Du hast die 2 kostenlosen Artikel bereits gelesen.

Abo besorgen um weiterzulesen

Wenn du schon einen Benutzerzugang hast: Hier klicken zum Einloggen. Abos gibt es ab 80 Cent pro Ausgabe, 3,33 € pro Monat! Wir sind ein unabhängiges Magazin, bezahlen unsere Autoren. Die Werbung, die wir schalten, ist unaufdringlich und strengt deinen Browser nicht an. Danke für deine Unterstützung! Subscribe
Hast du schon ein günstiges VAN-Abo? Ohne Abo kannst du monatlich 2 unserer Artikel kostenlos lesen – das ist dein .

Sonia Simmenauer

Ein Gespräch über Veränderungen im Klasssikmarkt und der Agenturlandschaft

Ein Interview mit der Kulturmanagerin, Publizistin und Impresaria Sonia Simmenauer

 

Interview Hartmut Welscher · Foto privat


In ihrer Künstleragentur betreut Sonia Simmenauer seit 1989 einige der respektiertesten und international erfolgreichsten Streichquartette. Zu ihren ehemaligen Kunden gehörten legendäre Formationen wie das Alban Berg und das Guarneri Quartett, heute vertritt sie mit ihrem Impresariat neben Ensembles wie dem Artemis und dem Arditti Quartett und auch eine Reihe von Solisten, darunter Isabelle Faust und Jean-Guihen Queyras. Wir haben uns mit ihr getroffen, um sie zu fragen, wie sich das Agenturgeschäft und die Herausforderungen für Ensembles in den letzten Jahrzehnten verändert haben. 


VAN: Was sind die größten Veränderungen in der Agenturlandschaft der letzten dreißig Jahre?

Sonia Simmenauer: Früher war es etwas übersichtlicher. Als ich anfing, haben die ausländischen Agenturen nicht in Deutschland gearbeitet, und die deutschen nicht im Ausland. Mit dem Beginn des Internets haben dann einige gemeint, überall arbeiten zu können, dass es wurscht sei, wo man sitzt, Hauptsache man hat einen E-Mail Account. Dadurch sind ganze Traditionen baden gegangen, viele haben vergessen, wie man miteinander redet. Schon in Deutschland kommuniziere ich doch nicht mit dem Veranstalter in Buxtehude, der das vielleicht ehrenamtlich macht, genauso wie mit dem Saalbetreiber in Hamburg. Es sind zwei verschiedene Welten.

Wie haben sich die Veranstalter selbst verändert?

Ich kenne noch die Zeit, in der Veranstalter einem Künstler einfach einen roten Teppich ausgelegt und gesagt haben: Du bist mein König, du kriegst eine Bühne, mach das Beste draus. Das gibt’s fast nicht mehr.

Warum nicht?

Ich glaube, die Intendanten sind heute die neuen Künstler. Wenn man Glück hat, ist der Intendant auch wirklich einer, wie zum Beispiel ein Ingo Metzmacher (Link zum VAN-Interview), der jetzt die Kunstfestspiele Herrenhausen übernimmt. Oftmals sind es aber Leute, die keine ausübenden Musiker sind, und zum Beispiel nicht wirklich ermessen, was es für den Künstler an Anstrengung bedeutet, ein Werk, das man sich noch gar nicht ganz erarbeitet hat, aufzuführen. Es wird heute unglaublich viel Risiko eingegangen, damit das, was auf die Bühne kommt, ad hoc passiert. Manchmal ist es dann aus dem Moment heraus auch wirklich besonders, aber oft eben auch nicht.

Und wie haben sich die Künstler geändert?

Der Typus Künstler, der nur für das lebt, was er tut, ist ein bisschen verschwunden. Der Druck, alles zu können, ist viel größer geworden. Man muss der perfekte Künstler sein, der auf der Bühne hundertfünfzig Prozent gibt, der auch die PR-Maschinerie bedienen kann, der aber auch zu hundertfünfzig Prozent Familienvater oder Mutter ist. Das ist komplett verrückt geworden. 

Haben es junge Quartette heute einfacher oder schwerer als früher?

Ich kann es nicht vergleichen, es hat sich einfach verschoben. Junge Quartette haben heute oft eine andere Art des Miteinanders, sie wissen besser, wie sie sich nicht ganz so weh tun, sich die Zeit einteilen, Freiheiten nehmen und geben. Es ist heute okay, wenn man nicht nur Quartett macht. Es gibt allerdings etwas, woran man ein wenig spart, und das ist die Leidenschaft. Junge Leute sind heute viel klüger als früher, sie gehen umsichtiger mit sich und anderen um, verbrennen sich weniger. Da kann man, denke ich, nicht trennen zwischen Musikern und der Gesellschaft.

Nach welchen Kriterien wählen sie aus, ob sie einen Künstler oder ein Quartett aufnehmen?

Nächste Frage. (lacht) Ich weiß es nicht, ich verstehe es selber oft nicht ganz. Wenn ich ehrlich bin: aus dem Bauch heraus. Das ist das Einzige, was mir die Leidenschaft gibt.

Und nach welchen trennen sie sich wieder?

Entweder aus dem Wissen heraus, dass wir nicht miteinander können, oder jemand ist grundsätzlich unzuverlässig, sowohl gegenüber mir als auch den Veranstaltern. Und dann gibt es noch einen Grund, der dann auftaucht, wenn man mit jemandem lange arbeitet: Man kennt sich zu gut. Ich muss immer noch Mysterium in meinem Künstler sehen, muss immer noch überrascht werden, dann habe ich Lust. Wen ich aber alles genau weiß, es kein Geheimnis mehr gibt, dann brenne ich nicht mehr.

Passiert es manchmal, dass sie sich aus dem Bauch heraus entscheiden und dann feststellen: jemand ist nicht vermittelbar, jemand kommt nicht auf den grünen Zweig?

Ja, das gibt’s auch. Das Letzte, was ich mir leisten kann und möchte, ist eine Liste mit Leichen. Es ist schwer genug für einen Künstler, wenn ihm gesagt wird, dass er sich woanders hinwenden soll. Aber es gibt nun mal nur so und so viel Plätze. Das gab es immer schon, dass man gemeint hat: so ein phänomenaler Musiker, warum macht er nicht die Karriere, die er machen könnte? Aus irgendeinem Grund ist es dann halt nicht genug, weil zu einer Karriere noch irgendwas anderes gehört, was er oder sie nicht hat, vielleicht auch einfach Glück oder der Zufall, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Das kann man nicht lenken.

Ist es heute wichtig, sich als junges Ensemble ein klares programmatisches Profil zu geben, also zu sagen: wir spezialisieren uns auf Zeitgenössisches, oder auf das klassische Repertoire?

Ich halte nichts davon, sich aus Verkaufsgründen zu spezialisieren. Wenn aber jemand eine Aussage hat, wie zum Beispiel das Jack Quartett oder das Arditti Quartett, dann ja. Ansonsten ist es eher wichtig, dass sich jemand gut einschätzen kann und lernt zu wissen, wo er sein Bestes geben will, in welchem Repertoire, in welcher Formation, und für wen. Weiß er, was er tut, wenn er auf die Bühne geht? Weiß er, dass er für ein Publikum spielt? 

Sonia Simmenauer

Als sie ihre Agentur gegründet haben, befanden sich die Labels gerade in der Goldgräberstimmung mit der Ankunft der CD ...

Ja, die Firmen haben die gesamten Archive wieder neu herausgebracht, die Leute haben gekauft wie blöd. Es war aber auch noch eine Zeit der großen Subventionen, der Anfang von neuen Sälen und des Sponsorings. Davor war es ja eher verpönt, sich als Mäzen auch zu zeigen. Und es gab ein Publikum, das noch nicht ganz so alt war wie heute.

Mit der CD kam dann auch eine neue Stufe der Vermarktung, oder?

Ja, und: der Events, die nicht auf die Musik zugeschnitten waren, sondern die Musik auf das Event. Ich glaube, das ist der Punkt, an dem man sich verloren hat. Das war damals der Anfang dieser brutalen Vermarktung der Musiker, wogegen sich Leute wie Gidon Kremer gewehrt haben.

Hat man sich ein Eigentor damit geschossen, den Begriff des »Stars« so inflationär zu gebrauchen – der dadurch seinen Wert verloren hat?

Es stimmt, dass junge Leute heute sofort herausgegriffen und hochgeschossen werden, und es gibt etliche, die das nicht durchhalten. Aber es gab auch zu meiner Zeit diejenigen, die mit 30 wieder weg waren, und es gibt immer noch Leute heute, die mehr Publikum bekommen je älter sie werden. Es gibt diese zwei Extreme. Gucken sie sich den Herrn Sokolov an, vor dreißig Jahre hat keiner gewusst, wer das war. András Schiff war früher nicht so ein Top-Künstler wie heute, Frau Leonskaja macht, seit sie 60 ist, eine große Karriere. 

Wie haben sich die Honorare entwickelt?

Bis Anfang der 2000er ist es immer höher gegangen, bis in Bereiche, wo es krank war, seit 10 Jahren geht es stetig runter. 

Zum Beispiel?

Ein Honorar von 25.000 bis 30.000 EUR pro Auftritt war früher eigentlich nicht mal ein Top-Honorar, und Künstler, die das früher bekommen haben, bekommen es heute nicht mehr. Aber im Schatten wächst dann doch wieder was anderes, da bin ich ein absoluter Optimist. Es ist vielleicht so, dass die, die früher viel Geld gemacht haben, heute nicht mehr so viel Geld machen. Aber mir ist das egal. Mir geht es darum: Gibt es Musik? Und es gibt immer mehr Musik. 

Gibt es gemessen an der Nachfrage nicht auch zuviel Angebot?

Ja.

Und zu viele Quartette?

Ja, aber das wird sich ausdünnen. Einfach aus der Tatsache heraus, dass viele essen müssen. Was wieder wachsen müsste, sind Menschen, die vom Quartett wirklich etwas verstehen, die nicht nur aufgrund von »Namen« einladen, genauso ist es übrigens beim Lied.

Wie kam es zum Streichquartett-Boom der letzten zehn, zwanzig Jahre?

Das hat mit Lebensentwürfen zu tun und mit der Tatsache, dass eine Stelle im Orchester für viele nicht mehr so attraktiv ist. Das Quartett ist da eine Lösung, bei der man nicht alleine durchs Leben geht und auf hohem Niveau etwas zusammen machen kann. Auch eine Abkehr von totaler Individualität. 

Wo sind für sie die neuen Märkte?

China wächst rasend, ich habe mich aber nie um diesen Market gekümmert, weil es die üblichen Verdächtigen gibt, die dort erstmal sehr viel Geld machen wollen; das wird sich aber auch regulieren. Es wird eine Generation wachsen, die hören kann, um was es geht. Es sind Märkte komplett kaputt gegangen, die früher ganz groß waren, Japan zum Beispiel, Italien, was eine Riesenkultur hatte, die im Moment sehr klein ist, aber wahrscheinlich wieder hochkommen wird, Spanien erholt sich langsam. Das einzige was relativ stetig bleibt, ist Deutschland. 

Und sie bleiben auch?

Irgendwann ist man so lange dabei, dass man weiß: ich kann jetzt nichts anderes mehr machen. Aber eine Neuigkeit gibt es doch: Ich bin gerade als Gesellschafterin bei der Konzertdirektion Hörtnagel in München eingestiegen. Herr Hörtnagel ist jetzt 88, und er hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könne. Ich kann nicht von der Vermittlerin zur Veranstalterin werden. Das ist ja ein Problem in unserer Branche, dass die Leute permanent etwas tun, was sie nicht können. Also habe ich Andreas Schessl (Gründer des Konzertveranstalters MünchenMusik, Anm. d. Redaktion) gefragt, ob er mit einsteigen würde. Georg Hörtnagel und seiner Tochter gehört die Firma teilweise noch und er ist noch aktiv dabei, aber Schessl und ich sind neue Geschäftsführer. Das ist eine der letzten deutschen Traditionsfirmen, diese Tradition wollen wir gleichzeitig schützen und neu beleben. ¶

Kommentare

Mehr lesen

Newsletter erhalten und jede Woche erfahren,
wenn neue Artikel veröffentlicht werden

Abo abschließen und vollen Zugang
zur Welt von VAN erhalten