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Unter dem Barockgarten – das Blut

 

Ein Interview mit Rufus Wainwright

 

Interview Tobias Ruderer · Fotos Sean James


 

Rückblick ins Jahr 2001: Die Renaissance der Singer-Songwriter ist bereits in vollem Gange. Die Kings of Convenience benennen ihr erstes Album Quiet Is the New Loud und läuten eine Ära ein: Zurückhaltend, verträumt, super zu remixen. Etwa zeitgleich erscheint Poses von Rufus Wainwright, und da steckt irgendwie mehr drin, mehr Pop, mehr Geste, mehr Gesang, mehr Farbe, mehr Inbrunst, mehr Chöre, größere Melodiebögen, mehr Geschichte, mehr Amerika: Van Dyke Parks, Beach Boys, Billy Joel, Judy Garland, Frank Sinatra, Carole King. Elton John erklärt Wainwright zum besten Songschreiber seiner Generation. Eigentlich ist das zu prächtig, zu handwerklich, zu wenig cool oder indie/clubmäßig, um in einer Zeitschrift wie der Spex besprochen zu werden. Und trotzdem hat Rufus Wainwright auch da seinen Platz, er ist offen schwul und spielt mit schwulen Klischee-Rollen, dem Dandy, der Diva. Er führt ein Rockstarleben inklusive einer – inzwischen  überwundenen – Phase der schweren Drogenabhängigkeit, während die Musik – irgendwann macht die Rede vom baroque pop die Runde – immer opulenter wird. Im Jahr 2009 findet in Manchester die Premiere seiner ersten Oper Prima Donna statt. Ein Jahr später erscheint All Days Are Nights: Songs for Lulu, ein Liederzyklus, den man in Rezensionen aus dem Popbereich (wie hier) etwas zu selbstbezogen fand, während bei Schott Music schon mal der klassische Notendruck vorbereitet wurde.

Mitte Juni 2015: Rufus Wainwright zu Gast in Ludwigsburg bei Stuttgart im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Am Abend gibt er einen Liederabend mit der Sopranistin Angelika Kirchschlager. Sie singt Wainwright, eben jenen Songzyklus, er singt Berlioz, danach gibt es buntes Programm. Wir treffen uns vor dem Konzert, am späten Sonntagvormittag an einem Hotel am Rande des Schlossgartens und gehen danach durch das »Blühende Barock« in Richtung Schloss. Als Wainwright sich vergewissert hat, dass unser Interview perfekt in seinen Plan, gleich noch das Schloss zu besichtigen, passt, entspannt er sich. Es ist heiß, er trägt kurze Hosen.

›Vom Lied zum Song‹ heißt das Programm heute Abend, ist diese Unterscheidung Kunstlied / Popsong wichtig und sichtbar für deine Arbeit als Komponist?

Ich bin zwar nicht der einzige, aber doch einer der wenigen Popmusiker auf der Welt, die das Modell hinter Lied (sagt es in deutsch) verstehen, bis hin zum französischen Chanson, Kurt Weill etcetera. Als ich 13 Jahre alt war, wurde ich schwerwiegend und plötzlich verwandelt, nachdem ich Verdis Requiem im Konzert hörte; am Ende dieses Abends war ich Opernfan, so richtig. Und danach machte ich Bekanntschaft mit Schubert und speziell der Winterreise, in dieser Aufnahme mit Brigitte Fassbaender (iTunes/ Youtube), und das wurde einfach eine Quelle meines Songwritings, während die meisten Kids, die später Popmusiker werden sollten, so mit 14, 15, 16 David Bowie, Nirvana und so gehört haben, hörte ich tatsächlich Lieder. Ich hatte einfach diese Ader. 


»Ich studierte dann Musik an der McGill Universität und dachte, es würde ziemlich aufregend werden: Leute in meinem Alter, Rock ’n’ Roll, Sexpartys. Aber es war leider total trocken, steril und uninspirierend.«


Musst Du an einer gewissen Stelle entscheiden, ob du jetzt ein Lied oder eine Arie schreibst oder einen Rocksong?

Das verläuft mehr in Phasen: Damals, mit 15, wusste ich nur, dass ich Musiker werden würde, und dass ich dafür arbeiten musste. Also übte ich viel, schrieb viel Musik, sehr methodisch, sehr fleißig.

Es gab zwar diese frühen Begegnungen mit der Popwelt. Aber ich studierte dann Musik an der McGill Universität und dachte, es würde ziemlich aufregend werden: Leute in meinem Alter, Rock 'n' Roll, Sexpartys. Aber es war leider total trocken, steril und uninspirierend.

War es das Studium der zeitgenössischen Musik, das dir nicht zusagte?

Es gab keine Romantik mehr, keine Melodien! Ein kleiner Vorfall, der für mich damals aber eine große Rolle gespielt hat: Ich war ein großer Fan von Verdi und ich habe dann in den Studienplänen gesehen, dass Verdi genau einen Tag lang behandelt würde. Als ich das angemerkt habe, hieß es: ›Weißt du Verdi, auf den kommt es in der Musikgeschichte jetzt nicht wirklich an.‹ 

Ich habe dann irgendwann die Musikhochschule verlassen und meine Karriere in der Popwelt lief an. Aber um zurück zu deiner Frage zu kommen: Ich hatte zuvor schon wirklich viel mit Songs gearbeitet, studiert und geübt. Songwriting wurde – wie der Sport bei einem Athleten – Teil meiner Existenz, und heute passiert das automatisch. Songs kommen ohne Ankündigung, aber ziemlich regelmäßig, über sie kommuniziere ich mein emotionales Leben nach außen.

Aber irgendwann wollte ich mehr als nur den nächsten Song, das Studio, das Singen vor dem Publikum und wieder von vorne. Ich fühlte mich ausgetrocknet, mir fehlte das ›richtige‹ Arbeiten. Also kam ich zur Oper zurück. 

Und worin besteht konkret der Unterschied in der musikalischen Arbeit?

Vor allem ging es mir damals um die Arbeitsweise, die Aufregung, die Möglichkeit, dass alles jederzeit zusammenbrechen kann – darum geht es in der Oper, sie ist irgendwie so unmöglich zu kontrollieren, alleine das Zusammenspiel aus Dirigenten, Intendanten, Sängern, Komponisten. Und dann orchestriere ich die ganzen Stimmen, muss diese Melodien mit spezifischen Stimmen verkörpern, diesen Charakteren Leben einhauchen. Das ist eine größere Herausforderung.

Und dann ging es schon wieder in die andere Richtung …

… ja, dann fand ich die Kultur der Klassikwelt drumherum manchmal sehr trocken, etwas steif und gelegentlich auch etwas uninspiriert und dann ging es zurück in den Pop.

Machst du dir solche Unterschiede eigentlich auch bewusst, wenn du dir dein jeweiliges Publikum vorstellst?

Nein, eher nicht. Ich würde fast behaupten, ich habe eines der vielfältigsten Publika der Welt. Alt, jung, schwul, lesbisch, hetero, männlich, weiblich. Es gibt nicht den typischen Wainwright-Fan, das ist manchmal schlecht, manchmal gut. In Sachen staying power hilft es enorm, dass ich viele Arten von Menschen anspreche, in Sachen Marketing ist es eine Katastrophe (lacht).

Ist das auch ein Grund dafür, dass du dich für die Finanzierung der Aufnahme von Prima Donna (mit dem BBC Symphony Orchestra) für Crowdfunding entschieden hast?

Der Grund war eher, dass die großen Klassiklabels keine Opern mehr aufnehmen, na ja, vielleicht noch live, aber nicht im Studio, und ich wollte einfach eine Studioaufnahme. Das lief super mit dem Crowdfunding


»Trotzdem sind wir gerade an einem Umschwung, die finanzielle Förderung schwindet, mehr oder weniger weltweit. Die Garantie, die Institutionalisierung fällt weg. Die Musik wird für sich selber kämpfen müssen, ich weiß noch nicht, was das dann genau bedeutet.« 


Wie ist dein Blick auf die Entwicklung des Klassikpublikums und die altbekannten Sorgen? 

Na ja, jeder wird älter, sogar die Jungen, oder? Inzwischen finde ich das meiste im Pop wirklich steril und durchkommerzialisiert; der Sound eines Künstlers wird nur im Zusammenhang mit einem Produkt, einem Style wahrgenommen. Aber irgendwann in ihrem Leben wollen die Leute einfach etwa tieferes, etwas herausforderndes, ungewöhnliches. Und das mag ich an Oper und klassischer Musik: Du kannst Rolex oder Montblanc-Sponsorings für deine Events haben, aber es geht am Ende doch um die Musik, die Hingabe, die Arbeit. Dafür gibt es bei Menschen einfach eine Resonanz, denke ich, und dem vertraue ich. Trotzdem sind wir gerade an einem Umschwung, die finanzielle Förderung schwindet, mehr oder weniger weltweit. Die Garantie, die Institutionalisierung fällt weg. Die Musik wird für sich selber kämpfen müssen, ich weiß noch nicht, was das dann genau bedeutet. 

Wir sitzen hier in diesem Barockgarten, und eine gewisse Nostalgie für die Vergangenheit ist ja auch ein Teil deiner Inszenierung. Sehnst du dich manchmal auch in Bezug auf den Lebensstil nach einer Flucht in die Vergangenheit?

Ich glaube nicht, dass irgendeine Zeit besser als eine andere war. Ich mache mir auch nichts vor: Es ist heute sehr viel einfacher zu leben, etwa als Frau oder als bekennend schwuler Mann. Allein in Bezug auf die Künste, auf Darbietungen, auf das Schreiben von Liedern gab es vielleicht früher ein besseres Maß in Bezug auf Klasse, Exzellenz als es heute gibt. Und es war einfach romantischer, stilvoller, schöner. Trotzdem: Ich lebe lieber heute.

Siehst Du heute Künstler/innen, die an den selben Dingen arbeiten, an deren Arbeit man sich orientiert oder in einem Wettbewerb steht? 

Ich bin gut mit Nico Muhly befreundet; auch was Mark-Anthony Turnage macht, ist mir bekannt, die Oper über Anna Nicole Smith (Anna Nicole; Link zu einem Trailer bei Youtube) zum Beispiel. Aber ich habe schon das Gefühl, so ein absoluter Romantiker zu sein, die großen Opern-Emotionen zu komponieren; und da gibt nicht so viele Leute, die das gerade auch noch machen. Und ich habe auch das Gefühl, ich darf das, weil ich aus dem Pop komme, ich muss nicht nach den Regeln spielen, die Komponisten kennen, die aus ›dem System‹ hervorgegangen sind. Ich mag vor diesem Hintergrund Richard Strauss, der ja total auf der Höhe seiner Zeit angefangen hat, und dann, in der Perspektive mancher, einfach rückwärts gegangen ist. Aber vielleicht läuft es einfach im Grunde auf Beethoven hinaus: ›Von Herzen, möge es wieder zu Herzen gehen‹, das ist das Wichtigste, ich will aufrichtig sein.

Werner Herzog hat einmal gesagt: ›Auch die großen Gefühle der Oper, die oft als übersteigert abgetan werden, kommen mir eher in die Gegenrichtung aufs äußerste reduziert vor, auf das Archetypische der Gefühle verdichtet, nicht mehr weiter in ihrer Essenz konzentrierbar.‹ Trotzdem: Ist die Darstellung nicht für die meisten Menschen einfach veraltet?

Lass mich erzählen: Ich weiß seit ich dreizehn bin, dass ich schwul bin. Und das war so um 1987, man sprach nur über Aids, meine Eltern waren unglücklich darüber, es war wirklich eine harte Zeit. Und auf eine verrückte Art war Oper die einzige Musik, mit der ich was anfangen konnte. Es gibt um Tod, Verlust, das Jenseits, Zurückweisung, und das im großen Stil! Aber es war immer sehr realistisch für mich So fühlte ich mich innerlich. ›Normale‹ Songs haben das für mich nicht berührt.

Für mich geht es um die Bewegungen der Seele, und das ist viel größer als jeder Barockgarten, als jeder mittelalterliche Palast. Die Leute haben große Gefühle, die meisten jedenfalls, und wer das für sich abstreitet, verhält sich kindisch oder muss sie eben noch entdecken.

Thomas Wördehoff, der Festivalleiter, ist ein wenig um Vermittlung und Kommunikation bemüht an diesem Abend, an dem nicht so sehr die Musik als vielmehr die Besetzung experimentell ist. Nachdem Angelika Kirchschlager die zwölf Songs for Lulu gesungen hat, darf sie ihre Erschöpfung zeigen. Wördehoff bescheinigt ihr direkt im Anschluss, »da auf jeden Fall eine neue Ebene hereingezogen« zu haben. Wainwright kommentiert seine tapfere Erkundung von Berlioz’ Nuits d’Eté (siehe Video unten) mit den Worten »homework done«. Danach kommt ein buntes Potpourri (Brecht, Rodgers & Hammerstein, Wainwright, Händel, Chansons, Cohen) die beiden Sänger/innen sind sehr ausgelassen, albern herum, das Publikum scheint es zu genießen.

Was ist Lulu für Dich?

Also erst mal liebe ich die Oper von Alban Berg, den Film von Georg Wilhelm Pabst (Die Büchse der Pandora mit der amerikanischen Schauspielerin Louise Brooks, der Film ist inspiriert von Wedekinds Erdgeist und Die Büchse der Pandora). Allerdings habe ich das Theaterstück Lulu von Wedekind noch nicht gelesen. Ich fühlte beim Schreiben, dass das, was sie für mich repräsentiert … ich bin. Sie verkörpert die Sünde, die Sucht, die dunklen Gedanken. Das gibt es in meinem Leben immer noch. Ich musste sie eine Zeit lang bekämpfen, weil es kurz davor war, mich zu töten oder mein Leben zu ruinieren. Aber trotzdem liebt man doch diesen Teil des Selbst, und es gibt Zeiten, wo er ausgedrückt werden will. Es ist wie ein Opfer für diese dunkle, tiefe Göttin Lulu.

… die ja am Ende alle und sich selbst zerstört.

Eben, und ich glaube, um sich nicht zu zerstören, muss man ihr von Zeit zu Zeit ein Opfer bringen, sie anerkennen.

Das heißt, du lebst nun im Einklang mit Dir und allem?

Na hör mal, wer tut das schon. Schon hier hinter der Fassade dieses Barockgartens lauert eine Fontäne von Blut (lacht). Nein, im Ernst, die Erde ist auch ein furchterregender Ort. 

… und ist die Oper da nicht auch eine Form der Flucht raus ?

Nein gar nicht, die Welt war schon immer so, glaube ich, und die Oper bildet das ab, beschäftigt sich mit Themen. Und ja andererseits ist es auch eine Form der Flucht. Aber eine, in der man diese Aspekte, den Niedergang, den Ruin, anerkennt und genießt. Und eben auch in Verbindung mit seinen eigenen Abgründen treten kann. ¶

Noch bis zum 18. Juli 2015 kann die Einspielung von Prima Donna auf der Webseite der BBC gehört werden.

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