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Chopin ist safe

Klassische Musik in Videogames

Klassische Musik in Videogames

Text Matthias Kreienbrink · Datum 03.02.2016

Verliert man sich in Videospielwelten, findet man immer häufiger klassische Musik. Es werden Klassiker zitiert oder klassisch anmutende Soundtracks gleich ganz neu komponiert. Ein Streifzug durch erspielte Klangwelten – mit O-Tönen von Protagonisten der deutschen Videospielbranche.


Viele kennen die Musik, die im Hintergrund dudelt, während man versucht, Blöcke und Streben zu ordnen und den Highscore zu knacken. Tetris hat einen der bekanntesten Videospiel-Soundtracks. Dabei handelt es sich eigentlich um eine russische Volksweise namens Korobeiniki aus dem Jahr 1861. Und wer hat sie noch nicht gehört, die ikonische Musik von Super Mario, komponiert von Koji Kondo? Nicht alle Menschen interessieren sich für Videospiele, aber diese Musik ist dennoch eingegangen in das kollektive Unbewusste. »Es muss nur in Ansätzen eine Melodie gespielt werden und sie ist tagelang im Kopf«, sagt David Schmidt, Community Manager bei Zeit Online (Link zum persönlichen Profil) und Gamer.

Das Videospiel ist ein Medium, das die längste Zeit kaum ernst genommen und als verrohend und zeitverschwendend angesehen wurde. Doch immer mehr etablieren sich Videospiele als ein echtes kulturelles Gut, über den hervorragenden Zeitvertreib hinaus. Stunden und Tage an einem Spiel zu sitzen, die ästhetischen und narrativen Eigenschaften einer Spielwelt kennenzulernen, sich die Mechaniken anzueignen, zu meistern, dabei dem Soundtrack zu lauschen. Das Videospiel bringt viele Dimensionen mit. Das Medium eignet sich auch zunehmend sozial- und kulturkritische Erzählweisen an. Problematiken wie Gewalt, Rassismus oder Homophobie werden in vielen Spielen verhandelt und problematisiert (Dazu 1, 2, 3 Artikel aus ze.tt und Tagesspiegel mit Beispielen). Spielende werden vor ambivalente Entscheidungen gestellt, moralische Fragen werden direkt an die Person am Controller delegiert.

Parallel steigen die Produktionskosten innerhalb der Videospielbranche. Immer aufwändigere Grafik und filmische Animation, mehr Umfang, teure Lizenzen. Die sogenannten AAA (triple A) Titel kosten inzwischen mehr als ein Hollywood-Film – und bringen im Gegenzug auch mehr Geld ein (Artikel in Consumerist). Ein weiter Weg seit Tetris. Also ist es kein Wunder, dass auch die Soundtracks immer hochwertiger, in Bezug auf Soundeffekte und Produktionsqualität, und vielfältiger, in Bezug auf die komponierte Musik, werden. Spätestens seit Videospiele nicht mehr auf Cartridges (also Kassetten wie die für die erste Nintendo-Konsole) veröffentlicht werden, sondern auf CDs und inzwischen Blu-Rays, können die Soundtracks es mit denen in Filmen aufnehmen. Doch anders als es bei Filmen der Fall ist, können die Spielenden oftmals selbst steuern, welche Musik zu hören ist: entweder, weil sie sich durch Gebiete steuern, die durch eine bestimmte Musik markiert sind, oder weil sie die Musik direkt durch virtuelle Radios, Fernseher oder andere Geräte wählen können. Ebenso wird Musik auch in die Mechaniken einiger Spiele integriert und dient so direkt als Gameplay-Element. Videospiele können so ein Einstieg in die klassische Musik sein.

Nicht wenige Gamer kaufen sich die Soundtracks ihrer liebsten Spiele – sehr oft eingespielt von einem vollen Orchester. Auch liest man in den Kommentaren unter Youtube-Videos klassischer Stücke immer wieder, dass jemand wegen eines Spiels seinen Weg hierher gefunden hat. Im Folgenden sollen schlaglichtartig einige Videospiele vorgestellt werden, die entweder einen klassischen Soundtrack haben – also orchestrale Musik, inspiriert von klassischen Komponisten – oder originäre klassische Musik in die Spielwelt einbauen.

Die finale Wagner-Fantasie

Das Genre, das wahrscheinlich am ehesten mit klassischer Musik in Verbindung gebracht wird, ist das Rollenspiel. Darin übernimmt der/die Spieler/in die Rolle eines Helden/einer Heldin und besteht allerlei Abenteuer. Meist verbindet sich das Genre mit mythischen Stoffen und inkorporiert Konzepte wie ein vorbestimmtes Schicksal oder magische Elemente. »Ich denke, das Genre mit seinen vielen ans Mittelalter angelehnten Fantasy-Szenarien und klassischen Heldengeschichten zieht vermutlich diese Art von Musikuntermalung an«, meint André Peschke, Mitglied der Chefredaktion von Gamestar (gamestar.de). Final Fantasy ist eines der prominentesten Beispiels dieses Genres. Die japanische Rollenspielreihe konnte sich in den letzten Jahrzehnten – der erste Titel erschien 1987 – nicht nur durch ein ausuferndes Storytelling etablieren. Auch ist die Reihe bekannt für ihren mitreißenden Soundtrack. Fing es noch mit Synthie-Musik an, ist es inzwischen ein volles Orchester, das die Tracks einspielt. Die Musik von Final Fantasy erinnert dabei an die musikalische Erzähltechnik Wagners. Durch Leitmotivik werden einzelnen Figuren, Regionen oder Aktionen (zum Beispiel dem Kämpfen) bestimmte Melodien zugeordnet. Damit wird ein, teils unbewusster, emotionaler Zugang zum Spiel hergestellt. Final Fantasy VII hat eine eingefleischte, geradezu religiöse Fangemeinschaft. Das 1997 erschienene Playstation-Spiel wird als absoluter Kulttitel angesehen. Ein Schlüsselmoment ist, Spoileralarm, wenn der weibliche Charakter »Aerith« vom Antagonisten umgebracht wird. Dieser überraschende Moment – ein spielbarer Charakter wird unvermittelt umgebracht – stellte beinahe eine Videospiel-Zäsur dar. Aerith’s Theme (komponiert von Nobuo Uematsu) kann gestandenen Fans auch heute noch Tränen in die Augen treiben.

Aerith’s Theme

Was dem Wagner-Fan also der »Liebestod« am Ende von Tristan und Isolde - wenige Noten reichen, um jeder/m Wagnerianer/in einen Schauer über den Rücken zu jagen – ist dem »FF7«-Fan das Thema der Aerith. Im letzten Sommer wurde auf der weltweit größten Spielemesse Electronic Entertainment Expo (E3) zudem angekündigt, dass Final Fantasy 7 erneut veröffentlicht werden soll – als komplett überarbeitetes Remake. Wie der Soundtrack dann klingen wird, kann diese orchestrale Version von Aerith’s Theme bereits andeuten.

Aerith’s Theme auf der »Tour de Japon – Music from Final Fantasy«,  die mit verschiedenen Orchestern im Frühling 2004 in Japan konzertierte.

Eine offene Musikwelt

»Open World«-Spiele sind derzeit das wohl am meisten gefragte Videospiel-Format. Offen ist die Welt, da die Spielenden keiner linearen Handlung zu folgen haben. Vielmehr sind sie frei, ihren eigenen Weg durch eine weite Welt zu finden – von Nebenhandlungen über zufällige Begegnungen mit illustren Charakteren bis hin zum ziellosen Herumstreifen. Grant Theft Auto, kurz GTA, dürfte die bekannteste Spielereihe dieser Art sein. Darin spielt man einen Gangster, der sein großstädtisches Revier etablieren und verteidigen muss. Es gilt, Banken zu überfallen, Gegner auszuschalten und Autos zu rauben. In den Autos kann man dann Radio einschalten. Geboten wird eine Vielzahl an Kanälen, zwischen denen man wählen kann. Die Klassik-Radiostation darf da natürlich nicht fehlen. In GTA3, erschienen 2001, heißt sie »Double Clef FM«. Es ist ein Hochgenuss, bekannten Stücken zu lauschen, während man vor der Polizei flieht, durch Absperrungen kracht, über Schienen durch einen Tunnel rast, immer hoffend, dass kein Zug kommt, und am Ende dann doch wieder vom Polizeihelikopter entdeckt wird.

Szene aus GTA 3

Eines der erfolgreichsten Spiele des letzten Jahres ist Fallout 4. In diesem Action-Rollenspiel stapft die Spielfigur durch eine apokalyptische Welt, sie hat in einem Bunker den Atomkrieg überlebt und über 200 Jahre im künstlichen Schlaf geschlummert. Schließlich erwacht man in einer verstrahlten, kahlen Welt. Neben mutierten Personenresten, Tieren und anderen eigenartigen Geschöpfen haben jedoch auch einige Menschen überlebt und es sich in rostigen Siedlungen »bequem« gemacht. Oder sie vagabundieren herum. Streifen durch eine feindliche, giftige und triste Welt. Die Spielefigur entdeckt allerlei verwertbare Utensilien, Waffen, Heilmittel, Rüstung, und staunt ob der endlosen Weite der Spielewelt. Wäre da der perfekte Soundtrack nicht der Walkürenritt von Richard Wagner? Denn eines hat den Tag 0 überlebt: Musik. Auch in Fallout 4 ist es möglich, Radio zu hören. Entweder nutzt man seinen »Pit Boy« - eine Apparatur die man sich um den Arm schnallt, um Musik zu hören. Oder aber man entdeckt, zum Beispiel in einer verlassenen Tankstelle, alte, verrostete Radios. Und plötzlich erschallt in der Welt, nicht nur für die Spielenden hörbar, sondern auch für die Figuren innerhalb des Spiels, Wagners apokalyptischer Ritt durch die Wolken.

Fallout 4

Musik ist der Schlüssel

Im Horrorspiel Resident Evil, Erstveröffentlichung 1996 für Playstation, danach diverse Male als Remake wiederveröffentlicht, ist Beethovens Klaviersonate No. 14 Teil eines Rätsels. Die Mondscheinsonate muss auf einem Klavier gespielt werden, damit sich eine Tür öffnet. Vorher heißt es jedoch die Noten finden und dann noch genug Zeit für das Üben einräumen, bevor man im Spiel weiterkommt. So schwingen dann die träumerischen Klänge der Sonate durch das mit Zombies bevölkerte Herrenhaus. Leider werden die halb verwesten Ungetüme dadurch nicht besänftigt. Doch hat man alles richtig gemacht, ist man dank Beethoven ein kleines Stück weiter gekommen.

Resident Evil,  Mondscheinsonatenrätsel

The Evil Within, ein an Schockeffekten und gruseligen Gestalten nicht sparender Horrortitel, spielt mit der Psyche der Spielenden. Man weiß nie, woran man ist. Ständig wechseln Ebenen, befindet man sich plötzlich in surrealen Welten, wird man mit Gewalt und Schrecken konfrontiert. Einen vermeintlich sicheren Hafen hat das Spiel aber. Nähert man sich dem Saveraum – also der Ort im Spiel, in dem für gewöhnlich keine Monster mehr lauern, sondern das friedliche Speichern des Spielstands möglich ist – hört man den 3. Satz Claire de Lune der Suite bergamasque von Claude Debussy. Den Klängen folgend finden die Spielenden dann den sicheren Raum. In einer Welt voll Blut und Gedärmen wird Debussy zum Zeichen für eine Pause von dem Terror.

The Evil Within, Im Saveroom

Eine Herzensangelegenheit

Videospiele können eine sehr intensive Erfahrung sein. Und auch eine sehr persönliche. Jeder Gamer wird ein paar Spiele nennen können, die ihm oder ihr besonders am Herzen liegen – und da gehört der Soundtrack dann unweigerlich auch dazu. »Die Musik gehört zum Spiel wie die Grafik«, sagt Dominic Stetschnig von GIGA GAMES (Link zum persönlichen Profil). Natürlich kann es aber bei Spielen, genauso wie bei Filmen, auch passieren, dass die Musik zu dick aufgetragen ist. Dass man sich von ihr fast schon bedrängt fühlt: »Bei Spielen in denen US-amerikanische Soldaten glorifiziert werden, wirkt es unter anderem auch mit der heroischen Musik manchmal zu dick aufgetragen«, meint Maxi Gräff, Communications Manager XBOX und Gaming bei Microsoft Deutschland (Link zum persönlichen Profil). Wenn die Beeinflussung also zu stark ist, kann es passieren, dass die Spielenden keine kritische Distanz mehr zu dem aufbauen, was sie da gerade sehen und spielen. Ebenso kann die Musik aber auch einfach nicht gefallen und so vom Spielen abhalten. André Peschke dazu: »Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich bestimmte Kampf-Arenen in Street Fighter II gemieden habe, weil mir die Musik dort nicht so gut gefiel«. Zuletzt soll aber jede kritische Distanz aufgegeben werden. Im Folgenden noch die liebsten Spielesoundtracks der Spieleredakteure und Gamer, die sich hier geäußert haben.

Maxi Gräff: »Wenn es um orchestralen Sound bei Videospielen geht, denke ich sofort an den Halo-Soundtrack, den ich auch nach Jahren immer noch in meiner Playlist habe und am liebsten auf Reisen höre. Für einen Shooter ist es ungewöhnlich, dass das Spiel mit melancholischen Melodien begleitet wird. Ohne die Musik von Martin O’Donnell, der mit der Spielefirma Bungie damals für den Sound verantwortlich war, wäre Halo heute nicht das was es ist. Und es ist immer noch ein kleiner Traum von mir eines Tages mal seine Hand schütteln zu dürfen.«

Halo Theme

André Peschke: »Mir persönlich fällt immer wieder der Soundtrack von Actraiser ein. Das Spiel war ziemlich schwer und ich habe mich dort über Wochen durch die Endgegner gekämpft. Die Melodie nach dem Durchspielen ist mir als eine der schönsten Belohnungen für den Erfolg in einem Spiel in Erinnerung geblieben. Ich habe den letzten Endgegner mehrfach erneut besiegt, nur um dieses Stück nochmal zu hören.«

Actraiser, Soundtrack

Dominic Stetschnig: »Der Score von Uncharted verfolgt mich mittlerweile seit fast einem Jahrzehnt. Er überträgt das heroische, abenteuerliche Spielgefühl einfach unglaublich gut auf eine musikalische Ebene.«

Uncharted – Nate’s Theme

David Schmidt: »Ein Spiel mit einem sehr guten Soundtrack ist Bloodborne. Die Musik ist da sehr situationsabhängig. Man schaut sich die Welt an, und die Reise wird durch den Soundtrack intensiviert. In Kämpfen ist die Musik dann besonders treibend.«

Bloodborne – Gehrman the first Hunter

Der Autor: »Es fällt mir sehr schwer, ein einzelnes Spiel zu nennen. Aus nostalgischen Gründen nenne ich aber The Legend of Zelda: Ocarina of Time. In meiner Kindheit bin ich stundenlang durch die Steppe Hyrules gelaufen und habe der Musik gelauscht. Dass das Spielen eines Instruments, der namensgebenden Ocarina, ein wichtiger Teil des Spiels ist, macht es natürlich noch passender.«

The Legend of Zelda: Ocarina of Time – Hyrule Fields

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