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Maestro coming

Eine Expedition durch deutsche Orchester mit Mozart in the Jungle. Erste Station: Der Dirigentenkult

Die von Amazon für seinen Streaming-Service »Prime« produzierte TV-Serie Mozart in the Jungle basiert auf dem gleichnamigen Buch, dass die Oboistin Blaire Tindall – ehemaliges Mitglied der New Yorker Philharmoniker – 2005 veröffentlicht hat. Es geht darin um das Leben im Orchester und in der freien Musikszene New Yorks; um Eitelkeiten, Netzwerke, Drogen, Affären, Mobbing und vieles andere. Die Fernsehserie macht daraus, mit Gael García Bernal in der Hauptrolle, einen Wohlfühl-Klamauk, ist aber nicht minder unterhaltsam. VAN will einige Aspekte von Mozart in the Jungle aufgreifen (Link zum Artikel von letzter Woche) und unternimmt eine Expedition durch Orchester im deutschsprachigen Raum. Diese Woche präsentieren wir Stimmen zum Thema Dirigentenkult(ur).

 

Text Tobias Ruderer · Fotos Amazon


»Es ist mir eine Ehre ihnen nun jemanden vorzustellen, der einfach besonders ist. Mit 12 gewann er als bislang jüngster Kandidat aller Zeiten den Mahler-Wettbewerb für junge Dirigenten. Mit 23 dirigierte er in der Mailänder Scala. Mit 25 rettete er das Osloer Sinfonieorchester vor dem Ruin und machte es zu einem der besten Klangkörper auf den Bühnen der Welt. Er wurde umworben von Boston, Los Angeles, San Francisco, München … und wir – haben ihn! (Schnitt hinter die Bühne, die Gestalt meditiert, betet, bekreuzigt sich) Bitte heißen Sie mit mir einen Mann willkommen, der nur mit seinem Vornamen vorgestellt werden muss. Ihr neuer Dirigent und Musikalischer Direktor – Rodrigo.«

Er macht Backstage noch ein paar Lockerungsstimmübungen und erscheint, das Publikum erhebt sich von seinen Sitzen. Er zaubert Rosen herbei, ist das Zentrum aller Empfänge. Viele Frauen finden ihn »amazing«, manche Männer sind sofort eifersüchtig. Man will eine Werbekampagne nur auf seinen Haaren aufbauen, er zieht älteren reichen Damen die unterschriebenen Schecks aus der Tasche, er verzaubert alle. Es spielt vielleicht keine Rolle, dass Rodrigo eigentlich ganz nett ist, denn: was wäre, wenn nicht? Reicht dem Publkum der große Name? Verlieren wir durch den Fokus auf Dirigenten den Blick fürs Ganze? Wie hängen Dirigentenkult der Medien, persönliche Eitelkeit und Qualität der Arbeit zusammen?


»I think he's amazing.«


Ulrich Haider, Stellvertretender Solo-Hornist bei den Münchner Philharmonikern:

»Gerade Journalisten fahren auf solche Größen ab. Als Christian Thielemann Chef bei uns war, fühlten sich einige von ihnen wahnsinnig gebauchpinselt, wenn sie mit ihm zum Essen gehen durften. Uns im Orchester wurde dann genau von diesen Journalisten und von manchen Teilen des Publikums unterstellt, dass wir die Größe eines solchen Dirigenten einfach nicht erkennen. Deswegen wurden wir, nachdem bekannt wurde, dass er geht, im Saal ausgepfiffen. Bestimmte Teile des Publikums vergöttern den Dirigenten einfach, auch wenn das heute weniger sind als früher. Heute sind bei weniger bekannten Namen die Konzerte genau so gut besucht. Es hängt eher vom Programm ab. 

Es gibt oft auch Dirigenten, die werden vorab wahnsinnig hoch gehandelt und wir sitzen, nachdem wir mit ihnen gearbeitet haben, in der Kantine und fragen uns, wie die wohl bloß zu diesem Status gekommen sind.«

David Drop (Vorspieler 2. Geige), Orchestervorstand und Sprecher des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, wo Chefdirigent Marek Janowski jüngst seinen Weggang nach 14 Jahren an der Spitze des Orchesters verkündet hat: 

»Hier in Berlin bekommen die Philharmoniker natürlich die meiste Aufmerksamkeit ab. Aber gerade diesen Hype um die Nachfolge von Simon Rattle: den finde ich toll. Da geht es wirklich um eine Identifikationsfigur, da wird darüber diskutiert, welchen frischen Wind die Person reinbringen kann. Die Leute sind gespannt, da passiert was, und das tut allen gut. Man merkt nämlich gleichzeitig, dass die Wahrnehmung von der Rolle eines Dirigenten viel differenzierter ist. Im Falle des RSB und dem angekündigten Weggang unseres Chefdirigenten sprechen die Medien ausgiebig vom gutem Zustand unseres Orchesters. Ich selbst gar kann keine Auswüchse des Dirigentenkultes mehr beobachten, das mag in der freien Szene noch etwas anders sein, wo die Orchestermusiker abhängiger von den äußerem Gegebenheiten sind.«


»›Hear the hair‹, really?«

Matthias Benker (Vorspieler Bratsche), Konzerthausorchester Berlin:

»Es gibt immer noch Dirigenten, die den Kult zelebrieren. Man merkt schnell den Unterschied, ob jemand gerne die Ballerina auf seinem 1,50 mal 1,50 großen Podest macht und total auf Effekt dirigiert, oder ob er das als gemeinsame Performance mit dem Orchester auffasst. Das Publikum merkt das aber eigentlich auch. Wenn sich dann der Arm bereits in der Probe so langsam und weihevoll durch die Luft bewegt, dann schmunzelt man halt. Die Kandidaten, die verärgert sind, wenn der rote Teppich einmal nicht ausgerollt wird, werden weniger. (Ich will keine Namen nennen, aber manche erkennt man am Schal, den auch Tenöre tragen …)

Heute wird jemand schnell als Marke aufgebaut. Schon nach einem guten Konzert oder einer Live-Übertragung gibt es so einen Hype, dann setzt die Maschinerie ein. Manchmal kann der arme Mann oder die arme Frau dem Image auf Dauer einfach nicht gerecht werden. Mir ist aber auch das Beispiel eines Dirigenten bekannt, der sich nicht verbrennen lassen wollte: Der hat diesen Kreislauf bewusst durchbrochen und einen Karriereknick in Kauf genommen, um zurück zu schrauben. Das hat ihm gut getan, und er ist dann auch wieder zurückgekommen an die Spitze.«

Ein Stimmführer eines großen Orchesters möchte seinen Namen nicht genannt sehen:

»Es hängt vieles davon ab, wie Intendanten damit umgehen. Es ist aus Marketing-Gründen ja nachvollziehbar, dass sie diese neue Persönlichkeit erst einmal absolut in den Vordergrund stellen wollen. Dann steht der auch im neuen Jahresprogramm im Mittelpunkt und das Orchester steht eben ganz weit dahinter. Unser derzeitiger Intendant sagt zu jedem 25-jährigen Dirigenten Maestro, damit werden selbst junge Dirigenten auf ein Podest gehoben, das ihnen noch nicht zusteht.«


»Does he also do childrens' parties?«


Eva Freitag (Cello) spielte unter anderem im Philharmonia Orchestra London, dem NDR Sinfonieorchester, dem Konzerthausorchester Berlin und war jahrelang Solocellistin des European Union Chamber Orchestra:

»Mir fällt dazu ein, dass Iván Fischer während meiner Zeit beim Konzerthausorchester bei jedem, wirklich jedem Konzert einen riesigen Strauß roter Rosen aus dem Publikum von einer älteren Frau bekommen hat, das schien mir oft rätselhaft und irgendwie skurril, heute weiß ich, dass sie und ihr Mann dem Dirigenten wohl zu jedem Konzert nachreisen. Sie sind wirklich bei all seinen Konzerten dabei und wenn er dasselbe Konzert drei mal hintereinander spielt, dann schauen sie es sich auch drei mal hintereinander an. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass Fischer selbst das genießt, er ist ja das genaue Gegenteil von einem Dirigenten, der sich selbst inszeniert, völlig unprätentiös; irgendwie lustig, dass das bei ihm passiert.«

Timothy Summers (Geige), Mahler Chamber Orchestra:

»Viele Dirigenten sind eitel oder scheinen es zumindest zu sein. Sie müssen einfach Aufmerksamkeit einfordern. Man erwartet Magie von ihnen, Kraftübertragung mit einem Stab, und das ist nicht einfach. Es ist fantastisch, wenn sich die Erwartung erfüllt – aber für den anderen Fall ist es nützlich, eine andere Quelle für Beachtung zu haben. Es ist immer ein bisschen Theater dabei: Ein Dirigent agiert an der Grenze von Illusion und Wahrheit. So gesehen gibt es vielleicht ›no such thing as bad publicity‹, ist also auch schlechte Presse gute Presse.

Ich glaube, das gilt sogar für das Mahler Chamber Orchestra – wo wir mit sehr vielen sehr guten Dirigenten zusammenarbeiten – dass wir uns am Ende gelegentlich fragen: ›what was that?!‹ Andererseits habe ich zu oft gesehen, dass man über Dirigenten sprach und damit andere Dinge vernachlässigt hat. Es gibt so eine bestimmte Art, über Dirigenten zu lästern, die schon sehr alt ist und die wir alle ablegen sollten.«


Unsere Serie geht weiter, nächste Woche fragen wir: Gibt es einen Generationenkonflikt? Wie ist es, wenn Jugend auf Erfahrung trifft, wie werden Neuzugänge im Orchester empfangen?

Wir merken in den Gesprächen mit Musiker/innen, dass es noch etwas Zeit brauchen wird, bis man sich in der Orchesterwelt öffnet und traut, auch kontroverse Dinge zu diskutieren. Uns geht es um ein realistisches Bild eurer Arbeitswelt, nicht um Boulevard oder Bloßstellung – auch wenn gute Geschichten natürlich nicht zu kurz kommen müssen. Daher freuen wir uns, wenn sich professionelle Orchester-Musiker/innen bei uns melden. Wir können Aussagen auf Wunsch auch anonymisieren. Eine kurze Mail an info@van-verlag.com genügt und wir nehmen Euch in unseren Orchesterverteiler auf, mit dem wir jede Woche Stimmen einsammeln.