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How Long? Too Long.

Die Politik in Claude Viviers Wo bist du Licht!

Die Politik in Claude Viviers Wo bist du Licht!

Text Jeffrey Arlo Brown · Zeichnungen Marbury Hill Brown

»Gewalt ist faszinierend.« Robert Racine, Experimentalkünstler aus Montreal, erinnert sich, dass das Thema Brutalität in einem Gespräch mit dem Komponisten Claude Vivier im Frühling 1981 aufkam; wer von beiden den Satz gesagt hat, ist allerdings nicht ganz klar. Der Musikwissenschaftler Bob Gilmore beschreibt die Szene in seiner Vivier-Biographie: Vivier hatte gerade die Arbeit an seinem Stück Wo bist du Licht! beendet und es Racine gewidmet, ein Stück, das sich insbesondere mit politischer Gewalt auseinandersetzt. Das erste Mal hatte er es einer Gruppe von Freunden vorgestellt. Eine lange Diskussion folgte allerdings nicht – Vivier verabschiedete sich schnell, um feiern zu gehen. 

Wo bist du Licht! ist das Stück eines naiven Komponisten über die zynischsten Themen überhaupt: Politik und Krieg. Am 21. und 22. November 2015 ist es als musikalische Begleitung des Tanztheaters Enlightened Child von Natalia Horecna beim Greatest Hits Festival in Hamburg zu hören. Das Stück ist eine Studie der Möglichkeiten und Grenzen politischen Ausdrucks in der Musik.

Die Komposition erfordert mit Mezzosopran, Schlagwerk, Streicher und Tonband ein relativ großes Ensemble. Die Streicher, die im ersten Teil mit hohem Bogendruck spielen, werden von rauen Perkussionsschlägen jäh unterbrochen. Der Sopran beginnt, den Anfang des Hölderlin Gedichts Der blinde Sänger in Begleitung starrer Akkorde zu singen und wechselt dabei zwischen klassischem und Sprech-Gesang. Auf einmal fordert das Stück volle Aufmerksamkeit: zu Viviers Musik läuft nun vom Band Dr. Martin Luther King Jr.’s Rede »I Have a Dream«.

Für ungefähr eine halbe Minute hat King das Wort. Dann setzt der Sopran mit dem Satz »Wo bist du Licht!« aus Hölderlins Gedicht ein. Etwas weniger offensichtlich aber nicht minder durchdringend ist der kurze Nachrichtenbeitrag zu Robert F. Kennedys Ermordung, der dazu eingespielt wird und Kings Worte überlagert. Es folgt ein langes Sopran-Solo in einer frei erfundenen Sprache. Vervollständigt wird diese Textur nach einigen Minuten noch von Vivier selbst, dessen Stimme nun mit Der blinde Sänger von Band ertönt. 

In den letzten drei Minuten wird zusätzlich eine Aufnahme zweier französischer Radiojournalisten eingespielt, die aus dem Kriegs- und Folterbericht einer vietnamesischen Zivilistin lesen. Der Sopran singt, fragt weiter, »Wo bist du Licht!«. Dann stoppen Aufnahmen und Musik, plötzlich und zeitgleich. 

Schon beim ersten Hören lässt Wo bist du Licht! die politische Tragödie der Zeit fast greifbar werden. Aber worum geht es Vivier genau? 

King ist wohl der Bekannteste unter den Zitierten. Dass Vivier seine Rede verwendet ist mutig, aber auch naiv, droht doch die Musikalität seiner Redekunst Viviers Komposition in den Schatten zu stellen. Wenn ich ihn im Stück sprechen höre, möchte ich gerne die Musik ausschalten, und mir stattdessen nur I Have a Dream anhören. Was hat Vivier an dieser Stelle im Sinn? Der Schlüssel liegt in der Musik, die zu den Worten des Reverend weiterläuft. 

I Have a Dream ist Kings berühmteste Ansprache, und Vivier zitiert den ergreifenden, finalen Teil. Im Stück singt der Sopran dazu immer und immer wieder »Wo bist du Licht!«. Mehr als ein Jahrzehnt später kommentiert Vivier damit Kings Rede. Er fragt, warum der Wandel, für den King gekämpft und für den er gestorben ist, nach wie vor nicht eingetreten ist. 

Viviers Frustration ist berechtigt. Die Situation der schwarzen Bevölkerung schien sich in der Zeit zwischen dem Attentat auf King und Viviers Komposition eher verschlechtert als verbessert zu haben. Aber vielleicht hatte King gar nicht erwartet, dass seine Ziele so schnell umgesetzt werden. 

Am Ende seiner Rede auf den Stufen des Kapitols in Montgomery, Alabama, fragt King: »How long will prejudice blind the visions of men (...)?« Die Antwort darauf ist der bekannte Refrain: »How long? Not long.« Einer der Gründe dafür: »… because the arc of the moral universe is long, but it bends towards justice.« Obwohl dieser Satz vom Abolitionisten und Prediger Theodore Parker stammt, wird er so sehr mit King assoziiert, dass er ihm sogar auf einem Teppich zugeschrieben wird, der extra für Obamas Oval Office angefertigt wurde (Link zum Artikel in der Washington Post). 

Das »not long« hat vermutlich eine spirituelle Dimension. Statt auf konkrete, politische Ziele zu verweisen, endet Kings Rede mit einem biblischen Zitat. Auch der Teil der I Have a Dream-Rede, den Vivier zitiert, spielt auf die Geschwindigkeit des Wandels an: »We will be able to speed up that day« – der Satz zeigt deutlich, dass King keinen unmittelbaren Wandel erwartete. 

Die zwei weiteren politischen Anspielungen in »Wo bist du Licht!«, von Robert F. Kennedy sowie einer vietnamesischen Zivilistin, lenken den Fokus des Werks auf den Vietnamkrieg. Auch King hatte sich öffentlich gegen diesen Krieg ausgesprochen, und zwar in seiner Rede A Time to Break Silence von 1967. Warum verwendet Vivier nicht dieses Zeugnis? Vielleicht liegt es am weniger aufpeitschenden Ton der Rede, in der King der Kriegssituation und den beteiligten Nationen und Armeen gewisse »Ambiguitäten« und Komplexitäten zugesteht. Es geht nicht nur um Moral, sondern ganz konkret um Mechanismen von Politik und Krieg. Vielleicht empfand Vivier dies in Anbetracht der Dringlichkeit seiner Nachricht als zu pragmatisch.

Am 6. Juni 1968 wird Robert F. Kennedy ermordet, ungefähr zwei Monate nach Martin Luther King. In Wo bist du Licht! werden Live-Aufnahmen und Kommentare von der Kundgebung abgespielt, bei der er starb. Das Material wird hier verwendet, um die Aussichtslosigkeit des historischen Moments deutlicher zu machen. Wieder singt der Sopran »Wo bist du Licht!«, und dieses Mal klingt es, als wäre das Ausrufe- durch ein Fragezeichen ersetzt worden. 

Der Komponist György Ligeti hat Viviers politische Einstellungen als »naiv« bezeichnet, vermutlich, weil dieser Kennedy als Held begriff. Anders als Martin Luther King war Kennedy ein ambitionierter Karrierist. Auch wenn seine Haltung zur Bürgerrechtsbewegung und gegen den Vietnamkrieg Mut erforderte, war er keine einfache Figur. Timothy Weiner porträtiert ihn in Legacy of Ashes, einer Geschichte der CIA, als schonungslose Figur und beschreibt, wie er als Justizminister gemeinsam mit seinem Bruder John »verdeckte Operationen mit beispielloser Intensität begann«. Lyndon Johnson erzählte von einem wiederkehrenden Traum, in dem Kennedy ihn aufgrund seines mangelnden Engagements gegen den Kommunismus in Vietnam einen Feigling schimpfte.

Für erfolgreiche Politik braucht es Problemlösungen, Zynismus, ein Gefühl für die feinen Unterschiede, Ambitionen, Kompromissbereitschaft, detaillierte und mühsame Erkundungen. Musik ist nicht besonders gut geeignet, um die Feinheiten der Demokratie zu beleuchten. Wo bist du Licht! ist eher eine Art moralische Perspektive. Das Stück verzweifelt an der Standhaftigkeit des Bösen in der Welt und bettelt um dessen Ende. Was es nicht anbietet, sind Lösungen. 

Nachdem sich der Großteil des Werkes mit den katastrophalen politischen Zuständen in Amerika befasst, wird der Fokus in den letzten Minuten auf die Situation in Vietnam gelenkt; französische Radiosprecher berichten von der Folter, die einer Vietnamesin zugefügt wurde. Würde es O-Töne der Frau geben, so wären diese möglicherweise eindringlicher gewesen. Stattdessen hat Vivier die Stimmen der Nachrichtensprecher vielleicht gerade wegen deren Neutralität ausgewählt. Der Text ist schwer zu verstehen, doch ein Satz sticht in einer musikalischen Pause deutlich hervor: »Sie wendeten Elektroschocks an.«

Ligeti, der ansonsten ein großer Bewunderer von Viviers Arbeiten war, nahm Anstoß an dieser Passage. 1991 erzählte er seiner damaligen Assistentin, der kanadischen Musikwissenschaftlerin Louise Duchesneau: »Meine persönlichen Erfahrungen machen es mir unmöglich, den Text zu akzeptieren, den Vivier ausgewählt hat. Ich weiß, dass er mit Texten von Martin Luther King und auch einer Frau des Vietcong gearbeitet hat. Als jemand, der die kommunistische Welt überlebt hat, bin ich ziemlich empfindlich für Falschinformationen, die von der Kommunistischen Partei und dem KGB gestreut wurden, mit dem Ziel, das Informationssystem des Westens zu vergiften.«  

War die Vietnamesin Mitglied der nordvietnamesischen Armee oder des Geheimdienstes? Oder war sie unschuldige Beobachterin? Ligeti ist sich ihrer Vietcong-Mitgliedschaft sicher. Weder das Buch Legacy of Ashes, noch die Pentagon-Papiere liefern hier erst einmal klare Hinweise. Möglich, dass südvietnamesische Truppen mutmaßliche Vietcong-Funktionäre unter CIA-Supervision gefoltert haben. Unabweisbar ist allerdings, dass während des Krieges gewalttätig gegen Zivilisten vorgegangen wurde. Ob die spezifischen Anschuldigungen nun stimmen oder nicht, Viviers moralische Aussage ist brisant und stark. 

Anders als die politischen Zitate in Wo bist du Licht!, die episodisch und separat funktionieren, durchzieht das Hölderlin Gedicht Der blinde Sänger das gesamte Stück. Es handelt sich hier natürlich um eine völlig andere Quelle; das Gedicht blickt in die Vergangenheit; King, Kennedy und die Vietnamesin schauen in Gegenwart und Zukunft. Warum hat Vivier diesen Text ausgewählt? 

Das Gedicht, das nur stückweise zitiert wird, thematisiert die Blindheit der Jugend, konkret und als Metapher. Der Erzähler, der vormals noch Sehkraft besaß, ist nun auf sein Gehör angewiesen. Der Klang vorbeiziehenden Donners ist der dürftige Ersatz für die Erfahrung des Tagesanbruchs. Das Gedicht vermittelt ein Gefühl von Unvermeidbarkeit, es handelt vom unaufhaltsamen Prozess des Alterns, nicht von beeinflussbarer Geschichte. Der Ausruf Wo bist du Licht! kommt im Gedicht nur zweimal vor – Vivier macht daraus einen Refrain, der an Kings »let freedom ring« erinnert. 

Mit Blick auf das Stück und die Tatsache, dass zwei der darin zitierten Figuren ermordet wurden, ist interessant, dass Hölderlins Freund Isaak von Sinclair in den Mordfall an einem Adeligen verwickelt und 1805 kurzzeitig inhaftiert war. Der Dichter stand unter Verdacht, wurde allerdings aufgrund seines geistigen Zustandes freigelassen und im folgenden Jahr in ein Irrenhaus verbannt. 

Auch wenn Hölderlin fast 140 Jahre vor der Komposition von Wo bist du Licht! verstarb, nehmen einige seiner Zeilen den Vietnamkrieg geradezu vorweg: »Den Donnerer vom Untergang zum/Orient eilen«; »so muß ich fort und/Folge dem Sicheren auf der Irrbahn«.

Vielleicht fühlte Vivier sich vom warnenden Charakter des Gedichts angezogen, hat doch auch Wo bist du Licht! etwas von einer unheimlichen Vorahnung. In seinem Stück ist Vivier präsent als Sprecher des Gedichts; zwei Jahre später wird er, wie King und Kennedy, ermordet werden. 

Im Sommer 1982 zieht Claude Vivier nach Paris. Zwei Jahre nach der Fertigstellung von Wo bist du Licht! hat er Anfang März 1983 acht Minuten Musik für ein neues Stück komponiert, Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele. Der Text stammt von Vivier selbst und beschreibt, wie er einem gutaussehenden, jungen Mann in der Metro begegnet, die beiden sprechen kurz, dann sticht ihm der Mann mit einem Messer ins Herz. 

Am 7. März 1983 schleppt Vivier tatsächlich einen jungen Mann ab. In seiner Wohnung wird er später von diesem erstochen. Der Komponist war 34 Jahre alt. Bei seinem Angreifer handelt es sich, wie man später feststellen wird, um Pascal Dolzan, der einige Woche zuvor bereits zwei andere homosexuelle Männer ermordet hatte. Vivier wurde, wie King und Kennedy, Opfer einer politisch motivierten Gewalttat.

Es gibt allerdings keine Hinweise darauf, dass Wo bist du Licht! auf Viviers eigene Diskriminierungserfahrungen zurückgeht. Er bewegte sich in liberalen Kreisen; zudem war er offenbar wahnsinnig mitfühlend. Jedes Leid der vietnamesischen Zivil- beziehungsweise der Afro-Amerikanischen Bevölkerung waren ihm wichtiger als Schläge, die er selbst wegen seiner Sexualität hätte erleben können. Die moralische Stärke des Stückes liegt gerade darin, dass es von anderen, und nicht vom Komponisten handelt. 

Einige Monate nach dem Mord an Vivier, wird Dolzan gefasst und zu lebenslanger Haft verurteilt. Die letzte Seite des Manuskripts von Glaubst du an die Unsterblichkeit ist fertig und ins Reine geschrieben. Nur eine einzige Ligatur in der Sopran-Stimme deutet darauf hin, dass das Stück unfertig zurückgelassen wurde. ¶


Die Zeichnungen stammen von meinem verstorbenen Großvater, der in seiner Karriere als Illustrator unter anderem als offizieller Maler der U.S. Army während des Vietnamkrieges angestellt war.

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