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#FERNGESPRÄCH

Ein Treffen mit einer Harfenistin in einem Einkaufszentrum im Zentrum von Belo Horizonte

Belo Horizonte, Brasilien
Orquestra Filarmônica de Minas Gerais
Giselle Boeters, Harfe

Wie musiziert es sich andernorts? Wir sprechen mit Musiker/innen, die auf Reisen sind oder ihr Glück woanders suchen. In der dritten Folge treffe ich Giselle Boeters, die holländische Harfenistin des Orquestra Filarmônica de Minas Gerais in der Diamond Shopping Mall mitten im Zentrum Belo Horizontes.

Text Hartmut Welscher · Titelbild privat

Du hast in Amsterdam angefangen, Harfe zu studieren, dann an der ›Hanns Eisler‹ in Berlin dein Konzertexamen gemacht und warst im Anschluss Akademistin in der Orchesterakademie der Staatskapelle. Seit Juli 2012 bist du nun hier beim Orchester. Warum bist du nach Brasilien gegangen?

In Berlin hatte ich angefangen, mich auf Probespiele vorzubereiten und erst einmal europaweit geschaut. Brasilien kam dann ins Spiel, als ich mit der Staatskapelle nach Südamerika auf Konzertreise gefahren bin. Die erste Station war São Paulo. Die meisten finden die Stadt ja irgendwie anstrengend und gefährlich, aber ich habe mich am ersten Tag mit einem brasilianischen Kollegen getroffen, der mir São Paulo gezeigt hat, und war sofort begeistert. Dann war Brasilien auf einmal auf Platz eins meiner Liste.

Jetzt bist du aber nicht in São Paulo gelandet, sondern in Belo Horizonte ...

Ja, es gab hier im Orchester vorher eine deutsche Harfenistin, die zurück nach Deutschland wollte. Das habe ich über einen Kollegen erfahren und dann das Probespiel gemacht und die Stelle bekommen. Die Freunde in Europa sagen ›Brasilien, wie exotisch und abenteuerlich‹. Für mich fühlt es sich irgendwie aber ganz natürlich an, hier zu sein. 

Das Orchester ist noch relativ jung, es wurde erst 2008 gegründet. Macht sich das bemerkbar?

Ich hatte als Aushilfe in Europa immer in Orchestern gespielt, die schon lange bestehen. Bei uns merkt man nun, dass noch grundsätzliche Sachen aufgebaut werden müssen – Klang, Rhythmus, Interpretationen. Es gibt noch keine Tradition, und wir suchen ein wenig nach unserer eigenen Identität. Aber es macht Spaß, etwas von Beginn an mit aufzubauen. Die Atmosphäre ist super, sehr jugendlich, sehr energisch. Was wir im Moment an Qualität liefern, ist schon sehr hoch, wir wollen auf internationales Niveau.

Das Orquestra Filarmônica de Minas Gerais spielt seine Konzerte im Sala Minas Gerais, dem gerade im Februar 2015 eröffneten Konzertsaal der Stadt. Jedes Programm wird zweimal gespielt, der Saal hat immerhin 1.500 Plätze, sind die Konzerte da voll? »Eigentlich sind sie durch Abonnements ausverkauft, aber manche Abonnenten kommen nicht in jedes Konzert und geben ihre Karten nicht zurück.« · Foto Andre Fossati

Wie seid ihr finanziert?

70 Prozent staatlich, 30 Prozent durch private Förderer.

Was mir bei Konzerten im Sala São Paulo auffiel, war, wie begeistert das Publikum nach dem letzten Ton aufspringt und Standing Ovations gibt. Ist das hier auch so?

Ja, das Publikum ist sehr begeistert. Wir müssen es immer eher bremsen und durch Hinweise in den Programmheften darauf aufmerksam machen, wie so ein Konzert funktioniert. 

Was steht da drin?

Das Publikum hat keine Ahnung, wie es sich in einem Konzert verhalten soll. Wenn man nichts reinschreibt, unterhalten sich die Leute während des Konzerts oder nehmen sich Kaffee mit rein, es werden Fotos gemacht, mit Blitz, es wird gefilmt. Als wir mit Barenboim und der Staatskapelle in São Paulo waren, ließ während des Konzerts einer seine Kaffeetasse fallen, ein anderer sein Programmheft ... und irgendwann hat Barenboim sich umgedreht und sehr freundlich aber bestimmt darum gebeten, dass kein Lärm gemacht wird, damit die Musik besser genossen werden kann. Aber ich muss sagen, dass es manchmal ein bisschen zu ernst ist mit den Regeln. Die Brasilianer sind manchmal so begeistert, dass sie zwischen den Sätzen klatschen, das finde ich eigentlich schön.

Was waren bisher die Highlights für dich hier?

Mein zweites Konzert, Strauss’ Heldenleben, war sehr beeindruckend, weil mir da erst richtig bewusst geworden ist, wie talentiert das Orchester eigentlich ist. Dann die zwei Konzerte in Buenos Aires im Teatro Colón, als wir das erste Mal im Ausland auf Konzertreise waren, Uruguay und Argentinien. Da haben wir ein Stück von Antônio Carlos Gomes (die Ouvertüre zur Oper Il Guarany), Dvořáks  Cellokonzert und Tschaikowskis Vierte gespielt. Wir Musiker haben selber gespürt, wie das Orchester sich in großen Schritten während der Proben entwickelt, da hat einfach alles gepasst: Klang, Musikalität, Energie und eine fantastische Stimmung während der Konzerte. 

Giselle Boeters · Foto Rafael Motta

Was sind als Harfenistin deine Lieblingskomponisten?

Ravel und Debussy sind fantastisch vom Klangreichtum. Strauss ist toll zu spielen, aber sehr dick orchestriert. Man droht unterzugehen, aber es macht trotzdem sehr viel Spaß, genau wie Mahler oder Strawinski.

Spielt ihr viele brasilianische Komponisten?

Ja. Natürlich Villa-Lobos, dann Mozart Camargo Guarnieri und Antônio Carlos Gomes, die hier sehr bekannt sind. Dieses Jahr hat das Orchester auch fünf Auftragswerke an brasilianische Komponisten vergeben und uraufgeführt.

Giselle Boeters spielt mit ihrem Orchester die Uraufführung von Daniel Binellis Suíte para harpa e orquestra ... und parliert darüber in brasilianischem Portugiesisch.

Unterrichtest du?

Ja, aber leider viel weniger als in Deutschland oder Holland. Eine meiner Schülerinnen ist eine Kollegin aus dem anderen Orchester hier, dann unterrichte ich einen zweiwöchigen Meisterkurs im Rahmen eines großen Musikfestivals im Süden von Brasilien, in Pelotas.

Wie ist das Ausbildungsniveau hier?

Im Vergleich zu Europa relativ niedrig. Es gibt wenig gute Harfenisten, auch weil es schwierig ist, hier Instrumente zu bekommen. Wenn man anfängt Harfe zu spielen, muss man ein Instrument aus den USA oder Europa importieren, das ist eine schwierige Sache. Die Lehrer an den beiden Hochschulen, an denen man Harfe studieren kann, in Belo Horizonte und Rio, sind schon sehr gut, aber die Schüler sind nicht auf dem Level, weil es im Basisunterricht am Aufbau einer guten Technik mangelt.

Kann man von dem Gehalt gut leben?

Man kann davon leben. Man darf das Gehalt nach dem Währungsabsturz nur nicht in Euro umrechnen, sonst wird man depressiv.

Du bleibst also hier?

Mir geht’s wirklich sehr gut hier, aber die Türen nach Europa stehen noch offen.

Wie oft bist du in Europa?

Seitdem ich hier bin, war ich zweimal zu Hause in Holland, im letzten Jahr. Davor zwei Jahre nicht. 

Foto privat

Was genießt du am meisten?

Die Arbeit im Orchester. Das Wetter. Die Leute sind sehr herzlich, und das Essen ist sehr gut. 

Und was nervt?

Die wirtschaftliche und politische Situation ist schwierig, da gibt es viel Stagnation. Was mir fehlt ist die Entwicklung, das Gefühl, dass sich alles ändert, dynamisch ist, auch kulturell, in Bezug auf die Infrastruktur. In Belo Horizonte bleibt vieles gleich, da muss man sich selbst etwas beruhigen und anpassen. Klar vermisst man seine eigene Kultur auch manchmal, und manchmal auch die Jahreszeiten, obwohl mir der Winter in Berlin immer zu krass war. (lacht)

Ist das Wetter hier eigentlich heikel für das Instrument?

Sollte man eigentlich denken, oder? Lustigerweise hatte ich mit meinem Instrument größere Probleme in Deutschland als hier, obwohl es in Brasilien zur Winterzeit sehr trocken wird und im Sommer sehr feucht. Ich habe keine Klimaanlage zu Hause und muss immer aufpassen, dass ich einen Luftbefeuchter in der Wohnung habe. Ich hoffe mal, dass nichts passiert, weil es sonst wirklich kompliziert würde. Es gibt keine Harfenbauer hier – die sind alle in den USA oder Europa. In Deutschland hatte ich mal einen Riss im Resonanzkörper wegen der Trockenheit im Winter. Da musste meine Harfe nach Italien und ein neuer Korpus aus den USA nach Italien geflogen werden. So etwas wäre hier viel komplizierter.

Das letzte Konzert der Spielzeit ist gerade vorbei, jetzt hast du zwei Monate frei, was machst du?

Ich fahre zu einem Strand im Nordosten, Jericoacoara. Ich habe gehört, dass es da paradiesisch sein soll. ¶

Giselle sagt: »Es gibt auch eine gute Aufnahme auf Youtube von Britten Young Person’s Guide to the Orchestra mit meinem Orchester, wo es eine große Harfenkadenz gibt (9:34) und die Harfe in den Variationen auch gut zu sehen ist.« Dies ist es.

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