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Die Narrenpfeife unter den Mirlitons –
Unterwegs im MIMO

Text Volker Schmidt · Fotos www.mimo-international.com (13.05.2015)


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Ich steh auf Mirlitons. Allein das Wort ist schon klasse. Mirlitons gehören weder zu den Blas-, Schlag-,  Saiten- und Tasten- noch zu den Elektronischen Musikinstrumenten, nicht einmal zu den »Sonstigen«. Ich surfe im Museum, im Online-Musikinstrumenten-Museum MIMO. Wenn man hier nichts Bestimmtes sucht, hangelt man sich am besten durch die Instrumentenfamilien. 

Ein Mirliton ist ein Instrument, in das nicht geblasen, sondern gesungen oder gesummt wird. Das simpelste ist das über einen Kamm gelegte Stück Pergamentpapier, aber einen Kamm gibt’s im ganzen Mimo nicht, keinen einzigen unter 54.076 Exponaten (Stand Mai 2015, es werden ständig mehr).

2006 brachte die Europäische Kommission mit 1,6 Millionen Euro die wichtigsten Musikinstrumenten-Museen des Kontinents dazu, über einen gemeinsamen Online-Katalog nachzudenken. Daraus wurde MIMO. Die Wissenschaftler befassten sich mit Fotografie-Standards, Datenbankstrukturen und einer Anpassung der Hornbostel-Sachs-Systematik der Instrumentenklassifikation. In der gehören die auch Ansingtrommeln genannten Mirlitons übrigens zu den Membranophonen, sind also mit den Trommeln verwandt.

Mein Lieblingsmirliton ist weder das nordamerikanische Kazoo noch die bengalische Nyastaranga oder die mittelalterliche Eunuchenflöte, sondern die Narrenpfeife. Laut Museum für Musikinstrumente der Uni Leipzig ein »Scherzinstrument in Form einer Blockflöte mit einer durchlöcherten Holzkapsel, die Holzkapsel wird mit Ruß oder Mehl gefüllt, so dass ein nichtsahnender Spieler mit dem Staub überschüttet wird, wenn er hineinbläst«. Der Narr ist die Symbolfigur der unbequemen Wahrheit, der Narrenfreiheit, im Tarot steht er für neue Erfahrungen und dabei immer am Rande des Abgrunds. Der ideale Begleiter also durch ein virtuelles Museum wie das MIMO. 

Narrenpfeife aus der Gruppe der Mirlitons, 18. Jahrhundert, Europa (möglicherweise Deutschland)


Anderthalbtausend Klaviere »stehen« im MIMO, viel Holz, wie der Kegelbruder sagt. Giraffen- und Pyramidenklaviere, pneumatische, mechanische und digitale Instrumente. Und der Hammerflügel von Johann Andreas Stein von 1788, ein Prachtstück aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg: Der gelernte Orgelbauer aus dem Kraichgau erfand jene Prellmechanik, mit der sich das in Italien im 15. Jahrhundert erstmals auftauchende Instrument erst durchsetzte, bei dem Hämmerchen frei schwingende Saiten anschlagen. Stein ist also einer der Erfinder des Klaviers, von dem Vater und Sohn Mozart und auch Ludwig van Beethoven begeistert waren – das Modeinstrument der Wiener Klassik. Stein selbst, der in der Augsburger Barfüßerkirche als Organist an einem von ihm selbst gebauten Instrument wirkte, war der Weg in die behämmerte Zukunft offenbar suspekt: Er baute mehrere Vis-à-vis-Flügel, bei denen ein Hammerflügel und ein gutes altes Cembalo – mit angerissenen Saiten – einander in einem Instrumentenkorpus gegenüberstehen. 

Der Steinsche Hammerflügel aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gehört zu den am besten dokumentierten Instrumenten im MIMO: Viele Fotos zeigen Details, in drei Klangbeispielen, in situ im Museum aufgenommen, erklingt der mit seinen ungedämpft hölzernen Hämmerchen noch cembaloartige Flügel in zeitgenössischen Werken, und so lässt sich im Bewegtbild bestaunen, wie die Kniedämpfung funktioniert. So war Mimo eigentlich mal gedacht: In kurzen Kompositionen aus der Zeit, in der die Instrumente gebaut wurden, sollen sie zu hören sein. Leider sind die Tonbeispiele Zufallsfunde; die Datenbank lässt sich nicht gezielt danach durchsuchen. Aber wer sich von der Narrenpfeife leiten lässt, schlendert gern ungezielt.

Hammerflügel, erbaut von Johann Andreas Stein, 1788

Wolfgang Amadeus Mozart: Sonate D-Dur KV 311, I. Allegro con spirito;
Ludwig Sémerjian, aufgenommen im Germanischen Nationalmuseum


Und stolpert über diese Gitarre, von Nicolas Grobert etwa 1830 gebaut, heute im Musée de la Musique Paris. Palisander- und Ebenholz, Elfenbeinverzierungen. Darauf zwei Signaturen: Nicolo Paganini und Hector Berlioz. 

Paris, kurz nach der Julirevolution. Jean-Baptiste Vuillaume und Nicholas Grobert sind aus dem lothringischen Mirecourt in die Hauptstadt gekommen. Ihr Heimatort ist berühmt für seine »luthiers«, seine Erbauer von Saiteninstrumenten. Grobert baut Gitarren, Vuillaume Geigen. Er macht sich rasch einen Namen, auch, weil er den Erben eines italienischen Kaufmanns rund 140 erstklassige Violinen abkauft  – darunter 24 Stradivaris. Er verdient gut und siedelt seinen Betrieb außerhalb der Stadtgrenzen von Paris an, um die Holzsteuer der Hauptstadt zu umgehen. Er gewinnt Preise, befasst sich mit akustischen Experimenten und baut mehr als 3000 Instrumente, darunter einen dreieinhalb Meter hohen »Octobass« und einen Geigenbogen, in dessen Griff eine so genannte Stanhope-Linse sitzt: Wer hineinblickt, sieht eine der zu jener Zeit beliebten Mikrofotografien. Sie zeigt Stradivari, Paganini und Francois Tourte, den als »Stradivari des Bogens« bezeichneten Geigenbogenbauer. 

Die berühmte »Messiah-Stradivari«, die als einzige Geige des Meisters bis heute als »wie neu« erhalten ist, hat ihren Namen von Vuillaumes Schwiegersohn. Der hörte, wie ihr Vorbesitzer sie anpries, und lästerte: »Sie ist wie der Messias der Juden, wird ständig angekündigt, kommt aber nie«. Vuillaume selbst hat ihr einen neuen Saitenhalter verpasst.

Ein Stammkunde des Geigenbauers ist Niccolo Paganini. Der Violinvirtuose ist auch ein guter Gitarrist, schreibt seine Solo-Werke für Gitarrenbegleitung. 1838 leiht er sich von Vuillaume die romantische Grobert-Gitarre. Kaufen kann er sie nicht: 1836 hat er ein Casino eröffnet, das bald pleite war. Paganini hat seinen Privatbesitz verkaufen müssen, auch seine Instrumente. 

Hector Berlioz und Paganini kennen sich seit 1833. Paganini bezeichnet Berlioz als die Wiedergeburt Beethovens und gibt ihm Geld, als er noch welches hat. Auch der Komponist zieht die Gitarre dem Klavier vor, das er nie spielen gelernt hat. Als Paganini Vuillaume die Grobert-Gitarre zurückgibt, schenkt dieser sie Berlioz. Und so kommt es, dass beider Namen auf jenem Exponat mit der Inventarnummer E375 aus dem Musée de la musique stehen.

Gitarre, erbaut von Nicolas Grobert, Paris, um 1830

Niccolo Paganini: Cantabile D-Dur, MS 109

Niccolo Paganini: Große Sonate für Gitarre A-Dur. MS 3


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Ich habe das große Rätsel des Mimo entdeckt: puleʻanga fakatahataha ʻamelika. Mit diesem Suchbegriff finden sich 471 Musikinstrumente vom Banjo über ein Bügelhorn bis zum Harmonium. Ein schöner Tip fürs ziellose Wandern durch die virtuellen Ausstellungsräume: Einfach mal ein, zwei Buchstaben in die Suche eingeben und abwarten, was sie ergänzt. Zum Beispiel zu puleʻanga fakatahataha ʻamelika. In der Sprache von Tonga heißt das »Vereinigte Staaten«. Warum die Instrumente einen Vermerk in dieser Sprache tragen, weiß nur die Narrenpfeife.

Mehr ein Finde- denn ein Suchergebnis: puleʻanga fakatahataha ʻamelika