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Zweite Stimme


Interview mit Bernadett Kis von der Puppenphilharmonie

Interview mit Bernadett Kis von der Puppenphilharmonie

Text Hartmut Welscher · Fotos MusikPlus

Mit 21 zog Bernadett Kis von Budapest nach Berlin, um an der Hochschule für Musik Hanns Eisler ihr Bratschenstudium fortzusetzen. »Da öffnete sich zunächst eine Welt, weil es auf einmal im Unterricht auch um technische Sachen ging. Ich entsprach nie dieser Wunderkindtradition, deshalb hatte ich eine Menge nachzuholen. In Ungarn ist ganz viel Philosophie, ›lies noch diesen und jenen Roman und griechische Mythologie dazu‹, aber wenn man nicht richtig den Bogen halten kann, bringt das einem auch nichts. Ich konnte in Berlin die technische Ausbildung nachholen.« 2011 legt sie ihre Diplom- und 2014 ihre Masterprüfung ab, sie wird Stellvertretende Solobratschistin beim Konzerthausorchester, spielt Aushilfe bei den Berliner Philharmonikern und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Trotzdem merkt sie irgendwann, dass der Orchesterdienst allein sie nicht glücklich macht, dass etwas fehlt. Und jetzt – ist sie Intendantin der Puppenphilharmonie


Wann bist du das erste Mal auf die Idee gekommen, Puppenspiel und Musik zu verbinden?

Vor zwei Jahren fing ich an, Puppenspielunterricht zu nehmen, einfach so, ich mochte Puppen schon seit meiner Kindheit. Irgendwann sagte mein Pianist ein Konzert erst am Tag selbst ab. Ich musste also ein einstündiges Programm füllen, und beim besten Willen – nach 20 Minuten Solobratsche ist der Abend tot. Aber ich wollte nicht absagen. Da kam mir die Idee, meine Übepuppe Maximilian mitzubringen und ihn erzählen lassen: was mit dem Pianisten los ist, warum das Programm jetzt kürzer ist, wie langweilig Solobratsche ist. Es kam gut an, und ich habe mich in meinem Leben nie wohler auf der Bühne gefühlt.

Woran lag das?

Das wusste ich auch erst nicht. Ich habe dann »Live Music Now« (eine vom Geiger Yehudi Menuhin gegründete Organisation, die kostenlos Konzerte für Menschen organisiert, die dauerhaft oder vorübergehend in Krankenhäusern, Altenheimen, Waisenhäusern, Strafanstalten, Hospizen oder anderen sozialen Einrichtungen leben, d. Red.) überredet, mal mit einer Puppe im Altersheim zu moderieren. Und auch da habe ich festgestellt: die Puppe schafft es, dass die Leute zuhören. Das Problem ist, glaube ich, dass unsere Wahrnehmung heute total überflutet wird und wir immer viele Dinge gleichzeitig tun: telefonieren, essen, gehen, gucken, hören. Und dann setzt man den Menschen in ein klassisches Konzert, wo er nur hören muss. Das ist automatisch langweilig. Und dann fängt man an, über anderes nachzudenken, sich abzulenken. Ich verstehe diesen Mechanismus. Wenn man nicht im Raum präsent ist, kann klassische Musik nicht wirken. 

Und die Puppen schaffen diese Präsenz im Raum?

Ja, und sie dienen als Projektionsfläche: Wir haben Puppen, die viel wissen, und solche, die keine Ahnung haben, die alle möglichen blöden Fragen stellen, die vielleicht auch viele im Publikum haben, aber sich nicht trauen zu fragen. 

Und Maximilian?

Ist 362 Jahre alt, hat keinen Geburtsort, feiert aber jeden Tag Geburtstag, sein einziges Nahrungsmittel sind Lollis, er ist super fürs Alterheim.

Welche Puppen gibt es noch?

Das Marketingschwein Lothar ...

... das auch auf Facebook postet.

Ja, wir entwickeln uns langsam in den Videobereich. Dann gibt es einen Hasen, eine Füchsin, zwei Esel, Emil den Hausesel aus der Uckermark und Emily, eine österreichisch-ungarische Barockeselin aus Emmendingen. Mit den beiden Eseln waren wir in der Philharmonie und haben in März mit den Philharmonikern vier Kinderkonzerte gemacht. Das war eine tolle Erfahrung, wie die »gestandenen« Musiker alle mitgemacht haben und wie viel Spaß sie hatten mit den Puppen.

Wie sehen die Formate aus, die ihr macht?

Ich finde es sehr wichtig, dass es immer ein Konzert bleibt, also dass es nicht in Richtung Puppentheater geht, und dass die Puppen immer den Fokus auf die Musik lenken, indem sie zum Beispiel während der Musik eine Zuhörhaltung einnehmen. Mittlerweile sind wir ein kleines Team mit fünf Puppenspielern. Ich habe nun erklärt, dass ich gerne das Unternehmerische und die Kommunikation übernehme, weil ich festgestellt habe, dass ich das gerne mache. 

Foto Andrea Wittstruck

Puppen werden oft mit Kindern assoziiert; deine Formate richten sich aber nicht in erster Linie an Kinder, oder?

Nein, ursprünglich wollte ich es gar nicht für Kinder machen. Aber als ich anfing, davon zu erzählen, haben viele sofort gemeint, dass das super für Kinder sei. Aber meine Meinung ist, dass Kinder gar keine Puppen brauchen, wenn auf der Bühne Musik richtig ausgedrückt wird. Ich bin bei vielen Kinderkonzerten sehr kritisch, dieses »vom Kopf her denken«, was die Kinder alles können und nicht können. Wenn die Kinder bei einem Konzert mal unruhig werden, wahrscheinlich weil die Musiker selbst unmotiviert waren, dann holt man einen Schauspieler dazu, der nichts von der Musik versteht, danach einen Regisseur, bei dem die Musiker, die eigentlich keinen Bock haben, irgendwelche Schauspielsachen machen müssen, und wenn das immer noch nicht funktioniert, müssen die Kinder mitmachen. Dann kriegen sie Tücher und es wird alles mögliche gemacht, aber es ist für mich kein Konzert mehr. In Basel hatten sie bei einem Kinderkonzert mal das Motto ›Mitmachen statt Zuhören‹. Ich habe das dann umgedreht in ›Zuhören statt Mitmachen‹. Und jetzt brauche ich keine Förderung für Kulturelle Bildung mehr zu beantragen, weil in diesem Bereich Mitmachen so wichtig ist.

Kinderkonzert in der Berliner Philharmonie im März 2015, Bernadett Kis (Idee, Bratsche, Puppenspiel), Sandy Schwermer (Konzeption, Regie, Puppenspiel), Concerto Melante, Raimar Orlovsky (Künstlerische Leitung)

Erwachsene brauchen eine visuelle Brücke eher als Kinder?

Auf jeden Fall. Kinder hängen oft an meinem Instrument, selbst wenn ich ein Stück für Solobratsche spiele. Wir haben ganz viel Kinderkonzerte gemacht, wo ich für Zwei- bis Vierjährige eine ganze Bachsuite durchgespielt habe, und die hören zu, die staunen. Kinder werden total unterschätzt. 

Du spielst in den Formaten selbst auch Bratsche, hat sich dein Spiel verändert über das Puppenspiel?

Ja, ich habe über das Puppenspiel wahnsinnig viel für meine Bühnenpräsenz gelernt. Das Bratschespielen fühlt sich viel besser an, ich bin viel ruhiger, habe nicht mehr so Lampenfieber.

Fällt es dir manchmal leichter, nach außen über Puppen zu kommunizieren anstatt als Bernadett?

Ja, ich pendle noch zwischen »Bernadett« und »Puppen«. Wenn ich aber ehrlich bin, die Puppen lassen mich sagen und umsetzen, was zu tun ist, eigentlich kommunizieren die Puppen durch mich. So ist es richtig ausgedrückt, selbst wenn es verrückt klingt. Ich bin nur Vermittlerin dieser unsichtbaren Welt. 

Auf deiner Visitenkarte steht noch »Dipl. Musikerin«...

Die neuen sind gerade im Druck. Ich habe mich durchgerungen, »Intendantin« draufzuschreiben. ¶


Nächste Kinderkonzerte mit der Puppenphilharmonie:
13. Dezember 2015 Berlin; Blackmore Musikzimmer
1. und 2. April 2016 Berlin, Philharmonie/ Hermann-Wolff-Saal; Kinderkonzerte der Berliner Philharmoniker

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