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Vom Blatt gespielt
Eine kleine Tour durch VAN mit
dem Cellisten Alban Gerhardt

Interview Hartmut Welscher · Foto Sim Canetty-Clarke/Hyperion Records



VAN: Du schreibst schon seit vielen Jahren kleine persönliche Texte in Deinen Blog. Was motiviert dich dazu?

Alban Gerhardt: Für mich ist es einerseits fast eine Art Tagebuch-Ersatz. Auf der anderen Seite wollte ich etwas von der Fassade wegreißen, die sich klassische Musiker oft geben um gehalt- oder weihevoller zu wirken; denn sie hat nichts mit der wirklichen Liebe zur Musik zu tun.

Die Cellistin Elena Cheah hat für uns ein Tagebuch über ein Probespiel für eine Solo-Cello Stelle beim Concertgebouw-Orchester in Amsterdam geschrieben und es scheint, als ob die Liebe zur Musik dort auch auf eine harte Probe gestellt wird. Ist das Prozedere dieses Auswahlverfahrens noch zeitgemäß?

Nein, ich halte den Prozess von Probespielen für kontraproduktiv weil unmusikalisch. Oft kommen nicht die besten Musiker weiter, sondern das Format bevorteilt die fleißigsten und coolsten Instrumentalisten, die einfach die Stücke für ein Probespiel bis zum Erbrechen üben, dabei aber jegliche Kreativität abstellen. Von einem Konzertmeister ist ja nicht nur gefordert, dass er »geil« Geige spielt, sondern dass er musikalisch ist, Antennen hat, eine Linie gut führen kann, auch Ahnung von Barockmusik hat und so weiter. Es wäre, glaube ich, sinnvoller, die Kandidaten auch Kammermusik oder vom Blatt spielen zu lassen

Das venezolanische Musikprojekt El Sistema ist in den letzten Jahren so ein bisschen zum Heilsbringer für die klassische Musik avanciert. Unser Autor Geoff Baker sieht hier aber teilweise sehr reaktionäre und konservative Werte am Werk. Du warst 2006 mit dem Bundesjugendorchester in Venezuela – was sind deine Erfahrungen?

Wir spielten damals ein Konzert gemeinsam mit dem El Sistema Orchester. Die Qualität war schon gewaltig und es ist bewunderungswürdig, was dort geschaffen worden ist. Leider war es auch allzu offensichtlich, wie stark das Projekt für Propagandazwecke von Chavez ausgeschlachtet wurde. Ich habe ihn vor dieser Reise immer bis zu einem gewissen Grad verteidigt, aber als ich dort war, fühlte ich mich schon ein wenig an die DDR erinnert, so in Richtung sozialistische Spitzensportförderung. Und die hübschen Geschichten »Pistolen austauschen gegen Klarinetten« klingen natürlich super, aber wer kann das nachprüfen?

Der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Simon Rattle, sagte einmal, er habe in Projekten wie El Sistema die Zukunft der klassischen Musik gesehen. Wir haben in der größten Favela São Paulos eine Musikschule besucht und uns gefragt, worin eigentlich diese Zukunft besteht. Was können wir von Südamerika lernen?

Also, wenn solche Projekte dazu beitragen, dass wir in Deutschland mehr in Breiten- statt in Elitenbildung investieren, hätten wir unsere Lektion gelernt. Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich Geld von den Hochschulen für die grotesk unterfinanzierten Musikschulen abzweigen. Sämtliche Kulturorganisationen machen Programme, wie sie Kinder an Musik heranführen können – und dann gibt es riesige Warteschlangen an den Musikschulen. Aber musikalisch sehe ich ehrlich gesagt kein »Latino«-Element, das die klassische Musik revolutioniert.

In Venezuela bekommt das Ganze gerade wieder eine stark politische Dimension. Dem Dirigenten des El Sistema Sinfonieorchesters, Gustavo Dudamel, wurde unter anderem von der Pianistin Gabriela Montero vorgeworfen, dass er sich im Rahmen der aktuellen Proteste dort nicht positioniert. Es gibt die Diskussion um den designierten Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker Waleri Gergijew und seine Putin-Treue. Thomas von Steinaecker beschreibt solche Ambivalenzen auch an Richard Strauss, Direktor der Reichsmusikkammer mit jüdischen Enkeln. Von Steinaecker zeichnet ihn als bayerischen Spießbürger, Frauenversteher, innovativen Komponisten. Was ist Deine Verbindung zu ihm?

Ich war so mit zehn, elf, zwölf ein Strauss-Fanatiker! Mit elf habe ich ein Klaviertrio komponiert, das ungefähr anderthalb Minuten dauerte und irgendwie so aufhörte (spielt am Klavier Strauss-infizierte Akkorde). Mein Opa war Dirigent und ich hatte von ihm den Rosenkavalier-Klavierauszug geerbt und konnte die letzten fünf Seiten auswendig. Politisch natürlich ein zwiespältiger Typ. Doch die Diskussionen um die politische Angepasstheit von Strauss und Pfitzner, den Antisemitismus eines Richard Wagners, das Verhalten Furtwänglers während des Dritten Reichs oder die versteckte Stalinkritik in Schostakowitschs Musik finde ich eher uninteressant, und jetzt über Dudamel zu richten, weil er ein Kind des Systems ist und El Sistema wahnsinnig viel zu verdanken hat, klingt für mich nach PR. Allerdings empfinde ich das Anbiedern von Topstars der klassischen Musikbranche an einen Diktator eher unangenehm (und ich meine weder Chavez noch Maduro).

Du hast das für dich geschriebene Cellokonzert der Komponistin Unsuk Chin vor einem Jahr mit den Berliner Philharmonikern gespielt. Alex Ross schreibt in seinem Artikel über zeitgenössische Komponistinnen. Da gibt es ja immer noch eine bizarre Ungleichheit, was deren Präsenz in der Musikwelt angeht. Liegt das daran, dass wenig Neues gespielt wird? Oder ist eine Benachteiligung institutionell verankert?

Das ist eine wirklich schwierige Frage. Vielleicht besitzen Männer öfter eine kulturell erlernte Arroganz: etwas zu komponieren und davon zu behaupten, das sei nun große Musik. 

Wir haben Richard Reed Parry von der Rockband The Arcade Fire getroffen, der ein gutes Beispiel für eine Art offenes Doppelleben zwischen klassischer Komposition und populärer Musik ist. Gibt es für dich Qualitätskriterien guter Neuer Musik?

Ich finde schon, dass man nicht total am Publikum vorbeikomponieren sollte; aber wenn nur noch Rock und Jazzelemente vorkommen, ist das auch anbiedernd, hmm schwierig ... vor allem muss ein Komponist natürlich eine eigene Sprache finden – wie etwa Brett Dean oder Unsuk Chin, bei der auch teilweise tonale Harmonien drin sind, weswegen sie manchmal schief angeschaut wird, weil sie halt nicht »krass« modern ist. 


Alban Gerhardt über...

... den Cellisten Mischa Maisky

Maisky, süßer Typ. Man assoziiert ihn ja oft mit bunten Hemden und Extrovertiertheit. Aber ich habe ihn einmal bei der Yellow Lounge in Berlin getroffen – da hat mich gewundert, wie introvertiert er war, fast schüchtern. Gar nicht so, wie sein Äußeres vermuten lässt. Was man vielleicht ihm und auch Yo-Yo Ma, dem anderen Cello-Frontrunner der letzten Jahrzehnte, vorwerfen kann ist, dass sie sich nicht genügend um die Etablierung von neuem Repertoire gekümmert haben oder darum, das Cello populärer zu machen – gemessen an Rostropowitsch davor. Aber vielleicht ist es auch heute schwieriger, echte Aussagen zu machen, Maßstäbe zu setzen, Repertoire zu etablieren. Viel Neue Musik geht verloren, weil die Leute so scharf auf Uraufführungen sind, beinahe so wie auf Weltrekorde. Dabei ist es doch mehr wert, ein Stück alle fünf Jahre bekannt zu machen als zehn so halb. Und Uraufführungen sind in den meisten Fällen die schlechtesten Aufführungen, da selbst ein einfaches Werk Zeit braucht, um wirklich von den Musikern verstanden zu werden. 

... das Ballett Petruschka von Strawinski

Eines meiner Lieblingsstücke, als ich ein Kind war; tolle und gleichzeitig sehr zugängliche Musik. Strawinski ist einer der ersten Komponisten, die ich so als Drei-, Vierjähriger erkannt habe. Zunächst seinen Feuervogel. Dann habe ich Petruschka im Radio gehört und gerufen »Oh, Feuervogel«, als ich die musikalische Sprache erkannt habe. 

Meine Lieblingsstelle ist das Ende, als Petruschka gestorben ist und seine Seele zum Himmel fliegt, diese Melodie der Klarinette (singt die Melodie). Und dann kommt ein Konzertmeister-Solo, was leider oft sehr kitschig gespielt wird und wo ich denke: Mann, der Typ stirbt, das ist das Reinste, was man sich vorstellen kann! Strawinski soll gesagt haben, diese paar Takte seien das Größte, was er jemals geschrieben hat. Und die ganze Geschichte ist so schön.

... die Oper Tosca

Das war jeden Morgen meine Wake-Up-Musik, als ich ein Jahr in Cincinnati studiert habe und wir zu dritt in einem 1-Bett-Appartment gewohnt haben – die beste Studienzeit meines Lebens. Wir sind immer um sechs Uhr aufgestanden um zu üben und haben uns mit dem Anfang auf voller Lautstärke wecken lassen (singt den Anfang), zehnmal hintereinander, bis wir senkrecht im Bett saßen. Ich liebe die Oper, tolle Musik, unglaublich traurig. 

... unseren Namenspatron VAN Beethoven

Als Kind habe ich besonders den Fidelio geliebt, meine Mutter, die Sängerin war, hat ihn konzertant gesungen und ich habe geheult, weil der Florestan zehn Jahre ungerecht im Gefängnis saß. Ich konnte Ungerechtigkeit nicht ertragen, und Freiheit und Gerechtigkeit waren ja Beethovens Ding, damit habe ich mich schon sehr identifiziert. Die Streichquartette, die Klaviertrios, Missa Solemnis auch, schon ein echtes Genie. Und wieder der Beweis dafür, dass du kein so besonders toller Mensch sein musst, um Großes zu schaffen. Er war ja eher eine schwierige Persönlichkeit. Das Hadern mit sich selbst, das permanente Ringen um die Musik, deswegen mochte ich ihn eigentlich auch immer lieber als Mozart, dem ja offenbar doch alles leicht von der Hand ging. Ich finde Beethoven deswegen auch viel leichter zu spielen.¶