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Probespiele sind das falsche Spiel.

Vorschlag für ein neues.

Schon öfter waren Probespiele Thema in VAN: Im Tagebuch von Elena Cheah zu einem Probespiel beim Concertgebouworkest Amsterdamim Interview mit dem Arzt, Psychotherapeuten, Trainer und Coach Michael Bohne und im Gratulationsanruf bei Sophie Dartigalongue, die zu jenem Zeitpunkt gerade ein Probespiel bei den Wiener Philharmonikern gewonnen hatte. Wir wollen in den nächsten Wochen noch ein paar Perspektiven hinzufügen und beginnen mit einer Einschätzung und einem Vorschlag eines festangestellten Orchestermusikers, der schon ziemlich viele Probespiele von der anderen Seite aus gesehen hat. In der nächsten Woche folgt ein Interview mit einer Expertin für Corporate Culture und Unternehmensentwicklung.


In einem großen Orchester finden zahlreiche Probespiele statt. Auch wenn ich als Hornist nicht alle besuchen muss – die für Tutti-Streicherstellen sind beispielsweise für uns Bläser nicht verpflichtend – waren es im Laufe meines bisherigen Musikerlebens trotzdem eine ganze Menge. Je länger ich im Orchester bin, desto weniger kann ich Probespiele leiden.

Es fällt mir zunehmend schwer, mich über Musikerkollegen zu erheben und ein Urteil zu fällen, weil ich weiß, dass die Situation, mit der die Kandidat/innen konfrontiert werden, unmenschlich ist. Und: Sie hat so gar nichts mit dem Musikerberuf an sich zu tun. Ich spreche mit meinen Kollegen darüber, und viele denken ähnlich. Wir fragen uns also: Wieso wird dieses System nicht geändert? Wettbewerb ist zu einem Grundprinzip des Klassikbetriebes geworden. Das ist doch seltsam, denn eigentlich hat Musik mit Wettbewerb rein gar nichts zu tun. Da wir Musiker uns aber mitten im Räderwerk des Klassikbetriebes befinden, können wir seinen Mechanismus nicht umbauen: Wir brauchen die Besten der Besten, und das sind nun mal diejenigen, die in einem Wettbewerb, nennen wir ihn Probespiel, die beste Leistung bringen.

Oft sind Medikamente im Spiel. Es gibt keine Erhebung darüber, trotzdem ist es ein offenes Geheimnis, dass eine Großzahl der Kandidatinnen eines Probespieles Betablocker verwenden, um wenigstens einigermaßen mit der Situation umgehen zu können. Das ist nicht verwerflich, und ich kritisiere nicht diejenigen, die sie verwenden, sondern die von uns Musikern geschaffene Atmosphäre, die es herausfordert. Aber wenn man diese offenkundigen Probleme diskutiert, kommt früh die Frage: Wie sollen wir es denn sonst machen?

Das kann man nicht mit einem Satz beantworten. Es bräuchte eine andere Denkweise. Die erste große Frage, die sich hier stellt, lautet: Können wirklich nur diejenigen die Entwicklung des Orchesters vorantreiben, die das beste Probespiel absolvieren? Mag sein, dass das bei Solopositionen das Risiko vermindert, einen gänzlich ungeeigneten Kandidaten einzustellen, denn natürlich sind für die Entwicklung des Orchesters instrumentale Fertigkeiten nötig, die sich von der breiten Masse deutlich abheben. Ebenso wichtig sind aber auch andere Kriterien: Kann sich der Kandidat in den Orchesterapparat trotz einer großen Persönlichkeit, die ohne Zweifel für eine Soloposition nötig ist, einfügen? Kann sie zuhören? Bringt er eine eigene Art das Instrument zu spielen mit ins Orchester? Entspricht deren Klangideal demjenigen des Orchesters? Kann sie eine Gruppe führen und formen?

Solostellen werden oft über sehr lange Zeiträume nicht fest besetzt. Eine der beiden Solohornpositionen in meinem Orchester war mehr als fünf Jahre vakant. In diesen fünf Jahren haben hervorragende Aushilfen bei uns gespielt; darunter auch wenige, die die Kriterien erfüllten, die wir in der Horngruppe als nötig erachten, um die Soloposition in unserem Orchester auszufüllen. Von diesen Wenigen haben mehrere bei uns in Probespielen vorgespielt. Alle sind daran gescheitert.

Einerseits ist das – zumindest aus Orchestersicht – kein Drama, irgendwann findet man sogar über Probespiele jemanden, der für die Stelle in Frage kommt - auch in meinem Orchester war das gerade eben der Fall. Andererseits finde ich es eigenartig, dass man bei der Auswahl nicht auf diejenigen Kandidaten zurückgreift, die im Konzertalltag gezeigt haben, dass sie in der Lage sind, genau diese Position auszufüllen. In jedem anderen Betrieb – dessen Tätigkeit viel mehr mit Wettbewerb zu tun hat – vom Handwerker bis hin zum Großunternehmen, würde das getan.

Natürlich weiß ich, dass die Geschmäcker in Bezug auf Solopositionen sehr unterschiedlich sein können und nicht immer eine einhellige Meinung zu finden ist. Hier kommt aber ein nächster wichtiger Punkt ins Spiel – das Vertrauen in die eigenen Kolleg/innen. Wenn diejenigen, die wirklich unmittelbar mit dem Solisten zusammenspielen, die Voraussetzungen erfüllt sehen, warum dann nicht dem Urteil dieser Kollegen vertrauen und eine Probezeit wagen? Was kann passieren? Meiner Meinung nach rein gar nichts. Schlimmstenfalls spürt das Orchester, dass dieser Kandidat nicht geeignet ist, dann wird das Probejahr scheitern.

Mag ein Probespiel für eine Solistin noch mehr schlecht als recht seinen Zweck erfüllen – für Tuttistellen ist es nicht geeignet. Herausragende solistische Fähigkeiten werden hier eigentlich nicht gefragt. Viel wichtiger ist, dass sich die Musikerin in ihre jeweilige Gruppe einfügen kann, aufnehmen kann, was vom Rest geboten wird, zuhört und souverän genug ist, alles Geforderte in kurzer Zeit umzusetzen. Und: dass sie trotz allem mit einer eigenen Persönlichkeit, die sie über das Instrument ausdrücken kann, das Orchester bereichert. Wo und wie können diese Kriterien erfasst werden? Eigentlich nur dann, wenn ein Kandidat im Orchester spielt. Wie soll man dann aber entscheiden, wer ein Probejahr erhält? Als Beispiel sei hier eine Möglichkeit genannt, die als Grundlage einer Diskussion über die Auswahl von zukünftigen Kollegen dienen mag. Zunächst sollte die Auswahl des Kandidaten, der für eine Tuttistelle ein Probejahr erhält, ausschließlich der Instrumenten-Gruppe überlassen werden, in die der zukünftige Kollege eintreten wird. 

Diese könnte aus den eingehenden Bewerbungen wenige Kandidaten auswählen, die zur mehrmaligen Aushilfe verpflichtet werden, also zu Konzerten mit den zugehörigen Proben. Damit sich möglichst viele Kolleginnen ein Bild machen können, sind bei Streichergruppen aufgrund der höheren Gruppenstärke mehrere Aushilfsprojekte nötig, bei Bläsern entsprechend weniger. Der Kollege, die Kollegin, die im Rahmen einer anschließenden Besprechung der Gruppe die meiste Zustimmung erhält, könnte ein Probejahr beginnen. Findet die Gruppe keinen der Kandidaten geeignet, werden weitere zu Aushilfskonzerten eingeladen. Wie im bisherigen Probespielmodus kann auch hier ein Auswahlverfahren längere Zeit in Anspruch nehmen, das Orchester lernt die Kandidaten aber im Alltag kennen und kann instrumentale Fertigkeiten, Persönlichkeit und andere Fähigkeiten, die für das Spielen in der Gruppe relevant sind, wesentlich besser einschätzen. Der Kandidat würde im Gegensatz zum Probespiel aber immer nur einer Situation ausgesetzt, die seiner Tätigkeit im Orchester entspricht.

Wer sollte aber für Aushilfen eingeladen werden, schließlich kann man, wenn mit dem Orchester gespielt werden soll, nicht, wie bei einem Probespiel, 20 oder mehr Kandidaten anhören? Es würden solche sein, die sich mit einer aussagekräftigen Bewerbung ins Spiel bringen. Darin sollte neben der üblichen Vita auch stehen, warum sich die Kandidatin für genau diese Stelle interessiert und wie sie die eigene Entwicklung einschätzt. Ich glaube, dass eine gute Bewerbung durchaus deutlich machen kann, ob ein Kandidat für die vakante Position in Frage kommt. Der Gruppe steht im Auswahlprozess natürlich frei, Kandidaten mit aufzunehmen, die sich schon mal beim Mitspielen in der Gruppe bewährt haben, sei es als Akademist oder als Aushilfe. Ist es ungerecht, wenn diese Leute einen gewissen Bonus erhalten? Nur wenn man nicht anerkennt, dass gemeinsames Musizieren, das in einem Orchester in der Regel über viele Jahrzehnte hinweg stattfindet, eine Dimension hat, die weit über das Zusammenfügen von möglichst leistungsfähigen Einzelstimmen hinausreicht.

Alles in allem würde die Entscheidung für einen neuen Kollegen in einem solchen Modell sehr viel differenzierter getroffen, als es aufgrund weniger Minuten eines Probespiels möglich ist. Mit ist sehr wohl bewusst, dass es bei diesem Vorschlag eine Menge Abers geben wird, und ich erhebe nicht den Anspruch, dass dieser Vorschlag ultimativ sei. Sollte aber durch diesen Kommentar erreicht werden, dass eine neue Diskussion in Gang kommt, wäre viel erreicht. Vielleicht wird sich durch ein neues Auswahlverfahren auch die Ausbildung an den Hochschulen ändern, weg von dem unsinnigen jahrelangen Üben der immer gleichen Probespielkonzerte (siehe dazu auch den VAN-Artikel Hauptfach Tunnelblick, d. Red.) hin zu einer Ausbildung, die praxisbezogener und künstlerisch ganzheitlicher ist, weil mehr Wert auf das Zusammenspiel, das Zuhören und soziale Kompetenz gelegt wird. Die immer zahlreicher werdenden Orchesterakademien bieten hier erfolgreiche Beispiele. ¶

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