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Pekka Kuusisto

»Das vermisse ich wirklich: genügend Zeit,
gemeinsam zu proben.«

 

Interview Hartmut Welscher · Foto Dennis Jakoby

Untitled Chapter

Ein Gespräch mit dem finnischen Geiger, Experimentierer und Sibelius-Experten Pekka Kuusisto über Standard-Vibrato-Porno, »Glam-Classical« und weshalb es sich lohnen könnte, sich öfter mal zu kämmen. (Geführt auf dem Stargaze-Festival im Februar in Berlin).


VAN: Du spielst – oft in kollaborativen Zusammenhängen – ganz unterschiedliche Musik, von klassischem Repertoire bis zu Jazz, finnischem Folk, Minimal Music. In welche Richtung denkst Du, bewegt sich die Kultur der klassischen Musik in den nächsten zehn, zwanzig Jahren?

Pekka Kuusisto: Ich sehe, dass die Schere eigentlich immer weiter auseinandergeht: Auf der einen Seite driftet ein Teil der Musik, die in Konzerthallen gespielt wird, immer mehr in die Richtung von André Rieu, Il Divo und Helmut Lotti ab, also hin zu Stadion-Konzerten mit kleinen Schnipseln berühmter Melodien – die Drei Tenöre reloaded. Da wird von der Industrie ein riesiger Marketingaufwand betrieben, oft mit dem Anspruch, „klassische Musik einem größeren Publikum näherzubringen“. Und daran glaube ich gar nicht; nur weil jemand eine dreiminütige Auswahl aus einem vierstündigen Werk hört, wird er es nicht unbedingt als Ganzes hören wollen. Also: Es wird diesen pinken Elefanten „Glam-Classical“ geben und daneben viele kleine Inseln, wo Menschen experimentieren, ohne viel Geld zu verdienen, aber mit künstlerischer Freiheit. Und wo den Leuten bewusst ist, dass das gesamte Standardrepertoire auch von seinerzeit lebendigen Komponisten geschrieben wurde. Es ist also kein Unglück, wenn der Komponist noch nicht tot ist!

Und wie wird sich das Publikum entwickeln?

Der älteste Zeitungsausschnitt, den ich habe, auf dem steht, dass „klassische Musik ausstirbt“, ist über 100 Jahre alt, sie befindet sich also schon sehr lange im Todeskampf. Das ist Quatsch. Vermutlich wird es aber immer eine eher ältere Zuhörerschaft geben, vielleicht ab 40 aufwärts, die eine andere Wahrnehmung von Zeit hat und einen anderen Zugang zum Leben, um an der Musik interessiert sein zu können. Ich glaube, dass es nie Musik für alle sein wird. Und ich habe viele Versuche erlebt, „ein jüngeres Publikum“ anzuziehen, die darin resultierten, dass sich das Kernpublikum entfremdet fühlte, so als ob es nicht mehr willkommen sei.

Würdest Du sagen, dass es einen neuen Künstler-Typus gibt, der sich auf diesen von Dir erwähnten Inseln herausbildet? An Musikhochschulen, zumindest in Deutschland, scheint nach wie vor ein starker Fokus auf technischer Perfektion und Repertoire zu liegen, wobei ein Thema wie Improvisation gleichzeitig immer mehr in das Curriculum hineinwächst.

Ich hatte eine sehr intensive „klassische“ Ausbildung, und ich würde immer dafür plädieren, diese beizubehalten. In Finnland gibt es gerade eine Debatte darüber, ob die Musikausbildung zu altmodisch ist. Aber wir riskieren, den Zugang zu einer großen Zahl von Meisterwerken zu verlieren, wenn wir da Abstriche machen. Gleichzeitig glaube ich, dass noch zu viele junge Musiker die technischen Werkzeuge an die Hand bekommen, aber nicht das Rüstzeug, wie man sein eigenes Musiker-Leben erfindet. Es gibt immer noch diese imaginären Karriereweg, den man nach der Hochschule vermeintlich beschreiten sollte, und das verursacht Probleme.

Klar, man kann für Orchesterstellen vorspielen, oder ein Quartett gründen und damit sein Glück versuchen. Aber im Grunde ist heute ja nicht eine Zeit der schwindenden, sondern der sich rapide vermehrenden Möglichkeiten. Und es wird immer schwieriger, herauszufinden, welche davon zu einem passt. Vor hundert oder fünfzig oder auch zwanzig Jahren, wenn man Geige spielte, im Fernsehen indische Musik sah und dachte: „Wow, das ist meine Musik, ich möchte alles darüber lernen“, dann musste man nach Indien fahren. Heute findest Du 1.000 Stunden an Kursen auf Youtube. Nicht nur die Möglichkeiten haben zugenommen, sondern auch die Verantwortung herauszufinden, was man eigentlich will, worin man Experte sein will. 


Musik mit Pekka Kuusisto: Eine VAN-Playlist auf Spotify


Gab es einen Moment, als Du entschieden hast, in eine bestimmte Richtung zu gehen? Du bist doch ein Beispiel dafür, dass man auch viel Verschiedenes machen kann.

Das hängt vermutlich damit zusammen, dass ich improvisiere, seit ich drei bin, und mich das vor Vielem bewahrt, in meiner Haltung und meinem Zugang zum Instrument. Mein Vater (Ilkka Taneli Kuusisto, ein finnischer Komponist, d.Red) ist eigentlich über den Jazz und die Improvisation zur klassischen Musik gekommen. Als mein Bruder Jaakko (Kuusisto, Geiger, Dirigent und Komponist, d.Red) und ich sehr jung waren, saß er oft am Klavier und spielte Jazz und einer von uns spielte dazu die Basslinie, der andere ein improvisiertes Solo, und jeder wechselte permanent die Rolle. Und das hat mir später sehr geholfen, weil man als Solo-Geiger natürlich oft den Melodiepart spielt und weniger die Harmonien oder begleitenden Linien. In meinen späten Teenage-Jahren habe ich mich dann auf einige Geigen-Wettbewerbe vorbereitet und dafür teilweise zehn Stunden am Tag geübt. Da wurde mein Umgang mit dem Instrument sehr eng. Dann habe in ich Amerika studiert, wo dieses Rollenmodell des romantischen Geigers, so wie Itzhak Perlman, vorherrschte. Als ich zurück nach Hause kam und nicht richtig weiter wusste, machte mich ein Freund auf traditionelle finnische Folk-Musik aufmerksam: Diese Leute könnten nie ein Sibelius-Konzert spielen, aber sie waren so viel glücklicher mit und in ihrer Musik als ich. Mir wurde vorher immer gesagt, dass die Belohnung sich automatisch dann einstellt, wenn man technisch in der Lage ist, etwas zu spielen. Und das ist trügerisch. Deshalb fing ich an, viel traditionelle Musik zu spielen, „mit meinen Wurzeln in Berührung“ zu kommen, und das hat mein Leben wirklich verändert, nicht so in technischer Hinsicht, aber im Zugang zur Kunstform, in dem Bewusstsein, dass es um Kommunikation geht, und darum, mit Leuten zu spielen.

Nach welchen Kriterien wählst Du jetzt deine Projekte aus?

Einige Sachen sind einfach zu entscheiden, zum Beispiel ist nächstes Jahr der 150. Geburtstag von Sibelius, also gibt es jede Menge Sibelius-bezogene Aktivitäten. Ich habe dieses Projekt, bei dem ich Menschen die Wurzeln traditioneller Musik in Sibelius’ Werk näherbringen will, sowohl im Violinkonzert als auch zum Beispiel in den Sinfonien. Dann konzipiert Bryce Dessner gerade ein Festival in Holland (das Cross-linx Festival am Muziekgebouw Eindhoven, d.Red) und er hat mich gefragt, ob er ein Solostück für mich schreiben könne, das dort uraufgeführt wird. Ein sehr einfaches Ja. Ich sage normalerweise nein, wenn es darum geht, Standardrepertoire mit sehr wenig Probezeit zu spielen, es sei denn, es ist mit einem sehr aufregenden Dirigenten, jemandem wie Andris Nelsons oder Esa-Pekka Salonen. Bei den meisten Repertoirestücken habe ich sehr lange darüber nachgedacht, wie ich sie spielen möchte, und wenn es dann nicht genügend Probezeit gibt, ist das oft für beide Seiten, das Orchester und mich, eine frustrierende Erfahrung. Zum Beispiel sollte ich letztens in Berlin mit dem Konzerthausorchester das Violinkonzert von Esa-Pekka Salonen spielen. Aus irgendeinem Grund wurde es dann ein Sibelius-Konzert, wodurch ich etwas in Not geriet: Gerade wenn ich Sibelius spiele, brauche ich oft sehr viel Zeit mit dem Orchester, um meine Ideen zu diskutieren: die Einflüsse von traditioneller finnischer Musik, traditionelle Bogenhaltungen und Stricharten, archaische Merkmale in der Musik etc. Und wenn das Orchester nicht mitzieht, klinge ich so, als hätte ich noch nie eine Geige in der Hand gehabt, weil mein Klang und meine Spielweise mit der des Orchesters gar nicht zusammenpasst. Also war es etwas frustrierend.


Pekka Kuusisto in einem Videoclip des Beethovenfests Bonn.


Das vermisse ich wirklich; es ist leider nicht Teil meines Berufs: genügend Zeit, um gemeinsam zu proben. Es ist ein kleiner Teufelskreis: Wenn ich ein riesiges Label hinter mir hätte, dann hätte ich vermutlich auch die Macht und den Einfluss, mehr Zeit hierfür zu veranschlagen. Und gleichzeitig komme ich nicht in diese Position, weil ich die Dinge so mache, wie ich sie mache: Wenn ich jetzt anfangen würde, schöne Sachen zu tragen, Anzüge bei Interviews und Foto-Shootings, mich ordentlich zu frisieren, schön das Standardrepertoire mit viel Vibrato zu spielen, eine gute PR-Agentur zu beschäftigen, dann würde ich vielleicht in das BBC Magazine, das Gramophone Magazine kommen …

… du könntest es ja mal probieren.

Ja, vielleicht, als Kunst-Projekt. Es gibt eine junge Frau in Finnland, die ein Porno-Star wurde, nachdem sie unter Freunden eine Wette abgeschlossen hatte, dass sie das innerhalb von vier Jahren schaffen würde. Und sie hat es geschafft, ganz Finnland kennt sie jetzt als Porno-Star. Vielleicht sollte ich das auch machen, Standardrepertoire und viel Vibrato. Ich habe mit einigen befreundeten Fotografen in Finnland, die viele Modestrecken machen, vereinbart, dass wir bald ein Foto-Shooting machen: in einer tollen Location mit Samtsofa und Kronleuchtern und den teuersten Klamotten, und ich räkele mich dann dort und lasse die Geige so lasziv an einem Finger baumeln. Ich hoffe ja insgeheim, dass David Garrett eigentlich mitten in einem Kunstprojekt steckt – und in fünf Jahren spielt er dann nur noch experimentelle zeitgenössische Musik. Ich beneide Leute, die so kontrolliert Entscheidungen treffen: Für die nächsten drei Jahre mache ich jetzt dies, weil es mich irgendwohin bringt und in eine Position versetzt, um danach was ganz anderes zu machen. Von sich selbst zu abstrahieren und sich re-branden. Es ist halt auch riskant, weil man in dieser Branche auch leicht verloren geht. Aber ich kenne einige Leute, die das sehr gut können, die eine Person im Interview spielen können. Die Marketing-Bilder schreien „5.000-EUR-FOTOSHOOTING“, und der erste Satz im Interview ist: „Es geht heute viel zu sehr um Äußerlichkeiten, damit habe ich nichts zu tun.“ ¶