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Was macht VAN?

Ein Magazin für klassische Musikkultur

Am 22. Mai erscheint die erste Ausgabe von VAN. Heute geht unsere Website online. Genau wie im Magazin erzählen hier Menschen von Musik. Von Dingen, die nachdenkenswert sind und bleiben, auch jenseits von Tagesaktualität, Hypes und High-End-Events.


Klassische Musik ist ein Begriff, der uns natürlich auch oft nervt, weil er mehr Missverständnisse produziert als er Klarheit schafft. Wie jetzt »klassisch« – Beethoven und Mozart? »Tote« Musik? »E«-Musik? Kunstmusik? Der Begriff trägt schwer unter der Last von Klischees: Klassische Musik ist museal, verkopft, verstaubt, nett zur Untermalung beim Sektfrühstück oder zur Beschallung schwangerer Bäuche. Ausgelaugte Adjektive verkleistern das Hören: feierlich, entspannend.

All das bringt uns permanent in Versuchung, vom Offensichtlichen zu überzeugen: dass klassische Musik für uns alles andere ist: irritierend, unterhaltsam, betäubend, abgründig, radikal, enttäuschend, rebellisch, subversiv, wunderschön, wahnsinnig und ordinär. Und so wollen wir auch unser Magazin machen.

Zeitgenössisch, neu, alt, Mainstream und Nische

Was genau zu »klassischer Musik« gehört, können und wollen wir nicht vorher definieren. Wir wissen es, wenn wir es hören. Wir finden viele unterschiedliche Musiken großartig: zeitgenössisch, neu, alt, Mainstream und Nische. Uns interessieren Grabenkämpfe und ästhetische Normierungen als Meinungen oder Debattenbeiträge, aber nicht als Ideologien. Uns interessiert leidenschaftlicher Streit, solange man dabei in Kontakt ist.


Uns geht es nicht um »Vermittlung« oder krampfhafte Belebung von etwas, was vermeintlich klinisch tot ist: von klassischer Musik als Jurrassic Park der »Hochkultur«, samt »Lounges«,»Clubs« und »Phil Chills«; der Streber, der auf einmal versucht hip zu sein.


Wir glauben nicht, dass irgendeine Musik erst in mundgerechte Häppchen zerhackt werden muss, um verdaut werden zu können. Als ob Essen grundsätzlich durch die Moulinex gejagt werden müsste, um es genießbar zu machen. Will man ein Leben lang Püree essen? Gute Musik wird immer ihre Hörer finden.

Wir tun nicht so, als sei klassische Musik einfach konsumierbar. Welche Kunst ist das schon? Manchmal ist sie sperrig, unzugänglich. Sie verlangt, dass man ihr zuhört, sich ihr widmet und sich auf sie einlässt. Und auch dann kann eine Distanz bleiben, man muss nicht alles verstehen. Und manchmal kann man sich ihr vor lauter Intensität auch nicht zu lange aussetzen. Aber ist das nicht auch wieder etwas, was gute Musik immer ausmacht? Dass sie sich dem Konsum entzieht, trotzig ist und sperrig, aus dem Hintergrund nach vorne drängt, nicht einfach nur gefällt, sondern einen konfrontiert mit der eigenen Schwäche, mit Abgründen, mit Schatten, seltsamen Träumen, Landschaften und Begehren.

Kulturelles Erbe

In einer Umfrage erklärten jüngst 88 Prozent der Deutschen, dass »klassische Musik« ein »wichtiges kulturelles Erbe« ist. Aber nur jeder Fünfte besuchte innerhalb eines Jahres ein klassisches Konzert, bei den unter 30-jährigen war es nur jeder Zehnte. »Kulturelles Erbe« – das klingt verdächtig nach dem ungenutzten Teeservice der Urgroßmutter, das man nur aus Pflichtgefühl einmal im Jahr aus der Kommode holt. Klassische Musik riecht nach Pflichtgefühl, schlechtem Gewissen und einem Ort, zu dem man sich den Zugang in jeder Hinsicht erst verdienen muss.

Pop-Musik war die große Musik der Rebellion, der inszenierten Kollektivität, des Non-Konformismus, wo ästhetische in guten Momenten auch immer mit politischen Positionen verbunden waren. Klassische Musik kann durch das jahrzehntelange Dasein in der sozialen Isolation nicht aus einem solchen Fundus an Codes schöpfen. »Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein« funktioniert hier nicht, eine Aufführung von Mahlers 4. Sinfonie taugt nur bedingt als sozialer Initiationsritus. Dazu kommt die abwesende Präsenz des Schöpfers, der meist hinter der Musik bleibt und für eine Fankultur nicht zur Verfügung steht.


Klassische Musik ist a-soziale Rebellion. Sie ist auch eine Musik der Einsamkeit, des auf sich selbst zurückgeworfen Seins. Gleichzeitig ist es spannend, wenn diese über die Einbettung in neue Aufführungspraktiken in soziale Zusammenhänge überführt wird.


Natürlich gibt es auch um diese Musik bereits eine »Kultur«. Zwischen und hinter den ritualisierten Abläufen existiert ein kulturelles Ökosystem, in dem ganz verschiedene Menschen leben und arbeiten. Hier gibt es andere Geschichten, Rituale, Entwicklungen, hier blühen Streitbares, Abscheulichkeiten und Kleinode. Und es erstreckt sich die Dimension einer Arbeitswelt samt zeitgeistgemäßer Sorgen und Nöte: Arbeitslosigkeit, Konkurrenzkampf, Urlaubsanträge, die Forderung nach totaler Flexibilität, berufliche Deformationen.

Neue Formate

Anderes ist im kooperativen Fluss, ästhetische Schubladen werden immer durchlässiger, überall auf der Welt entsteht aufregende Musik, das Zentrum-Peripherie-Gefälle löst sich langsam auf oder kehrt sich um, musikalische Traditionen mischen und befruchten sich gegenseitig. Entlang von Pionierwegen, zwischen neuen Labels und regionalen Gravitationszentren finden Experimente statt, deren verbindende Merkmale Kooperation, Wertschätzung und ästhetische Offenheit sind. Daraus geht nicht nur neue Musik hervor, sondern es entstehen auch neue Formate, neue Ensembles, neue Festivals, neue Orte des Austausches. Und im Rahmen der Interpretationssättigung ein Künstlertyp, der den Elfenbeinturm verlässt, aber auch die große Geste unterlässt. Für den nicht mehr nur zählt, ob eine Phrase technisch-perfekt gespielt ist oder interpretatorisch im Trend liegt, sondern inwieweit man in der Lage ist, zu kommunizieren, kollaborieren, experimentieren. Überall wird entflust und entstaubt, alles ist im Fluss, der sich der Begradigung in Etiketten oder neuen Schubladen entzieht.

Viele der sozialen Klischees über »klassische Musik« verlieren ihre Gültigkeit. Teuer? Eine Karte für ein Konzert von Arcade Fire kostet sechs mal so viel eine Stehplatzkarte für die Berliner Philharmoniker. Snobbig? Ist nicht Pop längst der neue Snob und seine rebellischen Gesten zur Folklore verkommen? Bundesminister und Vorstandsvorsitzende gehen heute zu AC/DC oder Coldplay. Wenn jemand totale Vermarktung erleben will, dann geht er zu Rock am Ring oder dem Hurricane Festival. Immer mehr Künstler flüchten aus der Kommerzialisierung und dem Konformismus des Pop in die »klassische« Musik, weil sie hier einen Freiraum und eine experimentelle Energie finden, die sie woanders vergeblich suchten.


In VAN sollen die Freaks und unbekannten Mavericks, die jungen Komponisten und vergessenen Alten ebenso eine Stimme haben wie der Hochglanz von Bayreuth, Salzburg und Glyndebourne. Die skurrilen Posen ebenso wie die Tabuthemen. Die Menschen auf der Bühne und die dahinter.


Uns interessiert, was in São Paulo passiert und in Donaueschingen. Uns interessieren leidenschaftliche persönliche Plädoyers, Haltungen und Empörungen. Wir sind immer auf der Suche nach neuen Zusammenhängen, Schnittmengen, Überschneidungen, Randgebieten Synergien, Befruchtungen: Musik und …Literatur, Film, Tanztheater, Technologien, Politik, Neurologie und Ethnologie. Es gibt Unmengen spannenden Materials, was permanent durch das Marketing-Gitter gesiebt wird und was sich lohnt, aufzufangen.

Wir wollen mittendrin sein und doch immer soviel Selbstbeherrschung haben, uns rechtzeitig wieder rauszuziehen, um unabhängig zu bleiben. Und wir laden alle ein, dies mit uns zu tun. ¶