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Je lauter die Musik, desto größer die Stille

Beim hörenden Aufführen von Händels Ode for the Birthday of Queen Anne

Plötzlich hält alles inne. Beim hörenden Aufführen von Händels Ode for the Birthday of Queen Anne

Dieser Raum ist völlig ausgefüllt, jede Ecke ist verziert, jeder Flecken an Wand und Boden ist Teil eines Größeren, eines Musters, Teil von Wiederholungen, durch die überhaupt erst Sinn entsteht, jeder Teil für sich genommen abstrakt, jeder Winkel für sich kühn, aber im Kontext dann dies: ein barocker Prachtsaal im Schloss Rastatt.

Was wäre das Gegenteil eines solchen Raums? Eine demokratisch-kapitalistische Mehrzweckhalle? Ein proletarisches Wohnzimmer? Ein Vakuum?

Hier also, in diesem prunkvollen Saal, durch dessen offene Fenster die laue Luft aus dem Park und das Rauschen der Springbrunnen herein weht, stehe ich und bin Teil eines Konzerts. Ich fühle mich wie aus Glas an diesem Morgen, vor allem, weil ich verkatert bin. Eine Matinee ist da nicht unbedingt das Richtige. Aber doch, diese Zerbrechlichkeit des Katers und generelle körperliche Mattheit ist nicht die schlechteste Verfassung, um Musik zu hören. Das ist ein ganz intensives, schrankenloses, Hören, eines, das ungefiltert, ohne Gedanken über Interpretation oder Absicht in mich dringt und mich bewegt. Ein guter Zustand zum Hören – aber keiner, um selber Musik zu machen. Musizieren verlangt Kontrolle und Überblick, und das richtige Maß an deren Gegenteil. Spontaneität kann es nur geben, wo sie eigentlich nicht vorgesehen ist. Aber für Kontrolle bin ich heute zu schwach, fahrig folge ich dem Dirigenten, mehr hörend als singend. Und eben wegen dieser Schwäche trifft mich dann die Musik so hart; fast habe ich das Gefühl bersten zu müssen, so intensiv ist das, was da die Luft bewegt. 

Georg Friedrich Händel: Ode for the Birthday of Queen Anne HWV 74; IX. Solo e Coro »United nations shall combine«, Akademie für Alte Musik Berlin, Andreas Scholl, Marcus Creed und Hélène Guilmette

Diese Ode scheint zu diesem Raum zu gehören wie das riesige Fresko an der Decke und die glitzernden Kronleuchter. Jede Sekunde in ihr ist völlig ausgefüllt, jeder noch so kleinste Bruchteil ist Teil eines Größeren, und doch für sich genommen abstrakt, jeder Klang für sich kühn, aber im Kontext des uns vertrauten Bezugssystems ergibt das alles ein barockes Klangfest, einen Strom poetischer Gedanken, einen Strauß musikalischer Blumen. Solche Gedanken können mir nur verkatert kommen. Mir scheint diese Musik plötzlich auch ganz naiv zu sein, das Ritornell, in dem Queen Anne besungen wird, die einen »andauernden Frieden« geschaffen hat, mehr wie ein kindischer Reim, als ein Vers, den man zum Geburtstag einer Regentin aufsagt. Das passt zu den Putten, die hier überall herumschwirren. Plötzlich gefällt mir der Gedanke, dass das ganze Barock eigentlich eine naive Epoche war. Da werden Schafe besungen, die sich freundlich mit Wölfen treffen, und Engel steigen vom Himmel herab. Aber das ist nicht naiv, das macht mich nur die Musik glauben. Eigentlich ist das kunstvoller Ausdruck von Sehnsucht nach dem, was die Epoche nicht bieten konnte: Frieden, Sicherheit. Eine eskapistische Utopie wird hier gezeichnet, natürlich, ohne die Koordinaten des damaligen Herrschaftssystems in Frage zu stellen; die Königin steht noch immer oben in der Hierarchie, und wenn sich alles ihrem Friedensgebot fügt, dann fügen sich sogar die Schafe und Wölfe. Das Barock übertreibt maßlos, jedes Mittel ist ihm recht. Oben an der Decke ist Herkules als Allegorie auf den Markgrafen Wilhelm Ludwig im Fresko gemalt, und in der Musik bejubeln die Ströme und Flüsse den Geburtstag ihrer Königin. Mir kommen Zweifel, ob man solche Musik heute noch aufführen darf. Müsste man nicht das ganze repressive System, dem hier gehuldigt wird, wenigstens kommentieren? Diesen Saal sperren? Oder hier einmal aufräumen? Einmal hinterfragen, inwiefern Händel das Stück aus Karrieregründen geschrieben hat? Die Toten erwähnen, die Anne auf ihrem Konto hat? 


»Musik ist der Walkman,
womit man hört und sich
zugleich die Ohren zuhält.«

– Helmut Lachenmann


Doch dann implodiert alles. Plötzlich fällt das Nichts in das Stück ein. Alles, was nicht Musik ist, ist plötzlich Teil des Stücks. Ein Schnitt, gerade als die Musik am lautesten tobt. Ein Vakuum, das mich einsaugt. Die Wahrnehmung verschiebt sich. Gerade, als das Gehör am geschärftesten ist, die Spannung am Höchsten, das Hören der Musik ganz hingespannt, ganz ausgeliefert, gerade da steht das Nichts. Einen Sekundenbruchteil hören wir die Musik im Raum verklingen, dann bleibt nur das Rauschen der Springbrunnen, ein bisschen Wind, ein Knarzen der Stühle. Das ist plötzlich im Stück, es wird Teil von ihm, sackt hinein wie ein Flugzeug ins Luftloch. Je lauter die Musik, desto größer ist die sie umgebende Stille, das höre ich jetzt. Die Wahrnehmung verschiebt sich. Dann nehme ich mich selbst wahr, wie ich da stehe, auf diesem Podest, hinten links. Ich höre meinen Atem, ich sehe den Dirigenten hoch konzentriert und erstarrt da stehen, das Orchester wie eingefroren, das Publikum hellwach. Jetzt sind wir Teil dieses Raums, jetzt hat er uns eingenommen. Wir werden Kumpanen der Statuen, die die Säulen krönen. Jedes ihm bekannte Mittel ist dem Barock recht, und die Stille gehört zu seinen stärksten. Händel weiß das und lässt kurz vor Schluss die Anti-Musik aufblitzen. Eigentlich soll dieses Vakuum die Musik affirmieren, aber für mich tut sich hier ein Abgrund auf, mir wird klar, warum es den Begriff des »Außermusikalischen« gibt. Wenn wir hören, hören wir auch immer nicht. Jetzt, da ich in der Ode die Welt höre, flackert diese umso verlockender auf. Und die Stille lässt mich wahrnehmen, dass Zeit vergeht. Eine absurde Situation offenbart sich: wie wir da stehen, still, das Publikum da sitzt, still, der Park da liegt, ruhig, der ganze Stuck und Zierrat steif seine Künstlichkeit offen legt. Ich affirmiere die Gegenwart. ¶

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