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Bruckners Vierte remixen?

Interview mit Henrik Schwarz

Interview mit Henrik Schwarz

Henrik Schwarz ist kein großer Medienstar, aber Menschen, die im Club feiern, ist sein Strang der Beschäftigung mit elektronischer Musik schon seit 25 Jahren ein Begriff. Spätestens seit seinem Beitrag zu den DJ-Kicks-Kompilationen, die für Freunde elektronischer Musik, die man auch zu Hause hören kann, gleichzeitig Gradmesser und Freudenquell sind, wie es für Popnerds die Peel-Sessions waren und für die Klassikfans das Kammerkonzert in der Wigmore Hall ist, ist dieser Ruf auch international gefestigt. Seit einigen Jahren versucht sich Schwarz am klassischen Klangapparat. Andersherum versucht sich das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin am Kontakt mit neuen Szenen und richtet zum zweiten Mal einen Remix-Wettbewerb aus. Dieses Jahr werden Glieder und Organe aus Bruckners Sinfonie No. 4 vom Orchester in Form von separat eingespielten Spuren zur Verfügung gestellt, mit denen in den Heimstudios und Soundprogrammen gemacht werden darf, was man so will (einschlägige Technikhersteller sind Mitsponsoren). Wir wollten wissen: bringt es das?


VAN: Viele Leute, die klassische Musik kennenlernen und anfangen, mehr zu hören, landen irgendwann bei Bruckner. Hast du eine Ahnung, warum das so sein könnte? 

Henrik Schwarz: Ja, das war bei mir auch so. Ich bin mit meinem Klassikprojekt vor vier Jahren eingestiegen, mit Instruments (Album und Komposition von Schwarz, Link zum Spex-Artikel) und hatte bis dahin keine Ahnung von klassischer Musik. Ich bin bei Bruckner hängengeblieben, weil das auch physisch erfahrbar ist. Wenn man ins Konzert geht, dann erlebt man das als zugänglich und hat gleichzeitig diesen monströsen Wumms; mit der Energie kann man glaube ich was anfangen, auch wenn man keine Ahnung hat.

Apropos Genialität, es gibt dieses von Adorno überlieferte Zitat Mahlers, Bruckner sei halb Schwachkopf, halb Gott. Was für ein Bild hast du von diesem Mann? 

Na ja, damit ist eigentlich das Merkmal der interessantesten Kunstwerke beschrieben, diese Vieldeutigkeit. Leonard Bernstein hat gesagt, die Mona Lisa sei nicht umsonst das berühmteste Kunstwerk der Welt, weil dieses Lächeln so viel sein kann, jeder denkt sich was anderes hinein. Und in Bezug auf Bruckner: Man darf auch mal was Stumpfes bringen innerhalb des Komplexen, das macht es vieldimensionaler, interessanter, wenn man es richtig angeht, und das ist bei Bruckner ja auch da, diese Qualität. Es muss diese Polarität geben.

Horn- und Klarinettenmotiv aus dem Finalsatz von Bruckners Vierten, eingeteilt vom DSO für die Remixer/innen.

Welche Bruckner-Sinfonie magst du am Liebsten?

Die Neunte, das ist für mich ein Monster, damit kann ich viel anfangen. Ich habe mich gefragt, wie hole ich das für mich ins Heute? Ich wollte ja nicht etwas altes aus meiner modernen Perspektive verstehen, sondern hatte die Frage: Was mache ich heute damit? Wie kann es meine Musik, meine Ideen beeinflussen? Wie kann ich die Gedanken, die er damals entsponnen hat, modern hören?

Und wie bist du vorgegangen?

Na ja. Bei der Arbeit am Instruments-Album habe ich schnell gemerkt, ohne Hintergrundwissen komme ich nicht weiter. Ich muss mir Dinge anhören, anlesen, mit vielen Leuten sprechen, damit man irgendwie eine gemeinsame Sprache findet. Dafür brauche ich aufgeschlossene ›Klassiker‹, um mir Vokabular erarbeiten zu können.

Was hast du dir konkret erarbeitet, hast du Partituren gelesen, Biografien?

Na ja, ich habe mich von heute kommend rückwärts durch die Musikgeschichte gearbeitet, von der zeitgenössischen klassischen Musik, durch den ganzen Wergo-Katalog etwa 100 Jahre weit bis zu Richard Strauss. Aber irgendwie musste ich noch weiter zurück. Und hängengeblieben bin ich bei Ravel, der bedeutete mir viel. Und dann habe ich erst Notenlesen gelernt, mit Partituren gearbeitet. Instrumentenkunde, Arrangement, in welche Richtung strahlt so ein Instrument. Klar, ich habe das alles nur gestreift, aber schon das öffnet die Perspektive für vieles andere. Man fängt an, anders zu denken: In welchen Register macht denn dieser Sound Sinn?

Was hat dich an Ravel gereizt?

Das ist einfach Musik, vor der ich in die Knie gehe. Wenn man selber Musik macht, weiß man, dass mit einfachen Mitteln komplexe Dinge entstehen können. Aber bei Ravel habe ich das Gefühl, der jongliert mit 15 Bällen, und wie galant und leicht das passiert, das beeindruckt mich, da kann man Millionen von Dingen hören, obwohl es oft nur ein paar Noten sind.

Foto Ben Wolf

Verändert das auch deine Musik? Gehst du weg vom Pattern, weg vom Beat, hin zu weiteren Bögen?

Ich kann das gerade nicht sagen, ich bin da so ein bisschen aus der Bahn geworfen und beeindruckt. Ich muss mich freistrampeln, damit jonglieren lernen, mich irgendwie befreien.

Würdest du es verstehen, wenn Kritik an diesem Remix-Wettbewerb kommt, weil da Leute mit der Musik hantieren, die sich vielleicht nicht einmal das ganze Werk anhören, sondern sich nur mit diesen Spuren des IV. Satzes beschäftigen? Dass da eine Kürzung stattfindet, wenn es um diese großen Bögen von Bruckner, diese tektonischen Platten, geht?

Nein, also wenn da keine besseren Vorschläge kommen, dann habe ich für diese Kritik kein Verständnis. Deswegen prallt so etwas an mir ab. Ich sehe hier ein Orchester, das versucht, sich zu öffnen. Ich erlebe in letzter Zeit viele Orchester, die das versuchen, weil ihnen die Leute weglaufen oder weil es mehr und mehr irrelevant und von der Gesellschaft getrennt ist, was da passiert, in diesen gigantischen Betrieben. Ich halte das vom DSO für einen sehr guten, innovativen Ansatz, sich mit anderen Genres zu verbinden. Und das ist überhaupt nicht trivial. Das Werk ist klug ausgesucht, weil es darum geht, dass viele mitmachen und diese Berührungsängste abgebaut werden. 

Julian Mannarinis Hiawatha war der Sieger-Remix des Wettbewerbs von 2013/14, als der Remix-Gegenstand der III. Satz von Antonín Dvořáks 9. Sinfonie war.

Nach welchen Kriterien wählt ihr den Gewinner aus?

Das ist relativ einfach; wenn jemand sich was einfallen lässt, dann hat er eine Chance, es wird nicht reichen, einfach eine 4/4-Bassdrum darunter zu legen. Es geht um Kreativität. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich in meinen 25 Jahren Musikkarriere jemals an so ein Material gekommen wäre, die Einzelspuren einer Sinfonie von einem Orchester eingespielt, zur freien Verfügung. Das muss für junge Produzenten da draußen doch der Wahnsinn sein. Ich finde das sehr wertvoll als Dokument. Da gibt es andere Dinge in der Klassikwelt, wo man schon eher kritisch nachfragen könnte.

Welche meinst du zum Beispiel?

Na ja, es gibt halt immer noch Verantwortliche, die denken super, DJ-Kultur, da mache ich ein paar farbige Lichter und reiße die Stühle raus und mache Party. Diese Akustik ist aber schlimm für elektronische Musik, da kannst du keine Schallplatten abspielen und elektronische Musik klingt einfach beschissen im Konzertsaal. Oder wenn irgendwelche DJs ihre billigen Beats unter die einfachste Klassik knallen, die man sich vorstellen kann. So diese Wiedergänger von Rondo Veneziano, das finde ich unterirdisch und daneben. Nicht relevant.

Was findest du denn noch gut, was aus der klassischen Musik kommt?

Also, ich finde es erst mal gut, dass viele ambitionierte Konzerthäuser ihre Türen öffnen, und Leute wie ich und andere da rein und was machen dürfen. In Berlin passiert da noch verhältnismäßig wenig, angesichts der Tatsache, dass hier sowohl die gesamte Elektronikszene als auch ziemlich viel High-End-Klassik vor Ort ist. Woanders passiert mehr, in England zum Beispiel. 

Vor kurzem habe ich mit Frank Bretschneider gesprochen, der unter dem Dach der Elbphilharmonie im Resonanzraum Hamburg seine Spielart zeitgenössischer elektronischer Musik vorgestellt hat. Man hatte fast ein bisschen den Eindruck, da ist jemandem ein bisschen langweilig in der Szene geworden, als ob er an die Grenzen gekommen ist, nicht wusste wie es mit der elektronischen Clubmusik weitergehen soll.

Also, was man schon feststellen kann, ist, dass da eine wahnsinnige Kommerzialisierung stattgefunden hat in der Clubkultur, die der Musik nicht immer gut tut. Die Sachen, die erfolgreich sind, werden überallhin gebucht. Mich, der das seit 25 Jahren macht, interessieren gerade die Randbereiche mehr als die Mitte.

Spielt da auch der Wunsch nach einem etwas anderen Ambiente mit, ein Publikum, das nicht nur das Feiern im Kopf hat? Man wird älter, hat vielleicht Familie, wünscht sich andere Räumlichkeiten.

Also, ich halte es für ein Klischee, dass ›älter‹ und klassische Musik was miteinander zu tun haben. Aber es gibt einen anderen Grund, dass wir später dran sind. Wir, die wir aus der elektronischen Musik kommen, sind häufig Autodidakten; ich hab schon ziemlich lange dafür gebraucht, überhaupt in der Lage zu sein, so eine Partitur auch nur ansatzweise lesen – geschweige denn schreiben – zu können; für mich ist das eigentlich ein gerader Weg. Es ging in der elektronischen Musik immer um Zukunft, um Technologie, aber generell um das Weiter; und wenn wir jetzt in der Lage sind, uns auch mit klassischer Musik zu beschäftigen, dann machen wir auch das.

Zukunft, Technologie, immer weiter: Egoexpress' Weiter mit dem Gesang von Dirk von Lotzow


Dieser Artikel entstand im Rahmen der Medienpartnerschaft mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin
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