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Petruschka und die Ballets Russes

Ein Interview mit Paul Chalmer

Petruschka und die Ballets Russes

Ein Interview mit Paul Chalmer, Choreograph, zuletzt Ballettdirektor des Leipziger Balletts, über Petruschka, Djagilew, Strawinski und Fokine.

 

Interview Wiebke Hüster · Übersetzung Tobias Ruderer · Fotos Deutsches Tanzarchiv/SK Stiftung Kultur

VAN: Welche Bedeutung hatte Petruschka in Ihrer beruflichen Laufbahn?

Paul Chalmer: Zu den ersten Sachen, die ich als Kind hörte, gehörte eine Aufnahme, in der Strawinski selbst das Werk dirigiert; diese unglaubliche Komposition befeuerte meine Fantasie lange bevor ich das Ballett zum ersten Mal sah. Ich bewunderte Fokines Choreographie unzählige Male, aber selbst habe ich nie in Petruschka getanzt. Die Genialität von Fokine, diese ganzen Feinheiten, das habe ich erst verstanden, als ich das Stück während meiner Leitung des Leipziger Balletts (von 2005 bis 2010) auf die Bühne gebracht habe.

Die Ballets Russes haben das Ballett gewissermaßen ins 20. Jahrhundert katapultiert. Kannten Sie sie schon als junger Tänzer?

Schon als Kind war ich fasziniert von der Magie und den Legenden, die die Ballets Russes umgeben. Diese berauschende Mischung aus Musik, Gestaltung, Farbe und dem Theatralischen, das war für meine Arbeit eine ständige Inspiration. Fotografien von den Tänzern Vaslav Nijinsky, Anna Pawlowa, Tamara Karsawina und Fokine genauso wie die fantastischen Kostüme und Szenenbilder von Picasso, Matisse, Bakst und Benois sind mir aus der Bibliothek förmlich entgegengesprungen; und wo das Ballett ohne die Musik von Strawinski wäre, kann ich mir gar nicht vorstellen.

Ich habe in zwei Ensembles getanzt, die einige der Ballets Russes in ihrem Repertoire hatten, so lernte ich Fokines Arbeit kennen: Mitte der 1980er hatte das neue Ballets de Monte Carlo Werke in der Tradition Djagilews im Repertoire, als Reminiszenz an die glorreiche Vergangenheit des Tanzes in Monte Carlo. Später tanzte ich beim London Festival Ballet (inzwischen: English National Ballet), wo Alicia Markova und Nicholas Beriozoff Petruschka, Scheherazade und Les Sylphides inszenierten. In meiner Zeit als Ballettdirektor in Leipzig führten wir den Feuervogel von Fokine und Petruschka als Teil eines Strawinski-Projektes auf, das drei Abende umfasste.

Welche choreographischen Elemente haben diesen großen Einfluss der Ballets Russes auf nachfolgende Choreographen ausgemacht?

Nehmen wir zum Beispiel die Massenszene in Petruschka mit ihrem organisierten Chaos: Es ist genial, wie Fokine * hier einen realistischen Eindruck von Spontaneität erzeugt, obwohl wir wissen, dass auch noch die kleinste Geste bis ins Detail von ihm ausgearbeitet ist. Er schaffte diese Armeen von synchron tanzendem Land- oder Stadtvolk ab; stattdessen stellte er eine ganze Reihe von »Zwischenfällen« so nebeneinander, dass sich daraus ein zusammenhängendes Bild ergibt. So entsteht auf der Bühne ein lebendiger und plastischer Eindruck von »Wirklichkeit«. Wenn man an Choreographen wie John Cyril Cranko und Kenneth MacMillan denkt und daran, wie sie mit dem corps de ballet erzählerisch arbeiten, dann ist der Einfluss Fokines leicht ersichtlich.

Er war auch ein Meister darin, die Situation als erzählerisches Element zu nutzen, ohne auf die im Ballett klassische Pantomime zurückzugreifen. Die Position der Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne im Verhältnis zueinander und auch zum Bühnenbild, das ist bei ihm so wichtig wie der Tanz selbst. Das Bildnis des Zauberers, das in Petruschkas Zelle hängt, Petruschkas Reaktionen und Bezugnahmen darauf, physisch wie auch emotional – das alles vermittelt ein klares Bild von seiner Misere.

Was ist die Figur Petruschka für Sie?

Vom Zauberer und Petruschka kommt man natürlich sofort auf die komplizierte Beziehung von Djagilew zu Nijinsky. Ich frage mich, ob das Fokine bewusst so ausgestaltet hat. Im Ballett wird jede Regung Petruschkas vom Zauberer kontrolliert und könnte symbolisch für Nijinskys Abhängigkeit von Djagilew stehen. Petruschka ist der klassische Underdog. Er steht für den leidenden Teil der Menschheit und auch für dessen körperliche Qualen, aber sein Geist und seine Seele überleben. Er wird am Ende wiedererweckt und ihm gehört das letzte Wort. 

Warum wurden die Ballets Russes so erfolgreich – ist es die besondere kunsthistorische Position: ein Fuß im alten bäuerlichen Russland, den anderen in einer avantgardistischen, modernen Ästhetik?

Das Genie Djagilews lag in seinem siebten Sinn, für jedes beliebige Projekt die Künstlerinnen und Künstler zusammenzubringen, mit denen er ein Ziel, eine Vision am besten verwirklichen konnte. Er hat ständig nach unbekannten jungen Talenten gesucht und sich dabei ohne Angst auf seinen Instinkt verlassen, obwohl er oft alles riskierte. Gleichzeitig glaube ich, dass Djagilew ein genaues Gespür dafür hatte, was dem Publikum gefallen würde, und das hat er in seinen Veranstaltungen für die Ballets Russes umgesetzt: Indem er den Zuschauern Tradition und Romantik gönnte und auf der anderen Seite eine gewisse Schockwirkung einbaute, schuf er eine unwiderstehliche Verbindung. ¶