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Schalltot

»Wir brauchen mehr Glamour!«

Vor einem halben Jahr dachten wir: »Wir brauchen mehr Glamour!« Also raus aus dem Kreuzberger Prekariat, her mit den barocken Fleischtöpfen, nach München! Nach München!

 

 

Dort verabredeten wir uns mit dem Trio Imàge, die vielleicht ähnliches dachten, aber im Gegensatz zu uns noch einen ehrenhaften Grund hatten: die Entgegennahme eines Preises in der etwas unbeholfen klingenden Kategorie »Welt-Ersteinspielung des Jahres« für die Aufnahme der Piano Trios von Mauricio Kagel. Aber um Musik soll es hier nun wirklich nicht gehen. 

Bereits am Abend vorher angereist, schlendern wir am Tag der Preisverleihung an der Isar entlang zum Gasteig. Um uns herum treiben gut gelaunte Menschen in teuren Outdoorklamotten Sport, und die Hunde dürfen ohne Freiheitsbeschränkung umhertollen. Der Himmel ist blau und die Luft riecht nach Zufriedenheit. Am Ort des Geschehens ist bereits der rote Teppich ausgerollt. Bei der Akkreditierung erhalten wir orangene ZDF-Umhängebändchen, die alle ganz schnell in der Hosentasche verschwinden lassen, weil orangene ZDF-Bändchen einfach immer und zu jedem Anlass unpassend aussehen.

Am Ende des roten Teppichs ist ein Fotografenplatz für uns reserviert. Dort wartet schon eine kleine Traube von Fotografen vor der Sponsorenwand auf die ersten Starauftritte. Die Sponsoren vom Echo Klassik sind das ZDF, das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, der Gasteig, der Bundesverband Musikindustrie und Skoda. Wir nehmen unseren Platz auf der Stehbank ein und plaudern ein wenig mit den Kollegen von der »Freizeit Revue«.

Es ist noch nicht viel los, beziehungsweise: Der Echo Klassik ist offenbar eine Preisverleihung, bei der sich so richtig niemand für die Preisträger zu interessieren scheint. Ab und zu kommt mal einer vorbei, »beste solistische Ersteinspielung eines kammermusikalischen Werkes des 17. oder 18., aber nicht des 19. Jahrhunderts« oder so, aber Notiz nimmt davon eigentlich kaum jemand. Manch ein Fotograf macht sich noch die Mühe, die Posierenden anhand der Bilder in der Gästeliste zu identifizieren, andere lassen es einfach gleich laufen. Bei der Fotoagentur Getty findet man später Bilder vom Cellisten Jan Vogler mit einer blonden Begleitung. »Jan Vogler and guest attend the Echo Klassik 2014«. Who the fuck is Simone Kermes?

Thomas und Pavlin vom Trio Imàge machen auf dem roten Teppich bella figura, als hätten sie nirgendwo anders laufen gelernt. Thomas trägt eine Kutte, die nach japanischem Edeldesigner aussieht, Pavlins Blick führt geradewegs ins Schlafzimmer. Leider ist Gergana Gergova, die dritte im Bunde, nicht dabei. »Wer sind die?« fragt der Kollege. »Trio Imàge« sage ich. »Trio mit vier Fäusten« sagt der Kollege.

Das erste Mal Aufregung entsteht bei der Erscheinung eines korpulenten Schnauzbarts, der mir aus dem ZDF-Vorabendprogramm vage bekannt vorkommt. Der »Bulle von Tölz« ist es nicht, denn das war ja der Fischer Ottfried. »Landarzt«? Zu nördlich. »Bergdoktor«? »Forsthaus Falkenau«? »Joseph Hannesschläger, Rosenheim-Cops« sagt der Kollege vor mir. Joseph Hannesschläger erscheint in Begleitung. »Darf man fragen, wer sie ist?« rufen die Fotografen. »Tanja Kindler« sagt der Hannesschläger Sepp etwas schüchtern. »Wie?« »Tan-Ja Kind-Ler« und wird rot, während die Fotografen den Namen notieren. Dabei bin ich mir sicher, dass man die Frau auch hätte persönlich fragen können. Dann kommt Dieter Gorny. Und dann ganz lange niemand mehr.

Ich sage zu mir selber: »Elmar Wepper und Helmut Markwort kommen ja noch.« In dem Moment fällt mir ein, dass Markwort ja gar nicht hier sein kann, weil doch gerade der FC Bayern im Spitzenspiel in Mönchengladbach spielt. Der Fotograf neben mir sagt, dass die Veranstalter meist mit Namen locken, die gar nicht vorhaben zu kommen und vermutlich auch noch nie vom Echo Klassik gehört haben. Ich frage mich, wie dunkel die Wahrheit sein muss, wenn Elmar Wepper und Helmut Markwort als Lockvögel fungieren.  


»Ich halt’s für gefährlich so etwas zu tun. Dem Fernsehzuschauer wird vermittelt, dass das Klassik sei. Und das ist es sicher nicht. Die Welt der klassischen Musik ist etwas unglaublich persönliches, berührendes, und was hier rüberkommt ist einfach nur Spektakel. Ich halte auch nichts von dem Argument, dass David Garrett den Leuten die Klassik näherbringt. Das ist einfach Blödsinn. Er bringt den Leuten die schlechte Seite des Business näher. Die Musik meines Erachtens nicht.«

Thomas Kaufmann, Trio Imàge

Dann sehe ich Emmanuel Pahud (»Instrumentalist des Jahres / Flöte«) herannahen. »Großstadtrevier?«, sagt der Kollege vor mir. »Flötist« sage ich triumphierend. »Außerdem ist Großstadtrevier doch ARD.« Bin mir aber in dem Moment auch nicht mehr sicher, weil Emmanuel Pahud plötzlich genauso aussieht wie einer aus dem Großstadtrevier. 

Großstadtrevier (links) und Emmanuel Pahud (rechts)

Der Sinn des roten Teppichs soll ja eigentlich sein, dem darüber Flanierenden Glanz zu verleihen. In Deutschland sieht aber egal wer drüber geht immer nur aus wie ZDF-Vorabendprogramm. 

Es bedarf einiger Anstrengung die Kollegen davon zu überzeugen, dass  Ksenija Siderova Akkordeon spielt und nicht Verbotene Liebe. 

Wenn jetzt James Franco käme, er wäre doch nur SOKO Kitzbühel. Erinnert sich übrigens noch jemand an Leslie Mandoki? Dschinghis Khan? »Moskau, Moskau. Wodka trinkt man pur und kalt. Das macht hundert Jahre alt. Ho Ho Ho Ho Ho, hey«? Der war da, beim Echo Klassik! Toll, oder? 


»Die Leute gucken halt Fernsehen wegen der Stars, aber ich verstehe nicht, warum man nicht zumindest auch kurze Clips der anderen Preisträger einbauen kann.«

Pavlin Nechev, Trio Imàge

Endlich kommt auch der, auf den alle gewartet haben: der Bergdoktor. Und weil es um den roten Teppich keine Absperrungen gibt, läuft jetzt alles ein bisschen aus dem Ruder. Die Veranstalter haben sich gedacht: »Nicht mal Wepper und Markwort kommen, da muss anders Leben in die Bude«. 

Die Fotografen springen also immer ungehindert vor die Nase der Promis, in deren Schlepptau drängt das Fußvolk nach. Das ist wie Bornholmer Straße, 9. November 1989: Plötzlich ist die Grenze offen und man steht vor David Garrett (»Bestseller des Jahres«). Der spielt jetzt im Pulk von Fotografen und Fans Luftgeige. »David, für mich noch mal bitte, einmal Rock’n Roll, komm«, rufen die Fotografen. 

Zum Schluss kommt die Sängerin des Jahres mit ihrem aserbaidschanischen Freund. Der hat sogar so eine modische Herrenhandtasche dabei, wie sie Männer im Osten gerne bei sich tragen. 

Dann sind alle Fotos geschossen, und wir gehen hinein in die Philharmonie, von der damals noch alle glaubten, dass es sie bald nicht mehr gibt. Aber um Politik soll es hier nun wirklich nicht gehen. Vor mir sitzt der Sohn von Anne Sophie Mutter, neben mir Eleonore Büning, die eigentlich den Echo hasst, heute aber in ihrer Funktion als Igor-Levit-» Solistische Einspielung des Jahres (Musik 19. Jh.)/Klavier«-Fan da ist. Als ich gerade darüber nachdenke, wie es sein muss, der Sohn von Anne Sophie Mutter zu sein, fängt die Preisverleihung an, und die Münchner Philharmoniker spielen die Polonaise aus Peter Tschaikowskys Oper Eugen Onegin.

Dirigent des Abends ist Yannick Nézet-Séguin. Nach dem Reinfall mit Gergiev lassen die Münchner Philharmoniker jetzt nur noch schwule oder ukrainische oder weibliche oder Inklusionsdirigenten ran. Aber Nézet-Séguin ist natürlich nicht nur ein guter Dirigent, sondern auch furchtbar nett und er hat übrigens auch einen sehr sympathischen Freund.

Der erste Teil des Echo Klassik wird im ZDF zeitversetzt gesendet. Hier treten all die Preisträger auf, von denen das ZDF denkt, dass sie die Fernseh-Zuschauer sehen wollen. Ein Gedankengang der beim ZDF ja öfter mal schiefgeht. Hier kommt also das kleine Grüppchen Marketing-gezüchteter und gut verkaufender Superstars zum Zug. Damit diese auch garantiert unter den Preisträgern sind, gibt es 22 Kategorien mit der verwirrenderen Zahl von 48 Preisträger/innen. David Garrett, Anne Sophie Mutter und Anna Netrebko lassen sich also bestimmt immer irgendwo unterbringen.  

Die Universal-Preisträger sind in der Überzahl und allesamt gut gebrieft (»Ich bedanke mich bei der DG und Universal«). Alle Laudatoren sind ebenfalls gut gebrieft und verwenden in jeder Laudatio einmal das Wort »Wunderkind«. Rolando Villazon ist ein bisschen aufdringlich, aber eigentlich auch ganz nett, Nina Eichinger kommt eigentlich sehr sympathisch rüber. Patricia Riekel ruft »David, BUNTE loves you«. Wenn jetzt ein »Top die Wette gilt, der schnellste Geiger der Welt« um die Ecke käme, man würde sich nicht fühlen wie im falschen Film. Dior-Markenbotschafterin Anne-Sophie Mutter (»Ja, die sind für mich wie ein Klempneroverall, Arbeitskleidung eben.«) spielt Dvořák und spricht davon, dass sie den Preis allen widmet, die helfen. Wen genau sie damit meint, ist nicht ganz klar. Vielleicht wollte sie kurz Ebola sagen, hat dann aber doch Angst vor so viel Stimmungsverderberei bekommen. Denn um Tod und Seuche soll es hier nun wirklich nicht gehen.


»Ich merke, dass es auf jeden Fall hilfreich ist, mehr und bessere Angebote zu bekommen, dass es auf jeden Fall die Veranstalter anspricht.«

Pavlin Nechev, Trio Imàge

In der Pause steht Claus Kleber alleine herum und trinkt ein Bier, was sehr seriös aussieht. Nach der Pause ist die Büning schon Backstage, wo sie vielleicht den rasenden Reporter David Garrett trifft, den man hier beim Aufsagen von Standardfragen und -antworten.

Drinnen hält Claus Kleber die Laudatio für den ohne Arme geborenen Hornisten Felix Klieser, der den für alle etwas peinlichen Standing Ovations mit einem »Der Ehrenpreis kommt doch noch« charmant die Verkrampfung nimmt. Harnoncourt sagt, dass man jedes Stück wie eine Uraufführung spielen solle.

Und dann ist die Fernsehaufzeichnung auch schon zu Ende. Nina Eichinger bittet jetzt alle, trotzdem noch sitzen zu bleiben, weil ja die restlichen 38 Preisträger noch ihren Echo bekommen sollen. Von denen darf jetzt jeder einmal auf die Bühne, Nina und Rolando die Hand schütteln und möglichst schnell wieder abtreten. Im Anschluss gibt es noch die Echo Klassik Night, von der nicht viel mehr in Erinnerung bleibt, als dass Nina Eichinger und Felix Klieser lange da waren und eigentlich wirklich sehr sympathisch wirken.

Der Echo Klassik unterscheidet sich nicht von allen anderen »TV-Galas« im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, von Bambi, Echo Pop, Deutschem Fernsehpreis, der Goldenen Kamera. Er ist genauso gut oder genauso schlecht und an sich erst einmal genau so wenig repräsentativ für die Lebendigkeit der Musikkultur, um die es geht. Wieso sollte das ZDF auch ausgerechnet bei »Klassik« den Mut zur Radikalität aufbringen, den es auch sonst nicht hat. Und wer sich über den Echo Klassik aufregt, sollte mal einen Blick auf den Echo Pop werfen: The Boss Hoss, »Beste Gruppe National Pop/Rock«! Album des Jahres: »Helene Fischer«! Um Popkultur soll es da bestimmt auch nicht gehen. Es ist natürlich ein großes Missverständnis zu glauben, beim Echo Klassik ginge es im Wesentlichen um die Musik. Der im Biotop der Klassikkultur so zahlreich angesiedelte Kulturpessimist erhebt sich gerne über den Preis: »Marketing, Kommerz!« Klar, was sonst? Das ist ungefähr so wie einer Kaffeefahrt vorzuwerfen, es würde in ihr gar nicht um Kaffee und Kuchen gehen. 

Seis drum. Wetten-Dass-Ästhetik, Stars aus der Retorte, Feelgood-Rhetorik, eine Karikatur von Authentizität, allgemeine Seichtigkeit, ein bisschen Verlogenheit, letztlich irrelevant. Das Problem ist nicht, dass der Echo Klassik so ist wie er ist. Das Problem ist, dass die Klassikkultur in vielem so ist wie der Echo Klassik.

Damit das Ganze ein gutes Ende hat, verlosen wir 2 CDs der Echo-preisgekrönten CD des Trio Imàge. Drüben auf dem Sperrsitz.