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Vabanquespiele ­im Konzertsaal

Mario Venzago

Für Othmar Schoeck verpfändete er sein Haus. Für Schubert vollendete er die Unvollendete. Nun stösst er die Brucknerianer vor den Kopf. Ist Mario Venzago der verrückteste Chefdirigent der Welt? Eine Verbeugung.

 


Der Blumenstrauß flog in die Seitengalerie, zu den besten Plätzen. Nicht als galantes Geschenk. Sondern als Wurfgeschoss. Als ob der Dirigent nach der Vierten von Brahms – Allegro energico e passionato – noch Restenergie zu verschleudern hätte. Wie läuft das im ritualisierten Konzertbetrieb? Jungspunddirigenten nehmen ihre Dankesblumen gerne mit auf den Weg in die Garderobe, gestandene Maestros schenken sie einer Dame im Orchester. Applaus. Mario Venzago indes hat eine athletische Variante erfunden, wie sie nur der Chefdirigent des Berner Symphonieorchesters erfinden konnte. 2012 war das, zwei Jahre nach seinem Antritt in der Schweizer Bundesstadt. Da dämmerte es den Bernern allmählich, was sie sich eingebrockt hatten.

Bern ehrt das Mittelmaß. Wer herausragt, wird geköpft – oder ignoriert. So wie Samuel Henzi, Paul Klee, Albert Einstein, Meret Oppenheim, Sándor Veress. Mario Venzago konnte man nicht ignorieren. Seine erste Amtshandlung war ein Interview, in dem er lächelnd die Zähne zeigte. Dass die Berner Kulturpolitik dem Orchester eine Fusion mit dem Stadttheater verordnete und dafür eine Kommission einsetzte – Venzago kommentierte es mit einer martialischen Metapher. »Ich werde mich mit einer Hellebarde gegen solch eine Kommission stellen. Mich reut das Geld, das man hier verschleudert.« Ein Affront. Doch aus seinem Mund kam er einer Entwaffnung gleich.

Venzago, der frühere Konzertpianist, beherrscht die Klaviatur der öffentlichen Kommunikation. Schon das macht ihn zu einem modernen Dirigenten. Divenhaft durchaus, doch ohne Dünkel, ohne abgestandenes Kleinfürstengehabe. Keine seiner Zumutungen, nicht das Apodiktische und nicht das Kompromisslose wirken aufgesetzt oder kalkuliert. Bei Sonderkonzerten kann er den Clown geben, hart an der Grenze zur Peinlichkeit. Fast kindlich wirkt seine Freude manchmal. Er trägt das Herz auf der Zunge, und man traut ihm zu, dass er im Moment der Euphorie jeden Abonnenten im Parkett persönlich umarmen könnte.



Was für eine Wohltat nach Jahren des Zarismus. Venzagos Vorgänger in Bern war ein Russe – Andrei Boreiko, der bis vor kurzem in Düsseldorf wirkte. Und der Vorgänger des Russen war auch ein Russe – Dmitri Kitajenko. Berns bleierne Zeiten, grundtönig, breit und klebrig: sie endeten mit dem Mann aus Zürich, Jahrgang 1948, Spross einer italienisch-deutschen Familie. Venzagos Vision: Ein französischer Klang, hell, schlank und sprechend, mit wenig Vibrato, so wie es die Spezialisten für Alte Musik vorgemacht haben. Der Klang der Geschichte als Klang der Zukunft: Revolutionär ist das längst nicht mehr. Doch bei Venzago verbindet es sich mit einem subjektiven, (taktstrich-)freien Musizieren. Es lässt die Romantiker neu atmen und brennen. Brahms, Schubert und Schumann erhalten eine emphatische Dringlichkeit, die viel vom Leben erzählt – und eine Feierlichkeit, die ins Sakrale weist. Beim letzten Neujahrskonzert trieb er Beethovens Neunte in einem hastigen Steigerungslauf Richtung Utopie. Und sein erstes Galakonzert in Bern, traditionell ein Fest der Eitelkeiten, geriet zu einem sublimen, quasireligiösen Ereignis vollendeter Feierlichkeit: Mozart. Wagner. Nach der Pause Schoeck.

Othmar Schoeck. Was da alles mitschwingt. 1999 will Venzago an den Luzerner Festwochen Schoecks Oper Penthesilea aufführen. Ein schweres Werk mit gepanzerten Klängen, historisch belastet durch Aufführungen in Nazideutschland. Der Dirigent findet darin »Aspekte der Großartigkeit, aber auch des Unfertigen, Dilettantischen«. Und er hält an seinem Plan fest, selbst als Produzent und Orchester aussteigen. Venzago übernimmt die finanzielle Verantwortung, verpfändet sein Haus, holt »sein« Sinfonieorchester Basel, dem er als Chefdirigent vorsteht. Das Stück lässt ihn nicht los. Auch nachts kann er das Denken nicht lassen. Venzago schwankt zwischen Euphorie und Erschöpfung – und dem Frust darüber, dass die Welt nicht will wie die Kunst. »Nur von außen hört sich das Fallen spannend an«, schreibt er seinem Bruder, dem Fotografen und Filmemacher Alberto Venzago, der ihn mit der Kamera begleitet, jede Bewegung akribisch einfängt, jedes Augenzwinkern, jeden Moment der Stille. Mein Bruder, der Dirigent heißt der Film, der daraus entstanden ist. Am Ende versteht man, weshalb bei Venzago trotz der äußerst erfolgreichen Luzerner Premiere eine innere Leere zurückbleibt. Mehr als alles andere beglaubigt dieser Film in Schwarzweiß die Kunst des Dirigenten, seine Kompromisslosigkeit, das Faible fürs Abseitige und Unbequeme.


Trailer zum Dokumentarfilm Mein Bruder, der Dirigent von Mario Venzagos Bruder Alberto, der als Regisseur und Fotojournalist vor allem zahlreiche politisch engagierte Reportagen und Dokumentarfilme macht


Man denkt daran, wenn er wieder eine Verwegenheit auftischt. So wie im vergangenen Jahr, als er sich den berühmtesten »Torso« der Romantik vornahm: Venzago ist überzeugt, dass Schubert seine »Unvollendete« vollendet hat. Keine Halbsinfonie also, sondern vier ganze Sätze – so wie es die Tradition verlangte. »Warum sollte er ein Werk, das er so perfekt begonnen hatte, unvollendet lassen? Die Sinfonie war nie als Bruchstück gedacht. Und es ist völlig falsch, sie als Bruchstück aufzuführen«, meint Venzago. Die Schubert-Gesellschaft habe ihn für diesen Standpunkt ordentllich »gezürnt«, erzählt der Dirigent. »Weil es keine Skizzen gibt, meinen sie, Schubert habe die Sinfonie nicht fertig komponiert. Ich sehe es genau umgekehrt: Dass es für die fehlenden Teile keine Skizzen gibt, ist ein starkes Indiz dafür, dass er das Werk vollendet hat.« Schubert sei arm gewesen, das Papier knapp. »Wenn er kein Papier mehr hatte, radierte er die Skizzen aus, um die Blätter wieder zu benutzen«, so Venzago. »Mittels Spektralanalyse könnte man das untersuchen. Aber daran sind die Musikwissenschaftler und die Schubert-Verwalter nicht interessiert. Sie wollen sich nicht stören lassen in ihren lieb gewonnenen Vorstellungen.«

Vergangenen November führte Venzago die Siebte komplett auf. Schicksalsschwer und düster raunend ist der Kopfsatz traditionell zu hören. Als würde ein 100-Kilogramm-Held mit müden Beinen zu Grabe getragen. Wie anders klang es bei Venzago: als würde die Trauergesellschaft von Geistern verfolgt. Die Siebte als dramatische Sinfonie der Unruhe. Für den dritten Satz griff er auf Skizzen Schuberts zurück. Und wie ein Collagekünstler ging er im Finale ans Werk, schnitt Teile heraus, fügte neu zusammen, verlängerte die Schluss-Coda, ergänzte ein Zitat aus dem Kopfsatz. Venzagos Viersatzvariante war vollwertig in der Form, aber nicht im Inhalt. Am Ende gab es in Bern gerade mal freundlichen Applaus.

Wie anders war das vor Jahren in Indianapolis. Venzago, von 2002 bis 2009 Musikdirektor des Indianapolis Symphony Orchestra, stieß mit seinem Viersatzschubert auf brennende Begeisterung. Es war eine andere Welt. Der Maestro hatte einen Chauffeur. Aber keine Staatsmillionen fürs Orchester, wie in Bern. Amerikanische Orchester sind finanziell stets am Anschlag, jede Probe muss durch Sponsoren finanziert werden. »Das zwingt zu einer unglaublichen Effizienz. Und zu kommerziellem Denken. Natürlich ist das manchmal bitter, aber es hat auch seine guten Seiten«, sagte Venzago nach seiner Rückkehr in die Schweiz. »In Amerika behauptet man einfach: Wir sind die Besten. Und dahinter wächst ein gesundes Selbstvertrauen. Das sind nicht bessere Musiker, aber sie betrachten ihren Job auf eine andere Art. Das imponiert mir. In Europa herrscht eher ein Sicherheitsdenken. Das passt nicht zum Geist der Werke, die man aufführt. Ein Orchester muss fliegen.«


Venzago Dirigiert Bruckner: Auszüge aus seiner Gesamteinspielung, erschienen beim Label cpo
(mit freundlicher Genehmigung)

ANTON BRUCKNER: SINFONIE NR. 4 ES-DUR WAB 104, I. BEWEGT, NICHT ZU SCHNELL (AUSZUG)

ANTON BRUCKNER: SINFONIE NR. 4 ES-DUR WAB 104, IV. FINALE. BEWEGT, DOCH NICHT ZU SCHNELL (AUSZUG)

ANTON BRUCKNER: SINFONIE NO. 7 E-DUR WAB 107, I. ALLEGRO MODERATO (AUSZUG)

ANTON BRUCKNER: SINFONIE NO. 7 E-DUR WAB 107, II. ADAGIO. SEHR FEIERLICH UND SEHR LANGSAM (AUSZUG)

ANTON BRUCKNER: SINFONIE NO. 7 E-DUR WAB 107, III. SCHERZO. SEHR SCHNELL; TRIO. ETWAS LANGSAMER (AUSZUG)


Das Selbstvertrauen, der gutamerikanische Überschuss an Optimismus – Venzago nahm ihn mit nach Bern. Nicht nur in den Operngraben, wo das Orchester lange  mit bemerkenswerter Lustlosigkeit agierte, auch in den Konzertsaal – und in die Aufnahmen: Mit sechs Orchestern hat Venzago in Rekordzeit alle neun Bruckner-Sinfonien eingespielt. Und das Berner Symphonieorchester war Teil des Projekts. Venzago spricht von einem »finanziellen Vabanquespiel«, knapp getragen von Sponsoren. Aber auch künstlerisch setzt er alles auf eine Karte. Nichts weniger als einen »anderen« Bruckner postuliert der Dirigent – und schießt mit Giftpfeilen gegen Pomp und Pathos, gegen die Tradition, Bruckners Sinfonien zu »endlosen, lauten Ungeheuern« zu mästen. 



Venzago setzt Bruckner auf Diät, verleiht ihm ein menschliches Maß, lässt ihn (wieder) atmen, ja schwitzen, macht ihn biegsam. Natürlich: Das haben schon andere vor ihm an die Hand genommen. Venzago indes tut es nicht nur mit ungehörter Konsequenz, sondern auch mit unerhörter Freude an subjektiven Freiheiten, für die ihn manche Brucknerianer womöglich gerne lynchen würden. Die Fünfte – mit ihrer Kathedralen-Ästhetik die Brucknerianer-Sinfonie schlechthin – spielte er gleich zweimal ein. Die erste Aufnahme mit den Düsseldorfer Symphonikern verwarf er – »zu dick, zu deutsch, zu abonnentenfreundlich«. Und manchmal packte ihn die Wut über dieses »viel zu lange, sperrige Ding«. Venzago investierte eigenes Geld, nahm die Fünfte noch mal auf – mit der großartig kleinen Tapiola Sinfonietta und gerade mal acht ersten Geigen. 


Mario Venzago über seine Gesamteinspielung aller Bruckner-Sinfonien, von der soeben die letzte Aufnahme, die Fünfte, beim Label cpo erschienen ist.


»Bruckners Sinfonik ist für mich reinste Theatermusik. Nur dass es nicht um heroisch Liebende geht, sondern um Gott, um Himmel und Hölle – und immer wieder auch um Maria.« In jeder Bruckner-Sinfonie gebe es Choräle, die der Jungfrau Maria gewidmet seien, raunt der Dirigent. Nur habe das »seltsamerweise« noch niemand bemerkt.

Mit der Betonung des Religiösen dürfte sich Venzago in akademischen Kreisen keine Freunde machen – im neuen Bruckner-Handbuch wird vor derlei »Projektionen« im Bereich der Sinfonien eher gewarnt. Und dass er die hehren Prinzipien der Klangrede mitunter bis an die Grenze zum Manierierten feiert, macht ihn angreifbar. Venzago ist das egal. Er sieht die Gesamtaufnahme als »persönliches Statement« gegen den Mainstream. Und er mag es, sich in die Nesseln zu setzen: Er plane, den Bearbeitungen des Finalsatzes von Bruckners unvollendeter 9. Sinfonie eine eigene hinzuzufügen. »Aber erst ganz am Ende des Projekts, als ungehöriges Supplement. Das ist ein Kamikazeunternehmen.« ¶