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Etwas kleines, was bleibt

Ein Geiger spendiert die Zugabe für Alban Bergs Violinkonzert.

Ein Geiger spendiert die Zugabe für Alban Bergs Violinkonzert

Interview Hartmut Welscher

Maximilian Simon, seit kurzem stellvertretender Stimmführer der Zweiten Geigen im Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, spielt am 15. November mit der Rheinischen Philharmonie Alban Bergs Violinkonzert Dem Andenken eines Engels. Soweit, so bekannt. Das wirklich Neue kommt aber als Zugabe: Beim Komponisten David Robert Coleman hat Simon eine Zugabe für dieses Violinkonzert in Auftrag gegeben, die in Koblenz … enthüllt wird.

VAN: Wie kamst du auf die Idee?

Maximilian Simon: Ich habe – eher zufällig – darüber nachgedacht, welche Zugabe ich nach dem Berg-Konzert spielen könnte. »Welchen Bach denn dieses Mal?«, so ungefähr. Und dann ist mir wieder klargeworden, wie blöd ich es im Konzert immer finde, wenn jeder Geiger als Zugabe mit derselben d-Moll-Sarabande aus Bachs Partiten ankommt. Es muss doch irgendwie origineller gehen, aber was passt zu dem Stück, mit dem ich gerade auftrete? Und dann bin ich bei dem Bach-Choral hängengeblieben, den Berg verwendet (im 2. Satz, den Choral Es ist genug aus der Kantate O Ewigkeit, du Donnerwort BWV 60 ). Meine erste Idee war: ›Ich schreibe selbst irgendwas.‹ Bis mir ein Freund gesagt hat, ›ich will dir nicht zu nahe treten, aber deine kompositorischen Fähigkeiten sind doch etwas begrenzt. Auch wenn du toll spielst, ruinierst du dir mit einer nicht gekonnt komponierten Zugabe dein Konzert.‹

Wie bist du dann auf Robert Coleman gekommen?

Damals spielte ich noch in der Orchesterakademie der Staatskapelle. Im Rahmen der Festtage der Staatsoper fand Anfang des Jahres ein großer Berg-Zyklus statt. Für die dabei aufgeführte Lulu hatte Coleman 2012 eine neue Orchestrierung des dritten Aktes geschrieben. Danach habe ich eines seiner Stück auf einer Naxos-Aufnahme entdeckt, das mir wahnsinnig gut gefallen hat. Und dann meinte eine Kollegin bei der Staatskapelle zu mir, ›du Max, ich find den super, das ist ein Genie für mich.‹ Und dann bin ich auf ihn zu und habe ihn zwischen Tür und Angel gefragt. Ich mag Sachen, die aus dem Kontext fallen. Er war, glaube ich, etwas verdutzt, fand es aber Klasse. Wir haben uns auf die Formalitäten geeinigt, und im September war es fertig. 

Du hast den Auftrag aus eigener Tasche bezahlt?

Genau.

Ein vierstelliger Betrag?

Ja. Ich hatte von einem Konzert ein bisschen Geld über und dachte, soll ich das jetzt für Klamotten oder Möbel ausgeben? Oder für etwas ein bisschen gehaltvolleres?

Welche Kriterien hast du ihm für den Auftrag gegeben?

Nur, dass der Bach-Choral Es ist genug deutlich rauskommt, und das tut er auch. Das Stück ist alles andere als leicht, hat eine eher introvertierte, ruhige Stimmung, ist wirklich sehr heikel zu spielen, mit den ganzen Doppelgriffen in diesem ruhigen Tempo. Es gibt so eine ähnliche Stelle mit dreistimmigen Akkorden auch bei Berg, echt unbequem. Und es endet mit dem Choral selbst im strahlenden A-Dur, mit einem runden Arpeggio-Akkord, ganz laut nach draußen, das klingt total gut. Am Anfang ist man natürlich etwas ängstlich, weil man nicht genau weiß, wie man es eigentlich findet. 

Mich stören Zugaben oft, weil sie den Eindruck des zuvor Gehörten vernebeln oder ruinieren. Gibt es Stücke, wo es keine Zugabe geben darf?

Absolut, von diesen Konzerten habe ich auch schon ganz viele erlebt, wo der ganze Eindruck dann über die Zugabe zerstört wurde. Das hat auch Sonia Simmenauer mir einmal gesagt: »Spiel nur eine Zugabe, wenn es Sinn ergibt, wenn es ein Geschenk fürs Publikum ist.« Aber dieses Konzert in Koblenz am 15. November ist etwas komplexer und spezieller: Die Rheinische Philharmonie ist quasi meine musikalische Heimat, da komme ich her. Ich bin da mit 14 hingekommen und konnte nichts auf der Geige, wirklich komplett null. Ich war vielleicht irgendwie talentiert, aber ich habe nicht geübt, hatte keine Lust. Und dann gab es ein Jugendprojekt, für das ich eingeladen wurde, Die Zauberflöte mit im Orchester zu spielen; das war ein Augenöffner, von da an ging es überhaupt erst richtig los. Ich bin diesem Orchester dankbar und hatte jetzt den Wunsch, etwas zu schaffen, was mehr ist als nur das Konzert an sich, das alles schwingt da mit. Das Konzert ist schon seit Wochen ausverkauft, da spielen so viele schöne Gefühle mit rein, Da wollte ich noch was beisteuern.

Alina Pogostkina spielt Bergs Violinkonzert Dem Andenken eines Engels, eine Aufnahme vom 12. September 2013; Göteborger Symphoniker, David Afkham (Dirigent)

Spielst du immer eine Zugabe?

Nein. In einem Konzert von unserem Landesjugendorchester, vor zehn Jahren oder so, hat der Chefdirigent, ein sehr cooler, knallharter Typ – es wurde etwas von Wagner gespielt – sich zum Publikum umgedreht und gesagt ›Wagner steht für sich selbst, es gibt keine Zugabe‹. Aus. Und das hat mich ziemlich beeindruckt. 

Das heißt die Leute warten jetzt während des Konzerts in Koblenz die ganze Zeit auf die Zugabe?

Das nicht! Meine Mama weiß das, aber sonst (noch) niemand. Die Zugabe wird auch ganz normal angekündigt. Die Klarinetten, die vorher den Choral spielen, spielen ihn nochmal an, das will ich so, damit die Verbindung klar wird, und dann kommt die Zugabe.

Nimmt es jemand auf?

Ich wollte es eigentlich machen, aber es wurde ein Riesenbohei draus gemacht, wegen der Rechte zum Beispiel, so dass ich einfach gesagt habe, vergesst es. Vielleicht nimmt ein Freund einen kurzen Clip auf und ich stelle ihn auf Facebook.

Wie geht es danach mit dem Stück weiter?

Ich wurde schon von einem Kollegen angesprochen, der es haben und spielen will. Ich würde es auch gerne einspielen und habe schon das Teldex Studio angeschrieben. Genau wie mit der Zugabe ist es mir aber wichtig, alles selbst zu finanzieren, und das ist schon sehr teuer. Ich habe zwar ein paar Kontakte, die ich fragen könnte, aber dieses Betteln und Hinterherlaufen … vielleicht mache ich eine Mini-Disc oder ein Video dazu.

Guckst du jetzt herum, wer demnächst alles das Berg-Konzert spielt und schickst denen dann die Noten rüber?

Das hatte ich vor, aber bisher noch nicht die Muße gehabt. Klar, es wäre schon schön, wenn ich etwas ermöglicht hätte, was bleibt, und sei es auch nur ganz klein. 

Gibt es andere Fälle von Zugaben, die extra für ein Solokonzert geschrieben wurden?

Nicht dass ich wüsste. 

Du musst, wenn du Berg spielst, jetzt immer ›deine‹ Zugabe spielen, oder?

Sagen wir, ich ›will‹ es dann. (lacht)

Warum eigentlich das Berg-Konzert?

Es liegt mir einfach, überhaupt diese Art von Musik, genau wie die von Britten oder Hartmann, das ist einfach voll mein Ding, Musik, deren Sprache ich direkt verstehe. Ich hatte auch kurz an das Britten-Violinkonzert gedacht, aber das ist eins, wo es wirklich nicht passt, das geht so dermaßen unter die Haut. 

Welches Konzert kriegt als nächstes eine Zugabe?

Ich weiß noch nicht, aber es fühlt sich gut an, so etwas in den Händen zu haben. Das Stück ist ja gleich verlegt worden (beim Verlag Ries & Erler Berlin), sieht super aus, da kommt eins zum Anderen. Als ich den Brief aufgemacht habe, dachte ich nur: wie cool ist das denn? Ich bin so wahnsinnig glücklich darüber. ¶

Maximilian Simon beim Gespräch mit VAN in einem Kreuzberger Café

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