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Der unbeholfene Umgang der
klassischen Musik mit Äußerlichkeiten

 


Manche Klassik-Puristen rümpfen die Nase über Lang Langs schwarzgoldene Markenturnschuhe oder Anne-Sophie Mutters Dior-Kleider (»ich spiele, so lange mein Dekolleté vorzeigbar ist«). Wer gedankliche Trennmauern zwischen E- und U- eingezogen hat, glaubt gern, dass nur die Musik zählt, nicht das Äußere, das Getue. Aber Beethoven ohne Mähne, Liszt ohne dämonische Bühnenpräsenz – wäre das nicht wie Elvis ohne Hüftschwung? 

Chia-Jung Tsay hat mit 16 Jahren die World Piano Competition gewonnen. Sie sieht gut aus, hat an der renommierten Juilliard School of Music studiert und schon in der Carnegie Hall am Flügel gesessen. Tsay hat aber auch Psychologie und Wissenschaftsgeschichte in Harvard studiert und lehrt in London. Ganz gute Voraussetzungen, um zu fragen: Warum habe ich den Wettbewerb gewonnen? Weil ich gut aussehe? Oder weil ich eine ordentliche Portion Talent und außerdem viel geübt habe? 

In England ließ Tsay im Jahr 2012 Probanden einschätzen, welcher von drei Künstlern in einem internationalen Klavierwettbewerb die Jury am meisten beeindruckt und gewonnen hatte. Aber vorher wurden die Probanden gefragt, ob sie dazu eine reine Tonaufnahme, ein Video mit Ton oder ein stummes Video vorgeführt bekommen wollen. Die Mehrheit glaubte, die Sieger des Wettbewerbs nur mit Ton herausfinden zu können. Wer sich mit klassischer Musik beschäftigt, glaubt oft an die Überlegenheit der Akustik über die Optik, wenn nicht gar an ihre Alleinherrschaft.

Tsays Experiment zum Nachspielen

Doch dann entschied der Zufall, was die Probanden für sechs Sekunden zu hören oder zu sehen bekamen. Das verblüffende Ergebnis: Anhand des bewegten Bildes ohne Ton wählten sie in gut der Hälfte der Fälle den richtigen von drei Künstlern aus. Allein anhand des Klanges kamen sie auf lediglich 25 Prozent. Und auch die Betrachter, die zusätzlich zum Video Ton zu hören bekamen, blieben unter der statistischen Zufallsquote von 33 Prozent. Ob Laien oder Musiker als Probanden, ob kürzere oder längere Clips: Videos ohne Ton gaben stets den besten Hinweis darauf, wer den Musikwettbewerb gewonnen hatte. Und das, obwohl doch die Kombination aus Optik und Akustik mehr Informationen liefert und der Live-Beurteilung durch die Jury am nächsten kommt. 

Dabei geht es offenbar nicht so sehr um das schönste Gesicht oder den am besten sitzenden Anzug. Denn als Tsay die Videos digital auf sich bewegende Silhouetten reduzierte, erkannten die Probanden immer noch häufiger den richtigen Sieger als es der Zufall statistisch zulassen würde. In einer Befragung beschrieben die Betrachter die Bewegungen als Signale für Leidenschaft und Einsatz, also für positiv besetzte Eigenschaften.

Interessant wäre eine Vergleichseinspielung: ein stocksteif am Piano sitzender Spieler, unterlegt mit einer anerkannt hervorragenden Tonaufnahme. Sie hätte wohl keine Chance gegen eine drittklassige Einspielung zu einem überzeugenden Pianisten-Darsteller aus der Schauspielschule. Offenbar sind unsere Erwartungen an den genialen Künstler, der von der Musik beseelt wilde Verrenkungen an seinem Instrument veranstaltet, so groß, dass sie vieles überlagern. 

Die Pianistin hinter der Psychologin Tsay findet es jedenfalls »beunruhigend«, dass gerade für Musiker – ohne dass sie sich dessen bewusst sind – die Musik die Rolle einer bloßen Tonspur einnimmt. Dabei hatte sie schon einmal gezeigt, wie außermusikalische Parameter die Wahrnehmung einer Darbietung dominieren. 100 Profi-Musiker bekamen Kurzporträts zweier Pianisten zu lesen. Einer war charakterisiert als fleißiger Handwerker, der sich sein Können hoch motiviert hart erarbeitet habe, der andere als Naturtalent, dem seine Fähigkeiten praktisch in den Schoß gefallen waren. Auf die Frage, welche Eigenschaften bei einem Musiker wichtig seien, gaben die meisten an, regelmäßiges Üben, Fleiß und Disziplin überzeugten sie mehr als angeblich angeborenes Talent. 

Doch der Schein bestimmt das Bewusstsein: Die Musiker sollten 20 Sekunden lange Aufnahmen der beiden Pianisten beurteilen. Und siehe da: Ihnen gefiel die Performance des angeblichen Naturtalents fast in allen Fällen besser – obwohl in Wirklichkeit beide Aufnahmen, man ahnt es schon, von derselben Musikerin stammten. 

Tsay erforscht mittlerweile an der Universität von London Entscheidungsprozesse. Sie glaubt, dass Phänomene wie die von ihr untersuchten zu »suboptimalen Entscheidungen und Beurteilungen mit ungewollten Folgen führen«: Ein Orchesterleiter stellt vielleicht doch nicht den Geiger mit dem am besten zum Ensembleklang passenden Ton ein, sondern den, der sich erfolgreich als Naturtalent darstellt und dann auch noch die richtige Leidenschaft bei Vorspiel zeigt. 

Das mag tatsächlich beunruhigen, wenn wir es auf Piloten und Chirurginnen erweitern – aber in der Musik? Perfomative Aspekte, Dresscode, Styling spielen im Popmusik-Diskurs schon immer eine große Rolle. In der Klassik – also dem, was manche als »Hochkultur« in einer irgendwie besseren Welt wähnen – waren die Leitplanken einmal enger, der Künstler stand weit hinter der Partitur zurück. Umso mehr war eine Zeit lang Aufmerksamkeit garantiert für die, die sie übertraten, siehe den Hype um den »geigenden Punk« Nigel Kennedy in den 90er Jahren.

Dabei gibt es auch hier Vorläufer: Schon länger runden kleine Schrullen wie Glenn Goulds Gesumme oder Friedrich Guldas Käppi für uns das Bild eines Künstlers ab, als Merkmale des verkörperten

Genius’. Spätestens seit der Romantik mit ihrem Verständnis vom Künstler als von allen Musen geküsstes Universalgenie wollen wir auf der Bühne mehr sehen als jemanden, der Geige oder Klavier gelernt hat wie unsereiner Jura oder Betriebswirtschaft. Und dann soll er sich gefälligst auch benehmen wie ein Genie, also exaltiert. 

Schlimm wird es erst, wenn die Marketing-Maschinerie sich ans Erfinden von Images und den dazugehörigen Äußerlichkeiten macht. Nicht umsonst ist auch im Pop-Kontext Authentizität ein viel diskutierter Schlüsselbegriff. Erst recht kehrt auf dem Olymp der »Hochkultur« Peinlichkeit ein, wenn das Außermusikalische am Reißbrett entsteht. Wenn ein Image-Berater dem braven Musiker einen abgedrehten Hairstyle verpasst oder die biedere Musikerin in Designerkleider zwängt, um ihren Sex-Appeal zu fördern.

Die gern in High Heels und knappen Kleidern auftretende Pianistin Yuja Wang hat Bemerkungen dazu einmal so kommentiert: »Ich trage auch kurze Röcke, wenn ich nicht auf der Bühne bin. So bin ich, ich bin 25 Jahre alt.« Wie authentisch also Lang Langs coole Adidas-Treter oder die edlen Dior-Fummel von la Mutter sind, wissen die beiden selbst wohl am besten. ¶

Friedrich Gulda – mit Käppi (Foto: music2020, CC)
Lang Lang – mit Marsmännchen (Foto: Tim Hipps, PD)
Nigel Kennedy – mit Iro (Foto: neliO, CC)
Yuja Wang – mit Funktionskleidung (Foto: © ARA)
Anne-Sophie Mutter – mit Dior (Foto: © TINA TAHIR c/o Shotview photographers / DG)
Nemanja Radulović – mit allem (Foto: © D. Adam de Villiers)

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