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Aus der neuen Welt

Auf der Ausländerbehörde

Auf der Ausländerbehörde

Text und Fotos Or Shemesh

Spätestens seit in der Style Section der New York Times 2010 ein Artikel über junge, nach Berlin ziehende klassische Musiker/innen erschienist bekannt, dass die Hauptstadt eine attraktive Metropole für Instrumentalist/innen ist. Hinter ein paar Berühmtheiten stehen und spielen Tausende Weiterer, die hier leben und noch lieber von ihrer Musik leben möchten. Wir sind zum Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (der «Ausländerbehörde») gegangen und haben mit zweien von ihnen über Hoffnungen, Ängste, Schwierigkeiten und Träume gesprochen.


10:53 AM · Abteilung Z2
Sihyun Lee
Alter: 26 · Nationalität: südkoreanisch · Instrument: Geige
Wartenummer: 61

VAN: Was führt dich hierher?

Ich bin mit einem Studentenvisum hier in Deutschland, aber um Nebenjobs zu machen, muss die Genehmigung erweitert werden. Ich bin ehrlich gesagt nicht hundertprozentig sicher, wie ich genau vorgehen muss.

Was machst du gerade musikalisch?

Ich studiere Geige an der UdK, habe mein eigenes Kammermusik-Ensemble, ein Piano Trio, und ich habe schon mit der Staatskapelle Weimar gespielt.

Wie kam es, dass du nach Berlin gezogen bist?

Ich bin in Seoul aufgewachsen, mit sechs habe ich begonnen, Geige zu lernen, bei einem Privatlehrer. Vor drei Jahren, nachdem ich mein Studium an der Musikhochschule in Seoul abgeschlossen hatte, entschied ich mich, hierher zu kommen. Anfangs musste ich pendeln, weil ich in Weimar studierte, aber jetzt bin ich in Belin an der UdK. 

Es gibt einfach keine große klassische Musikkultur in Korea und es ist als Musikerin schwierig dort: nur wenige Orchester und überhaupt kaum freie Stellen. In Deutschland gibt es von allem mehr. Ich wollte nach Berlin, weil ich dort mit meinem bisherigen Lehrer weitermachen konnte; er ist ein in Deutschland geborener Japaner.

Wie fanden es deine Eltern, dass du von zuhause weggehst?

Die haben mich wie immer auch dabei unterstützt.

Wie war dein Leben in Korea im Vergleich zu dem hier?

In Korea rennt jeder die ganze Zeit herum, alles muss schnell passieren, und man spürt viel Druck. Hier in Berlin sind die Leute wirklich nett und entspannt.

Wer sind deine Lieblingsmusiker/innen?

Mozart, Chopin und Bach sind meine Lieblingskomponisten; Gidon Kremer und Maxim Vengerov sind meine Lieblingsgeiger.

Irgendwas Zeitgenössisches?

Vor einem Jahr führte mein Trio ein Stück aus, das ein befreundeter Komponist für uns geschrieben hat.

Kannst Du dir vorstellen, nach deinem Studium in Deutschland zu bleiben?

Das würde ich gern, aber dafür muss ich einen Job finden. Ich würde gerne regelmäßig in einem Orchester oder einem Kammermusikensemble spielen. 


12:15 Uhr · Abteilung IV Z 5
Brian Barth
Alter: 27 · Nationalität: Amerikaner · Instrument: Gitarre
Wartenummer: 1389

VAN: Warum bist du heute hier?

Meine Aufenthaltsgenehmigung ist bisher ein Bogen Papier; ich hätte gerne eine kleine Karte. Für mich war das mit dem Visum generell relativ einfach, meine Frau ist Finnin.

Was führt dich nach Berlin?

Meine Frau und ich haben uns während des Studiums kennengelernt: Sie ist Art-Direktorin, und ich habe hauptsächlich mit Film und Musik zu tun. In dieser Hinsicht passiert in Boston nicht viel, dort dreht es sich mehr um die Biotechnologie. Ich habe gerne in Boston gelebt, aber wir wollten etwas Neues ausprobieren und sind vor acht Monaten hierher gezogen.

Was ist dein musikalischer Hintergrund?

Als ich zehn war, fing ich an, Gitarre zu spielen; ich bin aber nie professionell ausgebildet worden. Meine Mutter hatte eine Akkustikgitarre zu Hause, und ich wollte gerne herausfinden, wie sie funktioniert, damit ich die Lieder im Radio nachspielen konnte. Nicht besonders originell, ich weiß! Irgendwann habe ich dann in unserem Keller ein Aufnahmestudio gebaut. Meine Familie hat mich immer wahnsinnig unterstützt, mein Vater selbst hatte lange Klavier gespielt. Mein Bruder ist ebenfalls Musiker. Zusammen mit einem Team an Leuten schreibt er in Los Angeles Pop- und Soul-Musik, ziemlich erfolgreich sogar. Er hat seine Nische gefunden.

Und was ist deine Nische?

Ich interessiere mich sehr dafür, wie Instrumente möglichst unkonventionell gespielt und Sounds so stark wie möglich verändert und bearbeitet werden können. Die Gitarre ist das Instrument, mit dem ich komponiere; seit Kurzem programmiere ich aber auch, zum Beispiel mit Max MSP. Außerdem arbeite ich mit klassischen Musikern zusammen und versuche neue Klänge an ihren Instrumenten freizulegen. Filmmusik macht den Hauptteil meiner Arbeit aus. Der Musiker und Filmemacher in mir, sie beeinflussen sich aber gegenseitig. Leider kann ich zumindest bis jetzt nicht von meiner Musik leben. 

Was sind deine größten musikalischen Einflüsse?

Ein großer Einfluss ist die amerikanische Minimal Music; mein Lieblingskomponist ist Steve Reich, seine Sachen sind überpersönlich, es geht nicht um Gefühle oder Emotionen, sondern um eine größere Wahrheit. Gerade höre ich viel von der Musikgruppe Dawn of Midi, die ultimative Free Jazz-Antwort auf elektronische Musik. The Books sind auch ein wichtiger Einfluss, denn sie machen komplexe Konzepte zugänglich.

Wie ist das Leben in Berlin bisher?

Wir wohnen an der Grenze zwischen Mitte und Kreuzberg. Das ist toll, du bist schnell überall, und trotzdem ist es relativ ruhig. Ich freue mich, dass ich hier bin, bin mir aber auch darüber im Klaren, dass ich Teil des Gentrifizierungsprozesses bin, Teil eines neuen Berlins. Mittlerweile haben sich die Mieten verdoppelt, da nun Leute hier sind, die bereit sind, echt viel zu zahlen. Wenn ich zur Ausländerbehörde komme und die Leute erfahren, was ich an Miete zahle, sind die total entsetzt. Dabei handelt es sich da lediglich um ein Viertel der Mieten, die ich vorher so in den Städten bezahlt habe, in denen ich gewohnt habe. 

Musikalisch halte ich Berlin für sehr offen und aufgeschlossen, und das rechne ich der Stadt hoch an. 

Was magst du nicht an Berlin?

Es gibt eine Sache in den USA, die ich sehr vermisse: Konsumieren. In Amerika buhlen alle um deine Aufmerksamkeit, alle tun alles, um an dein Geld zu kommen. Hier fühle ich mich fünf Jahre zurückversetzt, sowohl was die Technologie als auch was den Service betrifft. Das Internet spielt hier noch eine andere Rolle, die Kultur funktioniert noch anders. Oh, ich klinge total konsumgesteuert ...

Denkst du, du wirst in Berlin bleiben?

Höchstwahrscheinlich werden wir die nächsten fünf bis sieben Jahre hier sein, wir wollen ja gerade unsere Karrieren auf Touren bringen. Wir arbeiten gerade so fest es geht und wollen dann in ein paar Jahren schauen, wie weit wir gekommen sind. Dann werden wir wahrscheinlich investieren und ein Zuhause aufbauen. 

Und musikalisch?

Musikalisch will ich irgendwann die Regeln mitbestimmen und nicht nur gut nach ihnen spielen. Ich werde lieber überrascht als zufrieden zu sein. In zehn Jahren möchte ich gerne etwas total anderes und alternatives präsentieren, das auch zugänglich ist. Ich hoffe, theoretische Konzepte so umsetzen zu können, dass Menschen davon bewegt werden. ¶

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