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Was ist Karlheinz Stockhausen?

Ein Gespräch mit dem Trompeter Marco Blaauw über die Zusammenarbeit mit Vater und Sohn


Ein Gespräch mit dem Trompeter Marco Blaauw über die Zusammenarbeit mit Vater und Sohn

 


Es gibt nur wenige Künstler, die zum Synonym für die Sparte geworden sind, in der sie tätig waren. Karlheinz Stockhausen gehört dazu. Stockhausen – das steht für Neue Musik, vor allem für elektronische Musik, so dass es auch unter Rockmusikern wie Björk oder Aphex Twin schick geworden ist, beiläufig einzustreuen, man beziehe sich auf »Papa Techno«. Stockhausen – das steht aber auch für irgendwie schwierige, irgendwie esoterische Musik; war da nicht einmal dieses Pressegespräch, in dem er kurz nach dem 11. September die Anschläge als »das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat« bezeichnete? 

Stockhausen selbst war sicherlich nicht ganz unschuldig daran, dass sein Werk zu Lebzeiten polarisierte: Weder hielt er mit Aussagen hinter dem Berg, bei denen ihm klar sein musste, dass sie missverstanden werden konnten (»Ich komme von Sirius!«), noch konnte und wollte er die Kontrolle über seine Stücke auch nur teilweise abgeben. Zu beobachten war dies bei seinen Konzerten, bei denen er nach langen, äußerst akribischen Proben von der Mitte des Saales aus hinter einem gewaltigen Mischpult mit einem Scheinwerfer »Klang- und Lichtregie« führte, wie es im Programmheft hieß, in dem er dann auch noch selbst seine Kompositionen ausführlich erklärte und Hinweise gab, wie man seine Musik am besten hören solle (»Machen Sie die Augen zu. Dann beginnen Sie zu fliegen!«). Vor dem Saal wurden dann nach dem Konzert von seinen Mitarbeitern seine Bücher und CDs verkauft, die er in seinem eigenen Stockhausen Verlag herausgab – natürlich mit selbst gezeichneten Cover.

Bilder und Video aus Carlos Padrissas Inszenierung (2008) von Karlheinz Stockhausens Michaels Reise um die Erde; mit Marco Blaauw (Trompete), Ensemble Musikfabrik, Peter Rundel (Musikalische Leitung)

Oft genug wirkte so eine geballte Ladung Stockhausen auf viele Hörer einschüchternd, um nicht zu sagen abschreckend. Die zweifellos charismatische, aber auch äußerst von sich selbst überzeugte öffentliche Figur drohte da bei oberflächlicher Betrachtung das Werk und auch den privaten Menschen, der so ganz anders sein konnte, zu überdecken. So mag es eine gewisse Logik haben, dass Stockhausens früher häufig als unzugänglich und verstiegen geltendes Werk seit seinem Tod 2007 eine neue Aufmerksamkeit erfährt – die dann aber doch in ihrer Breite erstaunt. Die Evergreens Gesang der Jünglinge oder Kontakte gehören beinahe schon zum Repertoire, der späte, spröde Klang-Zyklus wird nach Konzerten in Asien demnächst komplett in den USA aufgeführt, für sein Helikopter-Streichquartett starten jedes Jahr regelmäßig irgendwo in Europa vier Hubschrauber und, was vielleicht am wichtigsten ist, die sieben Opern aus seinem eigentlich als unspielbar geltenden Licht-Zyklus werden immer öfter neu inszeniert, so beispielsweise nächstes Jahr der Donnerstag aus Licht in Basel. Erlebt man dann eine solche Aufführung oder auch nur ein Konzert mit einem Teil daraus, ist man oft überrascht, wie wenig die lange gehegten Vorurteile zutreffen. Gerade Michaels Reise, der zweite Akt des Donnerstag  von 1978, sorgte vor kurzem bei seiner US-Erstaufführung in New York, wo Stockhausen wegen seiner Äußerungen 2001 lange nicht gespielt wurde, für ausverkaufte Hallen und Begeisterungsstürme. 

Einer, der diese erstaunliche Entwicklung sozusagen am eigenen Leib miterlebt hat, ist Marco Blaauw, einer der versiertesten Trompeter für zeitgenössische Musik. Von Anfang der 1990er bis zu dessen Tod arbeitete er eng mit Stockhausen zusammen; viele Stücke entstanden eigens für ihn, nachdem sich Markus Stockhausen aus dem Ensemble seines Vaters zurückgezogen hatte. 

Ich treffe Marco Blaauw am Abend des Pfingstsonntags in Köln nach einer langen Probe mit dem Ensemble Musikfabrik, dessen festes Mitglied er ist (»Feiertag? Das spielt doch bei Musikern keine Rolle …!«). Im September wird er zusammen mit dem Ensemble Michaels Reise im Rahmen des Musikfests Berlin zusammen mit der Musikfabrik aufführen. Wir setzen uns in ein Café auf dem betonlastigen Platz des Medienparks; Marco Blaauw ist zwar noch die anstrengende Probe anzumerken, aber das Thema Stockhausen und die Erinnerungen an die Zusammenarbeit liegen ihm sichtlich am Herzen. 

VAN: Wann haben Sie zum ersten Mal die Musik Stockhausens kennengelernt?

Marco Blaauw: Das war während meines Studiums, Mitte der 1980er Jahre, glaube ich. Eine Live-Aufnahme vom Oberlippentanz, gespielt von Markus Stockhausen. Da ging eine Welt für mich auf, ein Fenster von Möglichkeiten für das, was ich machen könnte, wenn ich denn gut genug wäre. Als ich das gehört habe, habe ich es für unmöglich gehalten, dass man so etwas spielen kann, weil es so viele technische Anforderungen stellt. Ich dachte, das ist unerreichbar für mich. Aber träumen darf man immer, und dann habe ich das so als Ziel vor mir gehabt. 

Ihr Traum ging dann aber offensichtlich in Erfüllung, denn Sie wurden später Mitglied von Stockhausens Ensemble. Wie ist es dazu gekommen?

Ich hatte Unterricht bei Reinhold Friedrich, und in der dritten Stunde sagte er: ›Du musst unbedingt zu Markus Stockhausen gehen.‹ Das war, glaube ich, 1990. Ich konnte ihn dann zu Hause besuchen, und da haben wir viel zusammen gespielt. Der Kontakt ist dann geblieben.

Was war denn das Besondere an seinem Spiel?

Ich finde, von allen Trompetern, die ich kenne in der Welt – und ich habe jetzt sehr viele kennengelernt – ist Markus immer noch der allerbeste. Extrem fokussiert und unglaublich konzentriert und wahnsinnig musikalisch, ja lyrisch auf der Trompete. Und das war damals eine Qualität, die es überhaupt nicht so gab auf diesem Instrument, diese Lyrik. Ich kenne auch nur wenige Trompeter, die sich wie er immer wieder zutrauen, ein sehr, sehr hohes Risiko einzugehen bei jedem Konzert.

Was heißt »Risiko«?

Wenn es gut geht, dann klingt es imposant und mächtig. Und wenn es daneben geht, dann steht man nackt da. Deswegen trainieren die großen Solisten eigentlich hauptsächlich, dass sie sicher sind. Dadurch wirkt das Spiel manchmal etwas langweilig, weil so auf Sicherheit gearbeitet wird. In diesem Beruf lernt man, wie beim Seiltanzen, dass man nicht herunterfällt, sondern sicher auf der Linie bleibt. Aber Markus war gar nicht so.

Und durch Markus kamen Sie dann in Kontakt mit seinem Vater?

Genau, das war 1991 für Dienstags-Gruß für neun Trompeten und neun Posaunen. Da hat mich Markus mitgenommen. 

Und erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Markus’ Vater?

Ja, na klar. Sowas vergisst man nicht. Ich war 25 und hatte unglaublich viel Ehrfurcht vor Stockhausen. Er war nicht unbedingt eine Gurufigur für mich, aber schon jemand, dem man mit unglaublich viel Respekt begegnet und manchmal auch fast mit Angst, weil er doch sehr cholerisch und streng war. Die Proben waren wahnsinnig konzentriert und immer extrem energiegeladen. Wir haben beim Ensemble Musikfabrik in der Regel dreistündige Probeneinheiten und machen nach anderthalb Stunden eine Viertelstunde Pause. So arbeitet man dann einen Tag durch, mit zwei oder drei Proben. Das kann ziemlich hart sein, aber es geht. Stockhausen hat aber oft drei Stunden oder sogar vier Stunden am Stück geprobt! Und das ein paar Mal am Tag. Ich fand das ganz toll, dass jemand so viel Fokus aufbringt. Das hat mich sehr angesprochen. Mir scheint, es wird immer seltener, dass es Menschen gibt, die das so können. Und dann die Genauigkeit. Das Hören. Darin war auch Stockhausen ein Meister und seine Korrekturen waren so streng, dass es manchmal für die Interpreten fast zu persönlich wurde ... er hatte aber oft Recht.

Nach dem Dienstag aus Licht übernahmen Sie die Rolle des Michaels in Stockhausens Licht-Opern. Wie war das, als Sie das erste Mal zu Stockhausen nach Hause, nach Kürten, kamen?

In seiner Privatsphäre war er anders als in den Proben. Zu Hause war er sehr warmherzig und fröhlich und locker. Und ich habe durch seine Art damals viel mehr verstanden von seiner Musik. Ich hatte die Musik immer für sehr streng gehalten, und ich habe auch gesehen, wie unglaublich präzise, fast sachlich Markus sich damit auseinandergesetzt hat. Aber als ich dann mit Stockhausen geprobt habe und bei ihm zu Hause war, ging's doch ziemlich fröhlich zu, und da konnte ich die Musik auch viel einfacher spielen. Er hat sich tierisch gefreut, dass es neben Markus einen Trompeter gibt, der sich so in seine Werke reinbeißt.

Ich stelle es mir ziemlich schwierig vor, in die Fußstapfen von Markus Stockhausen zu treten …

Ich habe es gar nicht erst versucht. Ich wollte die Musik spielen, das war ganz einfach. Mein Kontakt mit Markus war immer sehr intensiv und freundschaftlich. Er hat mich im Jahr 1998 wirklich gebeten: Kannst du meine Rolle übernehmen? Er wollte sich mehr von seinem Vater lösen und nicht für immer als Stockhausen-Trompeter angesehen werden. Sein Vater war einverstanden. Markus hat danach noch die Konzerte mit den älteren Werken gespielt und ich die mit den neuen. Für mich war es im Jahr 2008 dann etwas sehr Besonderes, als ich endlich Michaels Reise spielen konnte. 

Markus war noch sehr jung, als er das Werk zum ersten Mal aufführte. Ich aber war schon über 40. Deswegen habe ich auch gespürt, dass das, was ich tue, nicht soviel mit Markus’ Interpretation zu tun hat. 

Und Sie hatten kein Problem mit der sogenannten Privatreligion in den Licht-Opern, die ja häufig kritisiert wurde?

Ich würde es keine Religion nennen, sondern sagen, dass Stockhausen sein Werk gelebt hat. Für ihn gab es keinen Unterschied zwischen Leben und Arbeit. Sein Werk war das Allerwichtigste. Das war seine Lebensaufgabe.

Stockhausen war schon religiös. Er ist streng katholisch aufgewachsen und später hat er es umgewandelt in etwas anderes. Aber er hat nie von seinen Spielern verlangt, dass man da mitmacht oder dass man am Donnerstag etwas Blaues anzieht …

Gibt es einen Moment mit ihm, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ich denke oft zurück an sein letztes Jahr, 2007. Er wollte unbedingt, dass ich In Freundschaft aufführte  – genau das Werk, das ich nicht spielen wollte, weil ich es für fast unspielbar hielt für Trompete. Ich hatte gesehen, wie Markus das Werk lernte und wie schwer es für ihn war. Aber ich habe es trotzdem für Stockhausen gemacht. Das war auch das letzte Mal, dass ich mit ihm gearbeitet habe. 

Danach wollten wir an Harmonien für Trompete aus dem Klang-Zyklus arbeiten. Wir haben ständig E-Mails ausgetauscht über dieses Stück und versucht, einen Probentermin zu finden. Ich hatte aber sehr viel zu tun in dem Jahr und es gab keine Gelegenheit. Irgendwann hatte ich ihm wieder eine E-Mail mit Terminvorschlägen geschickt. Und dann hat er zurückgeschrieben: ›Komm, wenn du Zeit hast! Für mich ist jede Minute Proben kostbar und lebenswichtig!‹ Dazu hat er einen Absatz geschrieben, der sehr persönlich an mich gerichtet war, wovon ich aber nichts verstanden habe, weil mir nicht klar war, was er mir sagen wollte. Dann ist er gestorben, Anfang Dezember 2007. Einige Monate später habe ich diese E-Mail noch einmal gelesen und dann auch verstanden: Das war wie ein Abschiedsbrief. So, wie er das formuliert hatte, schien es mir, dass er genau wusste, dass sich etwas für ihn ändern wird. 

Stockhausens Musik hat ja eine erstaunliche Entwicklung genommen. Es war ja doch etwas unsicher, ob sie nach seinem Tod den Weg ins Repertoire finden würde. Aber angesichts der Aufführungen der letzten Jahre in der ganzen Welt scheint alles darauf hinzudeuten.

Ja, es wird immer normaler, dieses Repertoire zu spielen. Für die Generation von Markus war es wirklich schwer, manche Stücke zu lernen. Zum Beispiel Aries: sehr extrem in allen möglichen Spieltechniken. Markus hat es gelernt, als er noch sehr jung war und hat dafür viele Monate gebraucht. Irgendwann habe ich es gehört und dann auch gelernt. Ich kam mit viel weniger Zeit aus. Die nächste Generation guckt es von mir ab und wird es noch schneller lernen. So wird das Repertoire dann immer ›normaler‹. Die nächste Generation hat's immer einfacher. 

Die Musik ist unglaublich gut komponiert. Es ist für Musiker immer interessant, sie zu spielen, aber auch für das Publikum ist es möglich, bei jeder Aufführung Neues zu entdecken. Dieser riesige Opernzyklus Licht ist sehr zugänglich und Michaels Reise finde ich perfekt fürs erste Kennenlernen. ¶

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