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Kleine Sprachkritik

Wenn Worte anfangen, den Blick zu behindern. Versuch von ein paar Klärungen

Alle, die in höheren Dimensionen Stränge der Zukunft erblicken, den Maya-Kalender auf dem Schreibtisch stehen haben, die Spuren der Etrusker oder die Pläne von Elon Musk verfolgen; alle die genug haben von Pegida, Sexismus, Wachstumsfantasien und dem ganzen Scheiß wissen: 2016 ist das Jahr der Reinigung, der purification, wir lesen Werner Tiki Küstenmacher, gleich müssen wir den Sperrmüll rausbringen, aber in unseren Köpfen hallen noch die Buzzwords und Totschlagargumente der Vergangenheit nach. Zeit, sie ans Tageslicht zu holen.

Text Tobias Ruderer · Datum 20.01.2016

E- / U-

Haufenweise überschreiten Künstler/innen und Veröffentlichungen die Grenzen, mischen Klassik mit Pop oder machen mit ihrer Musik die Unterscheidung zwischen E- und U- obsolet, führen die Klassik in die Zukunft oder mischen sie auf. E- und U- kommen eigentlich fast nur noch in der Negation vor, es werden die Kategorien auf den Tisch gelegt, um sie danach mit dem Gestus des/der Entdecker/in aufzulösen. Was man im Subtext aber auch sagen will: Hör es dir an. Denk doch einfach mal, das wäre Klassik, bzw. mach dir keine Gedanken, das dockt total gut an deinen Musikgeschmack an, auch wenn du sonst eher Pop hörst, hier ist für jeden was dabei. Akustische Instrumente und gut erfassbare Patterns.« 

Vielleicht gibt es diese Grenzen außerhalb der GEMA, wo man versucht, damit im Sinne der Musik Geld zu verteilen, gar nicht. Vielleicht gibt es aber Musik, die den Geist absolut ernst nimmt, und solche, die, wenn man genau hinhört nach Schemata abläuft und nur Reizpunkte setzt. Nicht nötig, hier eine genaue Einteilung vorzunehmen. Möglicherweise sind solche ›Grenzen‹ für die Sprache der Public Relations besser als Polaritäten, weil sie so immer wieder mutig überschritten werden können.

Die Mitte zwischen zwei Genres (denn das sind Klassik und Pop) ist nicht automatisch der Ort der Wagemutigen. So wie akustische Instrumente nicht der Indikator für Tiefe und künstlerische Entwicklung sind. Und Stichwort Unterhaltung: Die lustigen Ideen, die Gags, das Wort »ungewöhnlich«, der Zirkus, die Clowns, die zeigen, dass ›Klassik Spaß‹ macht – können wir davon eine Pause haben? Jetzt mal ernsthaft.

Berührungsängste

Wenn jemand Ängste hat, dann muss man ihm geradezu helfen. Klassikvermittlung wird so eine wichtige Aufgabe zur Heilung eines psychischen Schmerzes. Der mutige Dompteur des weißen Tigers Klassik lässt diesen von den Kinderchen streicheln. ›Berührungsangst‹ wird nicht nur in der Klassik verwendet, sondern überall dort, wo rekrutiert werden soll, mit guten oder bösen Absichten. Wer seine nicht vorhandenen Berührungsängste nicht zum Einfallstor für hochkulturelle Wohltaten gemacht sehen möchte, muss gleichermaßen übertreiben. Das geht, wenn man den Joker der ›Traumatisierung‹ zieht.

Wünschenswert wäre die sprachliche Abrüstung, damit man in den Vermittlungsprojekten dasjenige erkennt, was mehr ist als pädagogisches Wohlwollen, Recruiting. Berührungsängste sind Ängste, in Kontakt mit Dingen zu kommen, ohne die der Mensch nicht auskommen kann: andere Menschen, zum Beispiel. Keine Lust ist dagegen einfach keine Lust.

Ritual

Das Ritual ist überkommen? Es gibt viel zu viele Rituale in der Musik? Schaut man sich die Kritik an den Ritualen näher an (zum Beispiel Baldur Brönnimanns zehn Forderungen als Fortführung einer etwas unspezifischen Kritik von Jonny Greenwood), dann scheint es, als ginge es eher darum, die Konzertsäle an die zerstreute Medienkultur anzupassen, die uns immer mehr zerstreut oder umgekehrt zu begründen, warum man auf der richtigen Seite ist, wenn man nicht ins Konzert geht. Gedanke: Vielleicht stören sich die Menschen gar nicht an richtigen Ritualen, sondern nur an überkommenen Formalien. Das ist der Unterschied zwischen lebendig/intensiv und hohl/steif. In der Klassikkultur findet gerade, ausgelöst von vielen Jungen und Quereinsteigern, beim Podium-Festival, beim Radialsystem und anderen Veranstalter/innen eine Bewegung statt, die man ansatzweise mit der Wirkung der Hippie-Kultur für den populären Mainstream vergleichen könnte. Nimm dir Zeit, schließ die Augen, beobachte was da ist und was passiert. Würde dieser festlich-feierliche Moment des Berührt-Werdens wirklich auch anderswo im Mittelpunkt stehen, müssten wir uns für viele Orte und Gelegenheiten noch mehr und noch bessere Rituale ausdenken. Die Gäste in der Kölner Philharmonie, die mit dem Verklingen des letzten Tons klatschend wegrennen, um ihre Autos aus der Tiefgarage zu bringen, bevor der Stau entsteht, sind jedenfalls nicht die Vertreter einer ritualisierten Musikkultur.

Weltklassik

Die leistungsorientierten Superlative, mit denen Konzerte beworben werden, sprechen die an, die das Beste wollen und die davon ausgehen, dass es so etwas wie das Beste auch bei musikalischen Veranstaltungen eindeutig gibt, 5-Sterne ist besser als 4-Sterne. Warum soll ich ins Konzert gehen, wenn ich nicht hinterher so davon erzählen kann, dass es auch die Sport-, Auto- und Popinteressierten verstehen? Also: ›Champions League‹, ›hochklassig‹, ›Weltstars‹. Das hilft beim Gut-Finden und Wertschätzen, ohne hinzuzören.

Wer hinhört, erkennt irgendwann, dass es neben einer meisterhaften Beherrschung vor allem auch die Eigenheiten (der Komposition, des/der Intepret/in) sind, die sich wirklich in uns festhaken, wenn wir Musik hören, nicht die Platzierung in einem Ranking. Aber Aufmerksamkeit zu erzeugen, ohne auf die durchgewetzte alte Pauke zu hauen ist schwierig, zugegeben. 

Essen. Relevanz. Stille.

Oft tauchen in der Klassik die kulinarischen Metaphern auf. ›Nach dem opulenten Hauptgang das leichte Dessert‹, ›spritzige‹, perlende Töne … Genüsse eben. Ist das nicht eine Banalisierung, werden da nicht Bedeutungen auf ein schmeckt mir, schmeckt mir nicht reduziert? Beim Streamingdienst Netflix erschien 2015 eine sechsteilige Dokumentation über Köch/innen unterschiedlicher Kontinente, Traditionen, Kulturen. Die tägliche Arbeit wird darin sehr ästhetisiert, die Gerichte sehen unglaublich elegant und modisch aus, es ertönt klassische Musik, aber darum geht es nicht. Denn in jeder Folge dringen die Erzähler irgendwann zu einer Geschichte derer durch, die da Essen zubereiten; es scheinen Philosophien auf, es geht um Weltbeziehungen, umwelt- und gesellschaftspolitische Dimensionen, persönliche Kämpfe.

Klassische Musik muss nicht »relevanter« werden, wer das als Ziel hat, handelt albern und durchschaubar. Das Nachdenken über Relevanz – nicht quantitiv, sondern qualitativ – schadet aber nicht. Damit sind keine platten Kausalitäten und Wirkungsbehauptungen gemeint (»Wenn Du das hörst, dann passiert das.«), auch die schlau hergeleiteten Korrespondenzen, die Festivals etablieren, wenn sie ihrem Line-Up einen Zusammenhang geben, bleiben oft nur intellektuell oder historisch. Niemand muss sich verbiegen: Der Künstler, auch wenn er sich als Kunsthandwerker sieht, interessiert uns, wenn er Künstler ist, nicht wenn er sich für einen guten Zweck einsetzt. Er soll kein Sprachrohr sein, sondern eins für die Musik. Auf der anderen Seite darf er auch seine Kochrezepte, seine Selbsttechniken und privaten Beziehungen für sich behalten, wir tun das auch, versprochen.

Warum sind wir dann nicht still, kann man fragen, warum ein Magazin? Vermutlich ist es neben dem Spaß daran, der Wunsch, die Bezüge etwas weiter zu stecken, die Klassikblase an der ein oder anderen Stelle zu durchstechen, dieses selbstreferenzielle System, das wenig durchlässig ist, deren jahrzehntelange Bewohner/innen nicht so viel mitkriegen von dem, was noch so passiert, an deren Innenhülle jede Art von Äußerung immer wieder die typische Krümmung erhält, weswegen man sie außerhalb oft nicht so gut verstehen kann. In diesem Sinne wünschen wir uns in dieser Kultur der klassischen und zeitgenössischen Musik Weltbeziehungen, Kommentare, Auseinandersetzungen, die mit dem zu tun haben, was um uns herum passiert, die unser Leben berühren. ¶

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