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Musikvermittlung in
der Statistik nützt nichts


Der Konjunktiv II im Deutschen ist eine komplizierte Sache. Er findet Verwendung in irrealen Folgesätzen, in unwahrscheinlichen oder unmöglichen Bedingungsfolgen, wird genutzt für Zögern und Zweifeln bei einer Frage, Vermutung oder Feststellung und nicht zuletzt als Höflichkeitsform. Unser Konjunktiv II ist ein Irrealis. Er operiert vorzugsweise mit »wäre könnte müsste hätte«. Und leider findet er, geht es um Musikvermittlung, häufig Verwendung. 

So zum Beispiel: Wenn mehr Geld da wäre, könnte man mehr gute Projekte im Bereich Musikvermittlung anbieten. Das ist – ähnlich wie »Wenn ich ein Vöglein wär’ und auch zwei Flüglein hätt’« – grammatikalisch gesprochen eine Bedingung, deren Eintritt unmöglich oder sehr unwahrscheinlich ist. Nicht, dass es nirgends Geld und nirgends gute Musikvermittlung gäbe. Aber trotzdem ist fast überall Konjunktiv II. Ein ständiges »Könnte man nicht mal auch was für Kinder machen«, zum Beispiel. Klar. Könnte man. 

Zu Beginn dieses Jahres meldete die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) in ihrer alle zwei Jahre sorgfältig erstellten Konzertstatistik, dass »musikpädagogische Veranstaltungen« nach wie vor der Wachstumsmarkt schlechthin sind: 4.160 Konzerte und Musikvermittlungsangebote für Kinder und Jugendliche. Das sind 94 Prozent mehr als vor zehn Jahren, und geht man nur zwei Jahre zurück, sind es immer noch 10,8 Prozent Zuwachs. Soweit die Zahlen und dazu ein zufriedener Kommentar von DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens: »Das zeigt, wie ernst Orchester die Bildungsarbeit nehmen.« Man könnte hieraus den Schluss ziehen, es gäbe jetzt doppelt so viele Leute, die sich mit Musikvermittlung in und um Orchester beschäftigen als noch vor zehn Jahren. Damit aber sind wir leider wieder beim Irrealis und einem Satz mit unwahrscheinlichen Bedingungsfolgen. 

Drumblebee – Gewinner des Young European Award (YEAH!) 2013 in der Kategorie Performance. Eine Produktion von Philharmonie Luxembourg in Koproduktion mit Lucerne Festival, KölnMusik und Grazer Spielstätten

Gelesen werden solche Statistiken stets mit bangem Blick darauf, wie stark die Angebote der Orchester genutzt werden, wie intensiv auch junge Menschen klassische Konzerte »annehmen«, wie überlebensfähig das traditionelle Angebot ist, das Orchester mit ihren Konzerten auf die Beine stellen. Das klassische Sinfoniekonzert, dem man nachsagt, es sei eine vorrangig oder ausschließlich von älteren Besuchern frequentierte und vom Aussterben bedrohte Einrichtung, wird mit einem halbwegs beruhigenden »Konzertmarkt stabil«-Etikett verstehen. Auch dank des Zuwachses an Education-Angeboten. 

Aber diese Zahlen der Statistik sagen nichts darüber aus, wie der Zuwachs an Education und Musikvermittlung der Orchester zustande kommt, wer ihn mit welcher Qualifikation und damit auch mit welcher Qualität verantwortet und welchen Stellenwert er im jeweiligen Orchester respektive Haus hat.


Nirgends ist die Unterstützung für Musikvermittler/innen so klein wie im eigenen professionellen Umfeld.


Der ist nämlich meistens relativ gering. Warum eigentlich? Weil Musikvermittler/innen den Betrieb aufmischen. Weil sie antreten, um Musik beziehungsweise die Begegnung zwischen Musik und Publikum neu zu denken. Und weil ihre Arbeit zusätzliche finanzielle Investition bedeutet. Nirgends ist die Unterstützung für Musikvermittler/innen so klein wie im eigenen professionellen Umfeld. Es mag sein, dass der Widerstand nicht überall gleich groß ist. Aber dennoch: Jene, an die große Teile einer Branche ihre Zukunftshoffnungen knüpfen, ›stören‹ den Betrieb mit dem Wunsch nach anderen Räumen und Probenplänen, nach anderen Rollen für sich selbst und für Musiker/innen, nach anderen Kontexten, in denen Musik gedacht wird. Sie, die ein Publikum auf vielfältige Weise einbeziehen sollen, es in gewisser Weise mündig machen wollen, sorgen für Begegnungen mit einem Publikum, das nachfragt, das eigene Wünsche hat, das kritisch ist. Das auch mal sein Missfallen kund tut. 


Als neulich eine Kollegin ihre Stelle an einem großen Haus antrat, wurde sie dem Orchester als die »neue Kindertante« vorgestellt.


Natürlich, nicht überall werden Musikvermittlerinnen und Musikvermittler als störend empfunden. Aber wie häufig werden sie wirklich als gleichwertige Partner im Gesamtgefüge eines Teams verstanden? Als neulich eine Kollegin ihre Stelle an einem großen Haus antrat, wurde sie dem Orchester als die »neue Kindertante« vorgestellt. Ihre Abteilung ist übrigens mit zwei »Kindertanten« ausgestattet – und leistet hervorragende, preisgekrönte musikvermittlerische Arbeit für Kinder, Jugendliche, Senioren, Familien – für das gesamte Publikum des Orchesters. Längst lässt sich Musikvermittlung nicht mehr nur als nettes add-on für Kinder denken. Der zu Recht kritisierten Banalisierung von Musik im Sinne einer Verkleinerung in ›Kinderportionen‹ kann nur entgegengewirkt werden, wenn Musikvermittlung Chefsache wird. Im Prinzip muss – wie es die Philharmonie Luxembourg vormacht, wo das Education Department mit Pascal Sticklies Teil der Artistic Planning Division ist  – diese schon in ihrer Benennung so sperrige Education/Konzertpädagogik/Musikvermittlung von oben gedacht werden. Sie muss aus der Kinderecke raus und in einem Gesamtkonzept zum musikalisch-kulturellen Angebot künstlerisch autonom und anspruchsvoll angegangen werden, und zwar über die gängigen Funktionen hinaus: musikalische Bildung, niederschwelliger Zugang zu ›Hochkultur‹, Angebot für unterschiedliche Zielgruppen und Altersstrukturen. Es geht um wirkliche Veränderungen im Konzertalltag. Musikvermittlung ist so gesehen kein polyvalentes Modewort, sondern eine künstlerische Grundhaltung. 

HEROÏCA – Ein Projekt des »Young Performance«-Labors des Lucerne Festival, Gewinner des Junge Ohren Preises 2014 in der Kategorie »Best Practice, Konzert«

Während Musikvermittlung bei Orchestern und Opernhäusern quasi den Status einer institutionellen Unverzichtbarkeit erlangt hat – kaum eine Institution kann es sich ›leisten‹, keine speziellen Formate für Kinder und Jugendliche anzubieten – sucht man die wirklich kreativen Impulse dort oft vergebens. Der ›Betrieb‹ scheint hier in Probenbesuchen und moderierten, mehr oder weniger überzeugenden Kinderkonzerten, in Repertoire-tauglichen Versuchen mit Crossover-Programmen oder diversen Chor-, Orchester- oder Schulpatenschaften zu verharren. Was aber oft fehlt, ist Kreativität, die aufhorchen lässt. Eigene Wege, wie sie etwa seit einigen Jahren die Sparte Kinder- und Jugendoper geht, sucht man in regulären Spielplänen für den Bereich Musikvermittlung beziehungsweise Konzertpädagogik vergebens. Aber das Neue gibt es. Man findet es, nur eben anderswo. Etwa unter den Nominierten der einschlägigen Wettbewerbe wie dem »YEAH!« oder dem »Junge Ohren Preis«, in Formaten, die freie Ensembles produzieren, die in Plattformen wie zum Beispiel »Musikland Niedersachsen« gesammelt werden, die als eigenes Festival konzipiert werden wie »upgrade« für Neue Musik in Donaueschingen oder in standortübergreifenden Partnerschaften. Das Projekt »vier gewinnt« beim Podium Festival Esslingen war so ein Fall. Aus einem Wettbewerbsprojekt von Studierenden des Masterstudiengangs Musikvermittlung in Detmold entwickelt, in Zusammenarbeit mit der Philharmonie Luxembourg, dem Podium Festival und dem vision string quartet, kam Ende April 2015 ein Format auf die Bühne, das sich die Vermittlung von Kammermusik vorgenommen und dies undogmatisch, bunt, spielerisch, anspruchsvoll in einem inszenierten Konzert umgesetzt hat. Beteiligt an »vier gewinnt« waren viele: Quartettspielende Musiker, projektmanagende Musikwissenschaftlerinnen, Schulmaterial-erstellende Instrumentalpädagoginnen, eine Regisseurin (Ela Baumann) mit Musikausbildung, weitere Menschen, die sich Musikvermittler/innen nennen würden und gleichzeitig tolle Musiker, Musiklehrer und Musikmanager sind. 

»Ein Format auf die Bühne, das sich die Vermittlung von Kammermusik vorgenommen und dies undogmatisch, bunt, spielerisch, anspruchsvoll in einem inszenierten Konzert umgesetzt hat.«

Mir stehen angesichts solcher vereinzelter Beispiele diese 94 Prozent Zuwachs in der DOV-Statistik in zu schwachem Kontext. Denn trotzdem gibt es für Musikvermittlung zu wenig Nachhaltigkeit und zu wenig Lobby an den wirklich wichtigen Schnittstellen unseres Musikbetriebs. Unabhängig übrigens von Größe oder Bedeutung eines Orchesters oder Hauses. In vielen Orchestern gibt es hochmotivierte Musikvermittler/innen und Netzwerk-Knüpfer/innen, die engagierte und ambitionierte Musikvermittlungsprojekte mit lokalen Partnern entwickeln und stemmen. Aber zu welchen Bedingungen?

Hochqualifiziert, oft mit mehreren Studienabschlüssen und jahrelanger Berufserfahrung, werden sie in Beschäftigungsverhältnissen angestellt, die fragwürdig sind. Dass ein Haus eine Generalmusikvermittlerin einstellt, um die genauso geworben wird, wie um einen Generalmusikdirektor, wäre so etwas denkbar? Und noch ein Konjunktiv II: Dass die Zeit halber, befristeter NV-Bühne-Verträge für Musikvermittler/innen ein für alle Mal der Vergangenheit angehört, wäre so etwas möglich? 

Das meine ich, wenn ich mir mehr Indikativsätze wünsche. Solche, wie von Mauricio Kagel, den die Körber-Stiftung im Zusammenhang mit ihrer Exzellenz-Initiative »Music Education« gerne zitiert: »Unsere Kunden laufen uns weg und dies auch, wenn wir glauben, dass sie ganz im Konzertsaal sitzen. Sie laufen uns geistig weg. ¶

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