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Meine musikalische Biografie

Shara Worden – My Brightest Diamond

Protokoll Hartmut Welscher · Foto Dennis Jakoby


Meine erste musikalische Erinnerung verbinde ich mit meiner Mutter. Ich muss ungefähr zweieinhalb Jahre alt gewesen sein, weil sie damals schwanger war. So messen wir beide immer die Zeit. Meine Mutter spielte klassische Orgel und gab ein Konzert in einem Auditorium. Ich erinnere mich, dass sie mich mitnahm und alleine in diese riesige leere Halle pflanzte. Dann zog sie ihre schwarzen Orgelschuhe aus Holz an und begann zu spielen. Die Druckwelle des Klangs der Orgel hat mein Gehirn damals total überrollt, es war unfassbar laut. Das hat sich tief bei mir eingeprägt.

Mein Großvater spielte E-Gitarre, und ich sehe ihn, wie er am Ostersonntag in unserer Kirche vorne am Altar steht, weißer Anzug, weiße Schuhen und eine rote Epiphone-Gitarre, und mit meiner Großmutter sang. Damals muss ich etwa drei gewesen sein. Mein Vater spielte Akkordeon, oft auch zu Hause. Musik war Teil unserer Familienkultur, sie dominierte unsere gemeinsame Zeit.

»In der jüngeren Generation geht es viel mehr um Kooperation als um den einzelnen Künstler
und dessen Geniekult.« Shara Worden singt pain changes von David Lang.

Als ich sechs war, hatte ich meinen ersten öffentlichen Auftritt in einem Kirchen-Musical. Ich trug ein Nachthemd und war ziemlich nervös, weil ich vor 2.000 Menschen ein kleines Weihnachtslied singen sollte. Mein Vater war Leiter des Kirchenchors. Ein sehr charismatischer, aber auch konservativer Mann. Trotzdem hat er uns nie musikalisch eingeschränkt, was in dem christlichen Umfeld, in dem ich aufwuchs, eher ungewöhnlich war. Als ich in der 3. Klasse war, brachte er Michael Jacksons Thriller mit nach Hause und Platten von Joan Jett und Amy Grant. In seinem Musikgeschmack war er nie konservativ. 

Richtigen Klavierunterricht erhielt ich dann von meinem Onkel, als ich acht war. Er war professioneller Pianist und wohnte in derselben Straße wie wir. Zu der Zeit hatte ich gerade eine Kamera geschenkt bekommen und war besessen davon, Porträts von meiner Familie zu machen. Ich spannte ein Bettlaken als Leinwand hoch und zog mir alle möglichen Kostüme an. Einmal ging ich verkleidet zum Klavierunterricht zu meinem Onkel. Es waren die 1980er Jahre und ich trug natürlich am ganzen Arm Schmuckreifen. Und mein Onkel, der aus Trinidad ist, sagte sehr streng zu mir: »Shara, nimm bitte sofort deine Armreifen ab!« Ich wurde total nervös und fahrig, es war mir so peinlich, dass ich ihn mit all meinem Pomp beleidigt hatte.

Ab der 7. Klasse sang ich im Schulchor, einem Kammerchor mit ungefähr 20 Schülerinnen und Schülern. Wir haben dreimal die Woche zweieinhalb Stunden geprobt, Debussy, Barber und Bach. Meine Schule hatte ein ziemlich gutes Musikprogramm und unser Chor war so erfolgreich, dass wir sogar für zwei Wochen nach Europa fuhren. Was für ein Kulturschock! Ich empfinde es heute immer noch als großes Glück, dass ich schon früh mit einer so verwirrenden Erfahrung konfrontiert wurde.

Die Musik war immer mein Leben, ich habe eigentlich nie etwas anderes gemacht. Kurze Zeit spielte ich mal mit dem Gedanken, eine Kunsthochschule zu besuchen. Wenn ich einen Mentor oder Lehrer gehabt hätte, der mich als bildende Künstlerin entdeckt und gefördert hätte,
wäre daraus vielleicht auch etwas geworden. 


»So vieles im Leben hängt davon ab, ob es jemanden gibt, der etwas in dir erkennt, es nährt und dich ermutigt, etwas zu wagen. Und bei mir war immer Singen das Offensichtliche, das, worin ich von außen gefördert und bestärkt wurde.«


Am meisten von meinem Chorleiter. Niemand hätte in jungen Jahren in mir eine Komponistin gesehen, obwohl ich rückblickend
genauso gut hätte Komposition studieren können. Aber das hatte einfach keiner auf dem Schirm

Privat habe ich während der Schule wahnsinnig viel Hip-Hop, Rap und Soul gehört. Es war ja die Ära von Whitney Houston und Mariah Carey. Und dann waren die frühen 1990er auch eine wahnsinnig fruchtbare Zeit im Hip-Hop: Tupac, Heavy D, Biggie, LL Cool J, A Tribe Called Quest. 

Nach der Schule bin ich an die University of North Texas gegangen, um klassischen Gesang zu studieren, obwohl ich bis dahin nur zwei Opern live gehört hatte. Anfangs hatte ich dort Pech mit meiner Gesangslehrerin. Da ich ziemlich schnell lernte, gab sie mir immer schwierigere Partien zu singen, obwohl meine Stimme noch nicht reif dafür war. Drei Jahre lang wurde die Stimme immer schlechter und ich war voller Selbstzweifel, weil ich dachte, eine schlechte Sängerin zu sein.

Meine Lehrerin verließ dann die Schule, und ihre Nachfolgerin liebte ich. Aber sie musste meine Stimme und die Art, wie ich sang, erst mal wieder herstellen. Gleichzeitig fing ich an, in einer Funk-Band zu singen, Gitarre zu spielen und Songs zu schreiben.


»Du kannst ein Stück einmal hören und es verändert dein Leben und lässt dich nicht mehr los. Aber du musst es nicht unbedingt ein zweites und drittes Mal hören. Es ist interessant, dass die Ideen so mächtig sein können, dass man sie gar nicht jeden Tag aufnehmen kann.«


Auf der Hochschule wurde ich dann immer unsicherer, immer verwirrter, was meinen »Karriereweg« anging: Wie kann ich klassische Musik lieben und gleichzeitig Pop, Rock, Hip-Hop? Die Sache mit klassischer Musik ist ja die: Du kannst ein Stück einmal hören und es verändert dein Leben und lässt dich nicht mehr los. Aber du musst es nicht unbedingt ein zweites und drittes Mal hören. Es ist interessant, dass die Ideen so mächtig sein können, dass man sie gar nicht jeden Tag aufnehmen kann. Ich zumindest nicht. Und ich war sehr verwirrt darüber und dachte: »Vielleicht liebe ich klassische Musik gar nicht genug?«, weil ich jeden Tag Pop- und nicht klassische Musik hörte. 

Ich habe mich dann gefragt, in welcher Sache ich mich total verlieren kann, in welcher ich das Gefühl von Zeit und Raum verliere. Und das war für mich Songwriting. Ich nahm trotzdem auch an einigen Vorsingen an Opernhäusern teil. Es war eine Art Test: Ich nahm mir vor, mich ein Jahr voll und ganz auf das Singen und die Oper zu konzentrieren, und wenn am Ende nichts dabei rauskäme, würde ich das als ein Zeichen sehen, diesen Karriereweg aufzugeben. Und so kam es dann auch. Ich habe über Jahre hinweg Songs geschrieben und auch Platten mit Streichern aufgenommen, aber nie ernsthaft über Arrangements nachgedacht. Für mich war nicht absehbar, wie diese zwei Welten »Pop« und »Klassik« jemals zusammenfinden könnten.

»Ich habe mich dann gefragt, in welcher Sache ich mich total verlieren kann, in welcher ich
das Gefühl von Zeit und Raum verliere. Und das war für mich Songwriting.« Shara Worden
alias My Brightest Diamond singt Lover Killer.

Als ich aber in New York immer mehr Musiker sah, die Streicher und Klarinetten und andere »klassische« Instrumente in ihren Bands hatten, dachte ich: »Wow, das geht?!« Zu der Zeit verliebte ich mich in ein Stück von Pierre Boulez, Pli selon pli, und ich entschied mich, Komposition zu studieren. Das war eigentlich auch die Zeit, in der ich mit My Brightest Diamond begann. Und gleichzeitig fanden einige Komponisten in New York dann heraus, dass ich Noten und Partituren lesen konnte. Und ab dem Zeitpunkt bekam ich auch immer mehr Anfragen als klassische Sängerin.

Ich bin ein Ideen-Mensch. Ich liebe Geschichten. Und Oper ist Geschichten erzählen. Für mich ist sie der Gipfel der Kunst, in der alle Kunstformen in ihrer maximalen Kraft zusammenkommen. Oper wird mich nie loslassen; es ist so spannend, mit den verschiedenen Elementen und Proportionen zu spielen. 

Das meiste, was ich heute mache, passiert mit Leuten, die ich mag und kenne. Mit Ausnahme von Matthew Barneys Film River of Fundament, das war eher zufällig. Meistens treffe ich Leute und sage: »Hey, ich mag, was du machst«, und die Leute sagen: »Ich mag auch, was du machst.« Und wir sagen: »Lass uns doch mal was zusammen machen.« In der jüngeren Generation geht es viel mehr um Kooperation als um den einzelnen Künstler und dessen Geniekult. Gleichzeitig muss ich bei aller Kooperation aufpassen, dass ich mich nicht verliere. Heute bin ich an einem Punkt angelangt, wo die Leute manchmal nicht mehr genau wissen, was ich eigentlich mache. In Zukunft muss ich meine Energie wieder mehr auf meinen Kern fokussieren.


SHARA WORDEN 

Shara Worden ist Sängerin, Multiinstrumentalistin und Komponistin. Unter ihrem Singer-Songwriter-Pseudonym My Brightest Diamond hat sie mittlerweile vier Alben bei Sufjan Stevens’ Label Asthmatic Kitten veröffentlicht und ist mit Bands und Musikerinnen wie The Decemberists, The National, St. Vincent oder Devotchka auf Tour gewesen. Daneben arbeitet sie als klassisch ausgebildete Sängerin regelmäßig mit Künstlerinnen und Komponisten wie Laurie Anderson, David Lang, Nico Muhly und Meredith Monk zusammen. Mit dem Regisseur und Performer Andrew Ondrejcak hat sie die Pop-Oper für Barockensemble, You Us We All, geschrieben, die 2013 auf dem Sommerfestival des Kampnagel Hamburg Premiere feierte.