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Spiel auf Probe
ein Tagebuch  



Text Elena Cheah · Übersetzung Andreas Illmer · Illustration Christina Gransow


Als Elena Cheah im Herbst 2013 beim Concertgebouw-Orchester in Amsterdam für eine Solocello-Stelle vorspielt, kann sie bereits auf eine ziemlich beeindruckende Karriere zurückblicken. Sie spielte viele Jahre als Solocellistin im Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Christian Thielemann und in der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim. Sie verfolgte eigene kammermusikalische Projekte, konzertierte als Solistin, schrieb Bücher und arbeitete als Professorin. Ein Bericht über Höhentrainingslager, einen Vorhang und ein riskantes Spiel.


Prolog

Wir haben uns auf diesen Tag vorbereitet. Uns in dem großen Outdoorladen in Denver mit der modernsten Campingausrüstung ausgestattet. Mindestens viermal die Woche unsere Aerobicübungen gemacht, über mehrere Wochen hinweg. Ein freundlicher Fernfahrer hat uns schließlich hierhergebracht, über zerfurchte Straßen bis ans Ende der Zivilisation. Mein Rucksack ist schwer, die Schultern schmerzen schon, und die Luft ist dünner als unten im Tal. Ich ahne, dass mir heute Abend im Zelt jeder einzelne Knochen wehtun wird. 

Nachts liege ich in einer Position, in der ich noch nie zuvor geschlafen habe. Mein Körper ist um die Steine unter mir geschlungen wie der gekämmte Sand eines Zengartens. Unaufhörlich prasselt der Regen aufs Zelt, nicht wie die gleichmäßigen Tropfen auf einer Fensterscheibe, sondern wie ein wirres Rattern. Ich schicke ein Gebet an die Geister dieser Wildnis, dass sie mich von dem stechenden Schmerz im Rücken befreien, dass sie mich schlafen lassen und dass ich morgen, wundersam geheilt, aufstehen kann, bereit, die ganze Tortur noch einmal über mich ergehen zu lassen. Wieder den Pass hinauf, wieder auf der anderen Seite hinunter – diesmal jedoch mit dem Wissen, was auf mich zukommt. 

Einen Monat später stehe ich am Flughafen Berlin-Schönefeld. Es regnet und ich haste über das nasse Rollfeld zu einem Billigflieger mit dem Ziel Amsterdam; Handgepäck, Cellokoffer, Haare werden nass. Der Regen fällt still und federleicht. Der Flugbegleiter erklärt mir, dass das Cello auf einen Sitz am Fenster und mit dem Gurt festgeschnallt werden muss; als ob ich das nicht schon tausendmal mitgemacht hätte. Ich habe mich auf das, was kommt, vorbereitet – wenn auch vielleicht nicht ganz so sorgfältig wie auf das Campen. Und doch hätte ich fast noch alles abgesagt. Vorgestern bin ich aufgewacht und habe meine Fingerkuppen befühlt: so weich wie ein Babypopo. Oder eher wie alte Ballons, aus denen die Luft heraus ist, schwach und schlapp. Zwei Wochen Üben waren nach der dreiwöchigen Unterbrechung nicht genug, um wieder ausreichend Hornhaut aufzubauen. 

Vor zwei Tagen habe ich meiner Freundin Catherine vorgespielt, versucht, die Sache in ihre Hände zu legen. »Du solltest gehen«, sagt sie. »Ich habe das Gefühl, dass ich kurz davor bin, die Fassung zu verlieren«, sage ich. »Aber du machst einen absolut sicheren Eindruck. Denk einfach an verschiedene Farben und Kontraste in deinem Spiel.« – »Okay«, sage ich. 

Ich werde an meinen Farben arbeiten. Bisher war ich noch zu sehr mit den Noten beschäftigt, als dass ich mich um eine Farbpalette hätte kümmern können. Am 7. September hatte ich noch 18 Tage, um von null auf 180 zu kommen, vom Campen in den Rocky Mountains zur Bühne im Concertgebouw in Amsterdam. Die ersten Tage waren grausam für meine Finger, aber noch schlimmer für meine Ohren – so als würde ich meiner eigenen Babysprache zuhören. Ich hatte andere Verpflichtungen, Treffen und Deadlines. Eine Woche vorher fühle ich mich normalerweise vorbereitet und fertig, ins Vorspiel zu gehen. Dieses Mal aber habe ich immer noch damit zu kämpfen, meine Finger auf die Reihe zu bekommen. Die Nachbarn, die mich meistens nicht mehr als zwei Stunden am Tag ertragen müssen, scheinen plötzlich eine Vorliebe für lauten Heavy Metal entwickelt zu haben. Harte Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen: Ich besorge mir von einem Freund den Schlüssel zu seinem Café, um dort nach Ladenschluss zu üben. Fünf Tage lang sitze ich abends von sieben bis neun im dunklen Raum. Den Rücken zur Fensterfront, als Auditorium einen Kühlschrank mit Wiener Tortenauslage. Trotz all meiner Bemühungen bin ich nach dem fünften Tag vollkommener Schlaffheit so weit, das Handtuch zu schmeißen. Immerhin habe ich meine Ansprüche. Warum soll ich nach Holland, nur um mich dort zu blamieren? 

Andererseits, was gibt es zu verlieren? Es ist schon alles gebucht, Airbnb und Easyjet für 256 Euro. Ein billiger Trip für ein Vorspiel, bei dem keine Spesen erstattet werden. Mein Mann erinnert mich daran, dass ich immer ein paar Tage vor dem Probespiel alles hinschmeißen will – und dass dann doch alles gut läuft. Wenn ich Glück habe, wird es zwei Runden geben. Die erste dauert höchstens zehn Minuten. Die Exposition des Dvořák-Konzerts (Cellokonzert h-moll, d. Red.) und zwei Orchesterauszüge: Mendelssohns Sommernachtstraum und das Cello-Solo aus Beethovens Ballett Die Geschöpfe des Prometheus. Alles hinter einem zugezogenen Vorhang auf der Bühne des Kammermusiksaals.


Tag 1

Um zehn Uhr abends komme ich in meinem Quartier in De Pijp an. Zu meiner Überraschung schlafe ich gut, fast zu gut. Am nächsten Morgen bin ich hellwach und gehe für ein kurzes Frühstück in ein ranziges Café an der Ecke. In der Tram erkenne ich eine Station vor der Konzerthalle die Gegend und mein Herz drückt in den Hals. Es ist nur eine Probe, sage ich mir, nur die Ruhe. Am Empfang erklärt man mir, wo der Pianist ist und zeigt die Treppenstufen hinauf. Unten im Foyer erkenne ich einen Cellisten-Kollegen. Als ich ihn zum ersten Mal getroffen habe, war ich siebzehn. Seitdem haben sich unsere Wege hin und wieder gekreuzt. Er grinst mich verlegen an. »Du bist hier im Urlaub?«, frage ich ironisch. Er lacht nervös zurück. »Klar, im Urlaub.« – »Ja, ich auch.« Der Pianist ist bereit. Wir spielen die ersten fünf Minuten des Dvořák. Ich fühle mich frei, warm und geradezu lebendig. »Wow«, sagt der Pianist, als wir fertig sind. Er ist in Eile, mein Kollege wartet draußen darauf, dass er an die Reihe kommt. Lange weiter zu üben bringt jetzt sowieso nichts mehr. 

Ich nehme die Tram zurück zur Wohnung, lasse das Cello da und mache mich auf den Weg, etwas essen. Die Entscheidung fällt auf ein Deli: Süßkartoffelsuppe und eine Schüssel Reis. Warm, anheimelnd und nicht zu schwer. Genau richtig, um mich ein bisschen runterzufahren, ein Mittel gegen das Heliumgefühl eines solchen Probespieltages, an dem man sich fühlt, als könne man den Bodenkontakt verlieren und hinauf ins All schweben. Zurück in der Wohnung lege ich mich auf den Boden und versuche etwas gegen den schmerzenden Knoten in meiner Schulter zu tun. Es ist mein Vorspielknoten, wir kennen einander schon recht gut.

Die erste Runde: hinter dem Vorhang

Das Prozedere in der Konzerthalle kenne ich: Etwa 20 Minuten, bevor es losgeht, bekommt man ein Zimmer, um sich aufzuwärmen. Ich versuche nicht auf die anderen Cellisten zu achten, die nebenan die gleichen Stücke üben. Ich spiele langsame Tonleitern, um mich zu überzeugen, dass die Welt noch in Ordnung und alles unter Kontrolle ist. Gleich werde ich zehn Minuten purer Folter ausgesetzt sein, aber eigentlich hat es ja schon begonnen. Muss es immer solch eine Qual sein? Nein, manchmal ist es reine Glückseligkeit. Habe ich die Wahl? Ich glaube nicht, jedes Mal entgleitet mir die Kontrolle. Es klopft an meiner Tür. Ich ziehe meinen Cardigan aus und zittere sofort los in der feuchten Kühle des Zimmers. Es geht die mit rotem Teppich belegten Stufen hinab und ich warte vor der Bühnentür. Der Orchestermanager zieht den schweren Vorhang für mich zur Seite. Fuck it, fuck it, fuck it, pocht mein Herz. Hier bin ich nun, um vor niemandem zu spielen. Ich setze mich auf den Stuhl an der Seitenkrümmung des Flügels. Der schlechteste Platz für mich, hier ist das Klavier am lautesten und zwingt mich, zu laut zu spielen. Aber es gibt nicht genug Zeit, sich umzusetzen. Der Orchestermanager sagt meine Nummer an. 

Der dunkle blaue Vorhang hängt über die gesamte Breite der Bühne, einen halben Meter von mir entfernt. Ich stimme das Instrument und bemerke eine Unruhe in meinem rechten Arm. Wie ein unerfahrener Soldat will ich hinausstürmen und mich durchkämpfen, komme was wolle. Ich wende mich mit einem Kopfnicken dem Pianisten zu. Die zehnminütige Orchestereinleitung ist auf die zwei Takte vor dem Einsatz des Cello-Solos gekürzt. Atmen. Zählen. Der Arm wird schwer. Und mit der ersten Note ist es mit meinem Wunsch, Musik zu machen, auch schon zu Ende. Der Vorhang nimmt alle Resonanz auf und spuckt jedes Geräusch des Bogens und jeden Intonationsfehler mit erbarmungsloser Ehrlichkeit zurück. 

Plötzlich bin ich wieder zurück auf jenem Berg mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken. Jeder Knochen tut weh. Meine Entschlossenheit bröckelt dahin. Es sollte um die Nähe zur Natur gehen, die Wildnis, die traumhaften Aussichten – und alles, was ich fühle, ist der Schmerz. Dieses Vorspiel sollte sich allein um die Musik drehen und nun geht es nur noch ums Überleben. Ich gebe mir Mühe und versuche es wieder und wieder. Nicht eine einzige Phrase gelingt ohne einen furchtbar hässlichen Ton oder eine schiefe Note. Das berührende, melancholische Thema ächzt, als ob mein Bogen mit Wildschweinborsten bespannt wäre. Am Ende bin ich in Schweiß gebadet, obwohl ich Minuten vorher noch vor Kälte gezittert habe.

Der Pianist verlässt die Bühne und ich bleibe allein zurück, spiele hinter dem düsteren blauen Vorhang die Cellostimme aus den zwei kurzen Orchesterstücken. Ich will die Sache einfach nur hinter mich bringen. Mendelssohns Elfen werden unter der Führung meines zittrigen Bogens elefantös, Beethoven nüchtern und ein wenig verstimmt. Ich fühle mich wie betäubt. Sonderbar erleichtert gehe ich die Stufen wieder hinauf. Für mich wird es keine weitere Runde geben. Ich werde mir morgen Museen anschauen, vielleicht ein Fahrrad leihen. Die Orchestermanagerin schaut mich fragend an. »Also, das war einfach nur schrecklich«, sage ich, mittlerweile schon abgeklärt. »Das schlimmste Vorspiel seit Jahren.« – »Aber warum?«, fragt Harriet, »warum heute?« – »Ich weiß es nicht, kommt halt vor.«


Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Ich will einen Freund in einem Dorf eine Stunde außerhalb Amsterdams zum Abendessen besuchen. Ein Spaziergang führt mich auf einen Markt in De Pijp; ich kaufe ein appetitlich aussehendes Brot und Feigengorgonzola. Nicht weil ich hungrig wäre, sondern weil ich den Wunsch habe, mir etwas Gutes zu tun. Auf dem Weg zurück zur Wohnung klingelt das Telefon, eine holländische Nummer. »Hallo, hier ist Harriet vom Concertgebouworkest. Elena, du bist in der nächsten Runde und sollst morgen um vier Uhr noch mal zum Vorspiel kommen.« Ich bleibe wie angewurzelt stehen. »Was? Ist das euer Ernst?« – »Ja«, lacht sie. »Aber das war das schlimmste Probespiel meines Lebens, bist du dir sicher?« – »Ja, sie haben durchaus etwas Musikalisches darin gehört.« Etwas Musikalisches. Das Gefühl der Ruhe und Entspannung ist augenblicklich dahin. Jetzt will ich die Sache ernst nehmen. Morgen werden mich alle sehen und hören. Jetzt bin ich nahe genug dran und will es richtig. Ich unterdrücke Gedankenspiele an einen Erfolg: Holländisch lernen, nach Amsterdam ziehen, meinen Mann überreden, selbiges zu tun usw. Ich sage meine Verabredung fürs Abendessen ab. Übe noch eine Stunde, bis ich nichts mehr hinbekomme. Ich gehe früh ins Bett und liege bis halb zwei wach, mindestens. Probiere abwechselnd die Ozeangeräusche aus dem iPhone und meine Ohrstöpsel; versuche, meinen Mann anzurufen, um mich in den Schlaf zu reden. Am Ende schaffe ich es mit Krieg und Frieden.

Tag 2

Der nächste Tag ist der langsamste in der Geschichte der Menschheit. Während ich auf die Straßenbahn warte, versuche ich alles in Relation zu setzen. Ich werde ein Stück aus Haydns Cellokonzert in D-Dur spielen und neun Orchesterauszüge. Die Qualität meiner Darbietung und die Launen der Jury werden darüber entscheiden, ob ich nach Amsterdam ziehen und Mitglied des Koninklijk Concertgebouworkest werde, oder ob ich in Berlin bleibe und mein Leben als Bohemien fortsetze. Ich wünsche mir so sehr, dass die Musik, die ich spiele, den Menschen etwas bedeutet. Ich will hinaus aus dem Elfenbeinturm. D-Dur-Melodien umspielen die Passanten an der Tramhaltestelle. Ist meine Musik auch nur für einen Einzigen, eine Einzige hier relevant? Ich höre Französisch, Spanisch, verschiedene asiatische Stimmen. Es gibt in dieser Stadt so viele verschiedene Sprachen, aber wie viele Menschen in der Welt sprechen noch Musik? 

Nach der Probe mit dem Pianisten esse ich ein hastiges kleines Mittagessen und besuche meinen Freund Miguel ein Stückchen die Straße herunter. Er hat mir Kräutertee versprochen und einen Zufluchtsort vor all den anderen Cellisten für die Stunden, die bis zum Vorspiel noch bleiben. Seine Küche ist vom Nachmittagslicht durchflutet und ich blicke hinab auf einen wunderschönen Garten. Er bietet mir seine Couch für die letzte halbe Stunde an; ich schließe meine Augen und gehe in Gedanken durch, was mir bevorsteht.


Die zweite Runde: mit offenem Visier

Wir sind sechs, ich bin die letzte. Alles verzögert sich, und ich sitze wieder viel zu früh in meinem zugigen Zimmer. Ich kann jetzt nicht eine volle Stunde nur Tonleitern spielen. Ich lege mich hin und versuche laut zu atmen, um das Spiel der anderen Cellisten auszublenden. Auf der Liste der Anwärter und Anwärterinnen ist ein Name, den ich kenne, und ich weiß, dass sie dieses Vorspiel unmöglich nicht für sich entscheiden kann. Ich spiele nochmals halbherzig die Eröffnung des Haydn-Konzerts und verpasse prompt den ersten Oktavsprung. Ich spiele die Stelle noch einmal und wieder passiert mir das Gleiche. Und wieder und wieder. Das ist genau das, was ich vermeiden wollte: dass andere meine Fehler hören. Ich öffne die Tür und sehe meine große Konkurrentin direkt gegenüber sitzen und lächelnd mit den Orchestermanagern plaudern. Also hat sie die letzten fünf Minuten meines amateurhaften Spiel gehört. Ich versuche den Gedanken aus meinem Kopf zu bekommen. Denk einfach daran, wie schön dieser Oktavsprung ist! Und hör verdammt noch mal auf zu spielen! 

Für die verbleibende Ewigkeit übe ich nur mit meiner linken Hand, der Bogen bleibt in der Luft. Schließlich dann das Klopfen an der Tür. Ich ziehe meinen wollenen Armwärmer aus und stehe auf. Es bedeutet nichts, sage ich mir wieder und wieder, mach es einfach für dich selbst: erst den Ballerinasprung, dann geht der Rest wie von allein. Dieses Mal ist es Harriet, die den Backstagevorhang für mich zur Seite zieht und meinen vollen Namen ansagt. Ich lächle und trete hinaus, als ob es ein Konzert wäre. Ohne den Vorhang des Grauens fühlt es sich fast so an. Ich vermeide es, einzelne Gesichter auszumachen. Vermutlich kenne ich die meisten aus der Zeit, als ich hier vor ein paar Monaten für einige Wochen als Aushilfe eingesprungen bin. 

Der Pianist spielt die drei Takte vor meinem Einsatz, und dieses Mal beschließe ich, volles Risiko zu gehen und alle Sicherheitsmechanismen auszuschalten. Wir alle haben solche Mechanismen; bei mir ist es die Todesangst davor, verstimmt zu spielen, einen Sprung zu verpassen, einen hässlichen Ton zu spielen, den Bogen zittern zu lassen. Mein eigener Sicherheitsgurt wird normalerweise zu einer Zwangsjacke. Wenn man anfängt, über ein schwieriges technisches Problem nachzudenken, wird es zu einer fixen Idee, die einen nicht mehr loslässt und alles andere überschattet. Ich beschließe, dass die erste Phrase ein wunderschönes, leichtes Wandeln durch einen Garten des 18. Jahrhunderts sein wird. Nach dem gelungenen Oktavsprung kann ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. This is it. Das ist mein Tag. Die Negativspirale von gestern ist umgedreht und trägt mich nun auf eine Ebene, auf der es mir völlig gleichgültig ist, ob die Leute mein Spiel mögen oder nicht; es dreht sich nur noch um Musik.

Ausgespielt

Am Ende überkommt mich ein Triumphgefühl. Ich habe um mein Leben gespielt, all die Dämonen besiegt. Ich habe mich für die Musik und gegen die Sicherheit entschieden. Und das ist das Höchste, was ich von einem Vorspiel erwarten kann. Das Ergebnis ist eine ganz andere Sache. Ich nehme mir die Zeit und packe zusammen, ziehe meine Konzertschuhe aus und wechsle wieder in normale Schuhe. Jetzt sitzen sie gerade bei der Auswahl. Es fällt mir schwer, mich auf die möglichen Konsequenzen dessen zu konzentrieren, was ich da gerade gespielt habe. Es ist noch zu viel Adrenalin im System. Ich plaudere mit ein paar Orchestermitgliedern, die nicht in der Jury sitzen. Ihre Nervosität ist greifbar.

Aus dem Nachbarzimmer dringt Beifall, und irgendjemand sagt: »Das heißt, dass jemand den Job bekommen hat.« Ich stehe auf, sehe die Jurymitglieder herausströmen und frage mich, wer mich wohl ansprechen wird. Es ist Harriet, die mit einem angespannten Lächeln herüberkommt und meine Hand schüttelt. »Danke fürs Spielen, Elena. Es hat nicht geklappt.« – »Oh«, sage ich und beginne innerlich ganz tief zu fallen. »Wer hat’s denn bekommen?« – »Tatjana Vassiljeva.« Die große Virtuosin, die mir vorhin zugehört hat, als ich viermal danebengegriffen habe. Es war eine offensichtliche Entscheidung. Freunde aus dem Orchester grüßen mich, als ob ein gemeinsamer Bekannter gestorben wäre. Ich habe noch nicht realisiert, was passiert ist, und fast das Gefühl, dass ich es bin, die sie trösten muss. Einer meiner ältesten Freunde aus dem Orchester, Benedikt, den ich 1997 auf einem Festival getroffen habe, lädt mich in seine Wohnung ganz in der Nähe auf einen Kaffee ein. Aus dem Kaffee werden zu starke Gin-Tonics. Benedikt ist aufgeregter als ich. »Ich kann die Anspannung beim Probespiel nicht ertragen«, sagt er. »Zittere die gesamte Zeit, bin nervöser als die Kandidaten selbst.« Am Flughafen später treffe ich eine der anderen Kandidatinnen. Ein Glas Prosecco, wir unterhalten uns und lachen. Es war ja nur ein Vorspiel. 

Ich steige ins Flugzeug und mir ist plötzlich danach, wild loszuheulen. Das Adrenalin lässt nach. War mein Bestes nicht genug? Nicht richtig genug? Bedeutet es denn gar nichts, dass ich mir das Herz aus der Seele gespielt habe? Das ist die harte Realität eines Vorspiels. Einer bekommt den Job und die anderen gehen mit leeren Händen nach Hause. Ich nehme Krieg und Frieden und lese fünfmal denselben Abschnitt. Die Dämonen brauen in meinem Kopf wieder einen Sturm zusammen. Warum hast du nicht öfter etwas vor Menschen gespielt? Warum hast du die Sache nicht ernster genommen? Schließlich landen wir in Berlin und es hat aufgehört zu regnen. Mein Mann wartet am Gate und fünf Minuten später sind wir im Auto und ich in Tränen aufgelöst. Nicht aus Trauer darüber, dass ich den Job nicht bekommen habe, sondern wegen des schwarzen Lochs, das sich öffnet, wenn man alles gegeben hat und für 48 Stunden auf einem Drahtseil balanciert ist. Ein schwarzes Loch aus verlorener Energie, das normalerweise durch eine Konversation gefüllt würde, durch Komplimente aus dem Zuschauerraum oder ein Abendessen nach einem Konzert. Meine Tränen fließen den gesamten Weg von Schönefeld nach Mitte, während mein hilfloser Mann mir an jeder Ampel die Hand streichelt.


Tag 3: Epilog

Der nächste Morgen läutet einen wunderschönen Berlintag ein. Mein Cello bleibt in seinem Koffer, und gegen Abend fühle ich mich langsam wieder wie ein Mensch. Es gibt noch so viele andere Projekte, die mich locken. Die masochistische Seite in mir will alles sofort wieder durchmachen, jetzt, wo ich in Form bin, damit ich bloß diesmal gewinne. Einfach nur das schwarze Loch füllen. Auf der anderen Seite – wollte ich nicht hinaus aus dem Elfenbeinturm? ¶