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Freie Luft,
Kultur und Sonne

Kazumi, die Frau mit dem Pappschild

Text Elaine Yeung · Fotos Junia Fatorelli

Jede/r regelmäßige Berliner-Philharmonie-Besucher/in wird Kazumi schon einmal gesehen haben, die kleine, aber entschlossen wirkende Person im Foyer mit dem Schild »Suche Karte«. Kurz vor Konzertbeginn sieht man sie im Konzertsaal Platz nehmen, meist in den Blöcken der oberen Preissegmente, und dann fragt man sich nicht nur, wie und woher sie ihre Tickets bekommt, sondern auch, wer dieser Kunde wohl ist. 1974 ist Kazumi aus ihrer Heimatstadt Gifu, Japan, zum Kunststudium nach Deutschland gekommen; geblieben ist sie für die ›freie Luft, Kultur und Sonne‹. VAN hat mit ihr vor einem Philharmonie-Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin gesprochen, kurz vor »Geschäftsbeginn« um 19:30 Uhr, als sie ihr Schild aus der Tasche zieht und sich auf die Suche nach einem Ticket für den Abend macht. 


VAN: Sind Sie Musikerin?

Kazumi: Nein, gar nicht! 1974 bin ich nach Berlin gekommen, um Kunst zu studieren – ich hatte gar nichts mit Musik zu tun.  

Kunst und Musik haben einiges gemeinsam …

(lacht) Ja, so könnte man es auch sagen. Ich komme ursprünglich aus einer Provinzhauptstadt in Japan, etwa 350 km von Tokio entfernt. Schon damals war Tokio das kulturelle Zentrum: Die berühmtesten Solisten, Orchester, Ausstellungen - alle waren in Japan, aber eben nur in Tokio. Bei uns gab es höchstens das Kino, wo ab und zu mal ein Film lief. Ich bin nach Deutschland gekommen, um die Dinge, die in meinen Lehrbüchern beschrieben waren, mit eigenen Augen zu sehen. Damals war die Konservierungstechnik für sensible Gemälde auf Holz überhaupt noch nicht so weit. So blieben die berühmtesten Bilder meist in Europa – auf keinen Fall kamen sie nach Japan, wo die Luftfeuchtigkeit so wahnsinnig hoch ist. Ich wollte nicht nur davon lesen, sondern sie auch erleben. 

Wann haben Ihre Konzertbesuche angefangen?

Anfangs kannte ich mich in Berlin kaum aus, also musste ich mich auf meine Landsleute verlassen. Einer davon war ein lebendes Musiklexikon – mit ihm war ich zum ersten Mal in der Philharmonie. Außerdem hat mein Ex-Mann das Konservatorium besucht und Geige studiert.  Durch ihn habe ich meinen Bezug zur Neuen Musik gefunden. 

Was war das erste Konzert in der Philharmonie? 

Ein Konzert mit Fischer-Dieskau, im Großen Saal. Später habe ich ihn nochmal in einem Konzert in der Akademie der Künste erlebt. 

Sind Sie bei jedem Konzert dabei? Wie suchen Sie die Konzerte aus, die Sie gerne besuchen wollen?  

(lacht) Nur fast bei jedem. Zum Monatsanfang lese ich Konzertkalender und Programmvorschauen und kennzeichne die Konzerte, die ich gern besuchen möchte. Ausschlaggebend sind für mich Inhalt – also das Repertoire – und die Solisten. Zum Beispiel der Schwerpunkt vom diesjährigen Musikfest, Carl Nielsen: Seine Musik wird so selten gespielt! Solche Gelegenheiten sollte man natürlich nicht verpassen. Zeit habe ich, nur das Geld fehlt. 

Oft stelle ich mir die Frage, wie lange ich das wohl noch machen kann. Ich bin jetzt 67 Jahre alt. Werde ich beispielsweise noch den älteren, reiferen Gustavo Dudamel hören? 

Besuchen Sie nur Konzerte in der Philharmonie? 

Nein, natürlich nicht! In Berlin bin ich schon überall gewesen!

Haben Sie eine Strategie, wie Sie an eine Karte kommen, vor allem bei ausverkauften Konzerten?  

Sie kennen mein Pappschild doch! Leider bekomme ich nicht immer eine Karte … Sie wissen ja, dass die Konzerte mit den Philharmonikern fast immer ausverkauft sind – aber es gibt immer wieder Menschen, die lieber eine Karte verschenken, als sie verfallen zu lassen, weil zum Beispiel jemand kurzfristig abgesagt hat. Wenn ich sehe, dass die zweite Hälfte des Programms spannender ist als die erste, warte ich bis zur Pause im Foyer. Einige gehen dann schon nach Hause und überlassen mir ihr Ticket. Letztens habe ich eine Karte von einer sehr netten Dame bekommen, die ein Abo hatte, aber nicht ins Konzert gehen konnte. 

Was ist Ihr Lieblingsplatz in der Philharmonie? 

Für Orchesterkonzerte: im Block B links.

Und im Kammermusiksaal?

Im Block A. 

Sie sind so oft im Konzert – haben Sie nicht manchmal genug von Musik? 

Nein, habe ich noch nie gehabt! Wenn Sie meine Lebensgeschichte betrachten, meine Herkunft, dann verstehen Sie: ich habe einen großen Nachholbedarf in Sachen Kultur. Ja, ich bin eine Kulturfanatikerin. Wenn ich im Museum oder in der Philharmonie Schulklassen sehe, denke ich immer wieder: Solche Möglichkeiten hatte ich gar nicht.  

Was machen Sie, wenn Sie nicht im Konzert sind? 

Ich habe meinen eigenen Sonnenplatz (zeigt Richtung Tiergarten). Es ist nur ein Katzensprung von hier zum Tiergarten. Mit dem Fahrrad bin ich schnell hier. 

Nachdem Sie schon so viel Musik gehört haben, haben Sie doch bestimmt mal überlegt, ein Instrument zu lernen? 

Dafür habe ich leider kein Talent. Weil mein Ex-Mann ja Geiger war, konnte ich ein bisschen Geige. Damals haben wir viel Duos gespielt und es hat Spaß gemacht. Ich konnte aber meine Geige nie stimmen! 

Ich singe gerne – Karaoke. Das ist aber nichts für die Philharmonie. (lacht)

Warum sind Sie in Berlin geblieben?

Die Chemie zwischen Berlin und mir stimmt. Deshalb bin ich hier geblieben. Als Frau fühle ich mich viel freier in Berlin als in Japan. Ich bin ein Sonnenmensch, eine Freiluft- und eine Kulturfanatikerin. In Berlin kann ich alles drei sein. ¶

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