. Aber auch Alternativen zu überlegen. Dominik bekommt die Einseitigkeit seines Berufs immer mehr zu spüren. Durch die Wende verschlechtert sich die Auftragslage kontinuierlich. »Viele Bands und Institutionen, wie die Rias Big Band oder das Orchester des Theater des Westens wurden aufgelöst. Im Musical-Bereich wurde auch viel eingespart. Es brach immer mehr ein. Und plötzlich lief es nicht mehr so richtig, ich habe das spät realisiert.« Er verliert Engagements. Spielt nun für jedes Geld. Und merkt: Er hat alles auf eine Karte gesetzt. In der Not wendet er sich verstärkt dem Musikschulleben zu. »Da fing dann der Zerfall, die Selbstentwertung bei mir an. Ich habe aber nicht gegengesteuert, bin in eine Opferrolle geraten. Mit 40 gab es dann eine Krise mit dem Instrument auf der Bühne und ich hatte mitten im Stück das Gefühl, ich will nach Hause, es bedeutet mir nichts mehr.« Er nimmt mehrmals an Bewerbungsverfahren für eine Professur teil, spürt aber auch, dass eine berufliche Änderung nötig wird und absolviert eine Weiterbildung für Musikphysiologie. Schließlich wird ihm klar, dass er letztlich eine Abneigung dagegen hat, für Geld zu unterrichten und zu spielen.

Den endgültigen Knick gibt es dann vor zwei Jahren im Zuge der neuen Ausführungsvorschriften des Senats. Damals stellte die Deutsche Rente fest, dass Honorarkräfte an Musikschulen wie abhängig Beschäftigte verhandelt wurden. Der Senat kam der Scheinselbständigkeitsdebatte mit neuen Verträgen bei. »Wir Lehrer mussten neue Verträge unterschreiben, entweder du unterschreibst, oder du fliegst raus«. Schwarz auf weiß bedeuteten diese neuen Verträge jedoch weniger Honorar und mehr Verwaltungsaufwand. Dominiks Situation verschlechtert sich merklich. Durch die neuen Verträge bekommt er weniger Geld und fühlt sich, wie wohl viele Musikschullehrer in dieser Situation, vom Senat extrem unter Druck gesetzt. Er wird immer öfter krank, fühlt sich unausgeglichen. »Ich war nicht mehr in der Lage, zu differenzieren: was ist ein positives musikalisches Erlebnis, was ein negatives.« Hinzu kommt an manchen Stellen die Panik. »Wenn das Telefon klingelte und ich sah, dass da ein potenzieller Auftraggeber dran ist, bekam ich schon Herzrasen.« Das Wort »Todesangst« fällt im Zusammenhang mit einzelnen Auftrittssituationen.

Symptome wie Herzrasen und Luftnot bei Musikern sind Miriam Junge schon oft begegnet. Sie ist Verhaltenstherapeutin und betreut in ihrer Privatpraxis seit mehreren Jahren verstärkt Künstler und Schauspieler. Das Burnout bei Musikern sei anders als das klassische Burnout. Musiker brächten andere Persönlichkeitseigenschaften mit anderen Fragestellungen mit. Es seien Persönlichkeiten, die »mehr in der Öffentlichkeit stehen und unter einem anderen Druck leiden.« Ein Burnout bringe dann die Aspekte des »nicht Neinsagens, des eigene Bedürfnisse Übergehens« mit sich. Magdalena Zabanoff von der DGfMP bringt es auch mit dem gesellschaftlichen Rahmen in Zusammenhang: »Das, was das äußere System geben und nehmen kann, ist inkongruent mit dem, was der jeweilige Mensch nehmen und geben kann.« Das Bemühen, eine gute Darbietung zu leisten und andere an der eigenen Freude an der Musik teilhaben zu lassen, kollidiert mit den hohen Anforderungen und der großen Konkurrenz am Musikmarkt. Der/die Musikerin muss einer vorgestellten Perfektion nachkommen, sonst hat das direkte finanzielle, aber auch persönliche Auswirkungen. Entwertung passiert auch durch neue Kommunikationswege wie Facebook, immer direkter.

Auch bei Dominik Pleuel stellt sich immer mehr diese »Nichtpassung« ein. Sein hohes Engagement im Musikschulunterricht wird nicht wahrgenommen oder finanziell honoriert. Vorgesetzte sind ihm teilweise gegenüber nicht loyal. Die Enttäuschung über sein eigenes Musikerumfeld ist ihm anzumerken. Die Zerrissenheit der Berufsgruppe des Musikers ist laut Magdalena Zabanoff ein zusätzliches Problem: Bei niedrigen Honoraren werde von Seiten der Veranstalter, die bisweilen selbst Musiker sind, an den Idealismus appelliert: »Man tut es wegen der Musik, da sollte es doch nicht ums Geld gehen.« Auch die Aufstiegschancen innerhalb der Berufsgruppe seien eingeschränkt, sodass das Engagement, die aufgewandte Energie beim Studium und Üben nur bedingt und manchmal gar nicht in beruflichem Aufstieg münde. »Die Musikbranche ist unfair und hart.«, sagt Miriam Junge. »Auf der einen Seite muss man kreativ sein, auf der anderen hart und geschäftsmäßig.«,

Vom Beginn der Überforderung bis heute sind es etwa 40 Jahre. Er kommt an einen Punkt, wo der Ausstieg unvermeidlich erscheint. »Ich musste mal raus. Da war das Gefühl, dass sich die Negativspirale verselbständigt hatte. Meine Nerven lagen blank und ich war immer öfter depressiv oder wütend. Auszusteigen und in die Klinik zu gehen kam mir vor wie eine Vollbremsung in letzter Sekunde.« Das Ganze ist erst ein Jahr her. Im Anschluss an die Klinik beginnt Dominik Pleuel eine Therapie, inzwischen ist es eine Gruppentherapie. Und die Musik? »Ich bin wieder eingestiegen, auch mit der Frage, ob ich in dem Bereich arbeiten kann. Die ist noch nicht beantwortet. Ich bin tausend Tode gestorben bei den ersten Auftritten. Mein eigener Perfektionismus stellte mir immer wieder Beine. Ich hatte bei einem Auftritt eine Note unsauber getroffen, da war ich total fertig.« Sich mutig wieder in den alten Bereich hereinwagen sei wichtig, wie Miriam Junge betont. »Man achtet dann mehr auf sich, hat die Symptome auf dem Schirm, und gleichzeitig ein Werkzeug in der Hand und kann innehalten.«  

Dominik Pleuel hat sich jetzt jedoch einen Bereich frei geräumt, der ohne Leistungsdruck, ohne überhöhten Anspruch ablaufen kann: Er unterrichtet zusätzlich ein anderes Blechblasinstrument. »Mit den kleinen Kindern macht es mir im Moment am meisten Spaß. Ich komme da weg vom Leistungsding, da ist eher das Spielerische wichtig.« Improvisieren, nicht nach Plan funktionieren, befreit ihn. Seine Gestik und Mimik werden lebhafter, wenn er von den neuen Erfahrungen erzählt. Sobald er jedoch sein Hauptinstrument in die Hand nimmt, tauchen alte Themen auf. »Ob da noch Veränderung möglich ist, dass es irgendwann meins wird, weiß ich nicht. ¶


Ansprechpartnerinnen in diesem Artikel

· Dr. phil. Cand. Dipl. Mus. Magdalena Zabanoff, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Musikerpsychologie e.V. (DGfMP)
· Dipl. Psych. Miriam Junge, Psychologische Psychotherapeutin


Weiterführende Artikel zu Burnout

· Jürgen Brunner: Wenn Musik krank macht, nmz, Ausgabe 10/2013 – 62. Jahrgang (Link
· Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin e.V.: ›Burnout‹ bei Hochleistungsanforderungen – Musiker und Mediziner (Link)


Bücher

· Rotraud A. PernerDer erschöpfte Mensch – zwischen Krankheit und Modediagnose. Residenz-Verlag 2012
· Martina Leibovici-Mühlberger: Die Burnout Lüge. Was uns wirklich schwächt. Wir wir stark bleiben. Edition a


Videos

· Arte DOKU: Gegen die Wand – Rätsel Burnout, die überforderte Gesellschaft (Link)
· Hart aber fair: Burnout, Modekrankheit oder Seuche (Link)

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