Du hast die 2 kostenlosen Artikel bereits gelesen.

Abo besorgen um weiterzulesen

Wenn du schon einen Benutzerzugang hast: Hier klicken zum Einloggen. Abos gibt es ab 80 Cent pro Ausgabe, 3,33 € pro Monat! Wir sind ein unabhängiges Magazin, bezahlen unsere Autoren. Die Werbung, die wir schalten, ist unaufdringlich und strengt deinen Browser nicht an. Danke für deine Unterstützung! Subscribe
Hast du schon ein günstiges VAN-Abo? Ohne Abo kannst du monatlich 2 unserer Artikel kostenlos lesen – das ist dein .

Víkingur Ólafsson

VAN trifft den isländischen Pianisten und Wahl-Berliner in seiner Heimat, bei seinem Festival.

 

Text Julia Kaiser · Fotos Ari Magg, Julia Kaiser,  Jóhanna Ólafsdóttir


Mittsommer, die schönste Zeit des Jahres auf Island, wenn die Nächte fast zum Tag werden, weil die Sonne den Horizont nur ganz kurz berührt; diese Zeit verbringt der Pianist Víkingur Ólafsson gerne in seiner Heimat. Also hat er das Reykjavík Midsummer Music Festival gegründet, damit ihn seine Konzertpläne im Juni immer hierher leiten. Dieses Jahr hat es zum dritten Mal stattgefunden: ein Kammermusikfest, das die Türen weit öffnet für Begegnungen mit anderen Musikstilen. Spielort ist die Harpa, das 2011 eröffnete Konzerthaus am alten Hafen von Reykjavík mit der berühmten Glasfassade von Ólafur Elíasson, die nachts in wechselnden Farben erstrahlt und tags wie ein Lichtmagnet jeden Sonnenstrahl nach innen zieht. Ólafsson, spielte eines der Eröffnungskonzerte der Harpa 2011, man vertraute ihm die Auswahl der Konzertflügel an, die das Konzerthaus erwarb. Ein Jahr später durfte er dort das Festival gründen und hatte freie Hand beim Programm und der Auswahl der Künstler. Da war er 27.

Seine Mutter, Svana Víkingsdóttir, ist Klavierlehrerin. Ihr Abschlusskonzert an der Berliner Hochschule der Künste spielte sie, als sie im sechsten Monat mit ihm schwanger war. Sein Vater ist Architekt – und studierter Komponist. In der Familie erzählt man sich, dass Víkingur schon im Alter von sechs Monaten nach den Klaviertasten langte und seine ersten Töne gespielt habe, ehe er sprechen konnte. 

Mit achtzehn lernte Víkingur bei einem Sommerkurs in Aspen die amerikanische Pianistin Ann Schein kennen, die ihm vorschlug, Unterricht bei Jerome Lowenthal zu nehmen. »Der unterrichtete an der Juilliard School in New York, also beschloss ich, dorthin zu gehen.« Sein ganzes bisheriges Leben hatte er in Island zugebracht, »es fühlt sich zunächst ganz unwirklich an, auf einmal so viele musikalisch Talentierte in meinem Alter kennen zu lernen. Ich übte, mehr oder weniger von morgens bis Mitternacht. Aber genau diese Intensität war zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben sehr wichtig für mich.« Ihn dürstete nach Konzertorten wie der Carnegie Hall, er sah alle Konzerte von Martha Argerich und Mitsuko Uchida, er ging in die Metropolitan Opera: »Tickets konnte ich mir natürlich nicht leisten, aber ich fand schnell heraus, wann der erste Akt vorbei war. Viele reiche Leute verließen die Oper nach dem Champagnerempfang und ich bat sie um ihre Eintrittskarten. So habe ich eine Menge großer Sänger und die zweite Hälfte von zahllosen Opern von 350-Dollar-Luxusplätzen aus erlebt. Nur mit ersten Akten kenne ich mich nicht so aus.«

Seit ein paar Jahren lebt Víkingur in Berlin, der heimlichen Metropole isländischer Musiker. »Meine Eltern haben so viel Gutes von Berlin erzählt, und nachdem ich neun Jahre in New York und Oxford gewohnt hatte, wollte ich in einer europäischen Stadt leben, die voller Kultur ist und wo man sich die Miete leisten kann.« Seine Wohnung ist in Pankow, mit Platz für seine zwei Flügel und mit geduldigen Nachbarn, angesichts abendlicher Übesessions. »Neulich habe ich stundenlang das Wohltemperierte Klavier gespielt. Danach legte der über mir wohnende noch eine Beethovensonate in den CD-Player«. 

Apropos CDs. Auch da will er unabhängig sein. Er veröffentlichte drei seiner eigenen Aufnahmen, darunter das isländische Album des Jahres 2013, Schuberts Winterreise, auf seinem eigenen Label, Dirrindí. Auf der Homepage schreibt er, wie er mit den CDs und deren Gestaltung stärkere Gebilde zu schaffen versucht, als iTunes-Dateien es sein können, ›lovable objects‹.

Er spielte mit Philip Glass im Londoner Barbican, und kürzlich bei einer Aktion des Schweizer Performancekünstlers Roman Signer auf einem Floß im Lago di Vernago, während ein Hubschrauber über ihm kreiste, Skrjabins Vers la Flamme. Fürs isländische Fernsehen produzierte er die Musiksendung Útúrdúr, out of tune: »Ich  war inspiriert durch Glenn Gould und Bernstein: Man kann klassische Musik im Fernsehen nicht nur zeigen, sondern sie auch erklären. Ein paar Worte können den Genuss der Zuschauer erheblich erhöhen.« Im kommenden Jahr wird er außerdem die Künstlerische Leitung des »Vinterfest« in Schweden übernehmen, sein Vorgänger, der Klarinettist Martin Fröst hat sie ihm kürzlich anvertraut. In ihrem künstlerischen Freiheitsdrang ähneln sich die beiden. 

Das Herzstück seines eigenen Festivals ist in diesem Jahr Pictures at an(other) exhibition, ein Konzertformat, in dem er Musik von Mussorgski, Schnittke, Strawinski und Cage mit progressiven isländischen Jazzmusikern auf die Bühne bringt. »Ich lade zu meinem Festival Künstler ein, die ihre Instrumente außergewöhnlich gut beherrschen. Das hat natürlich oberste Priorität. Gleichzeitig sollen sie Spaß daran haben, etwas zu wagen, sich aus ihrer Komfortzone herausbewegen. Für die isländischen Musiker, die dabei sind, gilt das auf jeden Fall. Da ist Davíð Þór Jónsson, gewissermaßen mein Klavier-Bruder im Geiste. (Jónsson ist Improviationskünstler, war 2014 unter anderem an der Berliner Volksbühne in Ragnar Kjartanssons und Kjartan Sveinssons Theaterstück Der Klang der Offenbarung des Göttlichen zu sehen.)
 

Mitschnitt des isländischen Radios der Aufführung von Pictures at an(other) exhibition

Wir haben ganz verschiedene Stile, aber in unserem musikalischen Verständnis sind wir einander ganz nahe. Dann haben wir den Komponisten Kristinn Árnason, der zu den besten klassischen Gitarristen zählt – und Skúli Sverisson, einen international erfolgreichen E-Bassisten, der in New York mit dem Who-is-who der Jazz-Szene auftritt.« Noch nie haben die Musiker zusammen auf der Bühne gestanden. Nach wenigen Stunden Proben und technischer Einrichtung nimmt das Konzert aus festgeschriebener Partitur für Víkingur und viel freier Improvisation durch die Jazzmusiker ihren Lauf. Es wird legendär, es erwacht zum Leben: Víkingur übernimmt den klassischen Klavierpart, David Þor Jónsson springt zwischen einem zweiten Flügel, Hammondorgel und Elektronik hin und her und intensiviert die Bildstimmungen mit Klangeffekten. E-Bass und E-Gitarre übernehmen abwechselnd die Melodiestimme und geben eine gute Portion layed-back-Jazz hinein. Neu ist die Idee nicht, doch zum Festivalthema Imitation passt die Performance perfekt. Sie imitiert die progressive Rock-Fassung von Emerson Lake and Palmer aus den 1970er Jahren, die Mussorgski imitierten, der wiederum ja die Ausstellung seines Freundes Victor Hartmann imitierte. »Imitieren, Nachahmen, ist etwas, das uns in unserem Künstlerleben immer wieder begegnet«, sagt die Berliner Bratschistin Pauline Sachse. Sie ist eine von sechs internationalen Künstlern, die Víkingur zum Festival eingeladen hat. »Schon als Studentin stellt man sich immer wieder die Frage, wie stark man Vorbildern nacheifert und ab wann man aus dem Nachmachen etwas Eigenes schafft.« Das Glück über eben neu geschaffenes Eigenes ist jeden Abend spürbar, wenn die Musiker nach dem Konzert von der Bühne treffen und die Mitternachtssonne vom Hafen her durch die wabenförmigen Fenster in die Harpa scheint. Der gemeinsame Schaffensdurst treibt sie weiter.

Genau der richtige Ort für noch mehr künstlerische Freiheit durch Improvisation und neue Paarungen wird während des Festivals ein kleiner Club, keine fünf Minuten entfernt von der Harpa. Im »Mengi« geben die Festivalkünstler Nachtkonzerte. Der Namen des Formats ›The Grey Area‹ sei inspiriert durch Frédéric Chopins graue Stunde, sagt Víkingur Ólafsson. »Jede Nacht, zwischen elf und ein Uhr, ganz egal, wo er war, setzte der sich ans Klavier und ließ seine Gedanken fließen. Tagsüber ein fantastischer Pianist, wurde er nachts zum Genie der Improvisation. Was ihm am nächsten Morgen noch in Erinnerung war, nahm er in seine Kompositionen auf. Für Chopin waren die Nachtstunden offenbar die, in denen er am besten arbeiten konnte. Und hier, unter der isländischen Mitternachtssonne, ist die graue Stunde auch etwas Besonderes. Wir alle proben den Tag über und geben Konzerte – in der Grey Area lassen wir unseren Geist fließen. Jeder spielt, was er möchte und wir improvisieren gemeinsam.« Das alte Barpiano ächzt unter den armenischen Tänzen von Marianna Shirinyan, und sicher hat es noch nie eine Stradivari begleitet, wie die Recamiér von Sayaka Shoji. Der Cellist Jan-Erik Gustafsson und die Geigerin Anna-Liisa Bezrodny lassen den knapp 40 dicht an dicht sitzenden Zuhörer/innen bei einem Duo von Zoltán Kodály das Blut gefrieren, Pauline Sachse stürzt, begleitet von Víkingur, mit Schostakowitschs für Viola arrangierter Sonate op. 147 in tiefe Trauer. Davíð Þór Jónsson improvisiert über das eben gehörte und über isländische Volkslieder, spätestens nach einer Stunde spielen Víkingur, Marianna und Davíð Þór sechshändig. »Umarme die Freiheit«, freut sich Víkingur, während die Mitternachtssonne jedes Schlafbedürfnis wegstrahlt. ¶

The Grey Area, 2015


Zusammen mit der armenischen Pianistin Marianna Shirinyan spielt VÍKINGUR Ólafsson den Klavierpart von Karneval der Tiere, mit der Kammerakademie Potsdam und Antonello Manacorda, am 29. August und 6. September, jeweils in Potsdam.

Mit Basel Sinfonietta gibt er am 2. (in Basel) und 3. Oktober (in Zürich) den Epicycle 1 – Island mit Musik zeigenössischer Isländischer Komponist/innen.

Kommentare

Mehr lesen

Newsletter erhalten und jede Woche erfahren,
wenn neue Artikel veröffentlicht werden

Abo abschließen und vollen Zugang
zur Welt von VAN erhalten