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Expedition in den
Orchester-Dschungel

Folge 1: Basislager – Mozart in the Jungle

Text Tobias Ruderer · Fotos Amazon.com Inc.

Vom Buch zum Stream

Der größte Warenfluss der Welt, er wälzt sich weiter, er wird breiter: So wie Apple Mode macht und Google Autos baut, lässt Amazon für seinen Streaming-Service »Prime« Serien produzieren, unter anderem Mozart in the Jungle, in der die Produzenten Roman Coppola, Jason Schwartzman und Paul Weitz aus einem kleinen Ausschnitt der Klassik-Szene einen Kosmos aus Affären, Intrigen, Drogen und einem ziemlich unwiderstehlichen Charme machen.

Mozart in the Jungle hieß auch ein Buch, das eine ehemalige Oboistin der New Yorker Philharmoniker, Blaire Tindall, geschrieben hat; es erschien ziemlich genau vor 10 Jahren. Der Journalist Andrian Kreye, damals in New York, heute in München bei der Süddeutschen Zeitung, schrieb damals:

New York im Oktober '05 – In den New Yorker Orchestergräben wird derzeit die Autobiografie einer ehemaligen Oboistin der New Yorker Philharmoniker mit derselben gekünstelten Empörung herumgereicht, mit der man sonst die sexuellen Entgleisungen berühmter Zeitgenossen kolportiert. […] Sie kann Namen nennen, auch wenn sie einige ihrer ehemaligen Kollege mit fiktiven Vornamen schützt. Das ist mit ein Grund dafür, dass das Buch in den Orchestergräben so eingeschlagen hat, weil natürlich jeder jeden kennt, fiktive Vornamen höchstens vor der Öffentlichkeit schützen, und wie sich nun herausstellt, haben viele der New Yorker Orchestermusiker nicht nur irgendwann einmal miteinander gespielt, sondern auch miteinander geschlafen oder Drogen genommen oder auch mal beides.

Zwischen diesen Sensationen erzählt Blaire Tindall, bei der die Beobachtungsgabe und das Erinnerungsvermögen gleich fein sind, wie aus einem jungen Mädchen eine professionelle klassische Musikerin wird; sie beschreibt, welche geographische und soziale Position verschiedene Szenen innerhalb der Stadt einnehmen, sie bildet leidenschaftlich nerdige Bewohner der Klassikwelt und pragmatisch kalte ab. Blaire Tindall findet immer wieder einen Blick, der die Klassik-Mikroblase, die sich doch so gerne um sich selbst dreht, in einen gesellschaftlichen Kontext setzt. Das Buch wurde bisher nicht ins Deutsche übersetzt. Dabei können wir hier doch auch künstliche Empörung und lesen gerne heiße Stories. Aber vielleicht funktioniert das nicht mit Szenen, die sich jenseits des Atlantiks abspielen.

Die Serie

Auch die Videoserie wird wohl kein Massenerfolg werden, dafür ist die Sprachbarriere (gibt es nur im Original auf amerikanisch-englisch) und die Medienbarriere (Streaming über den Abonnier-Service »Prime«) zu hoch: Schade eigentlich, denkt man sich schon nach den ersten 10 Minuten: Da gibt es Begehren, Drogen, Sex und diese stylische Party in einem Appartement in Brooklyn: Zwei spielen ein Trinkspiel, die Instrumente in der Hand: Musik-, Kunst und Tanzstudenten beobachten aufgeregt das Flaschendreh-Duell zwischen der schönen jungen Heldin und einem superklug aussehenden Flötisten; die Flasche bleibt auf »Baroque« stehen, sie muss drei Schnäpse trinken und danach ihr Virtuosentum zeigen.

Links ist der Buchtitel zu sehen, rechts das Plakat zur Serie. Beide passen irgendwie nicht richtig: Da wird das explizit beschriebene Geschehen in einer Naturromantik kindlich weichgezeichnet. Dort will man das romantische Geschehen hart und verrucht rüberkommen lassen.

Die Helden

Die filmische Umsetzung ist harmloser und bedeutungsvoller. Sie ist harmloser, weil aus Kokain meistens Schnaps wird und aus Krebs Altersschwäche, weil man nicht die zerbrochenen Ehen hinter den orchestralen Affären sieht und kaum die Sucht hinter dem Rausch. 

Weil sie aber auf die kleinen, unschönen Details weitgehend verzichtet, darf sie sich auf eine seltsam leichte Art den großen Leidenschaften widmen, erbauend, humanistisch, inspirierend sein. Diese Dimension kommt mit den zwei Titelhelden: der irgendwie ganz normalen, manchmal überforderten und neugierig lernenden Oboistin Hailey, der die Fiesigkeiten mancher Etablierten entgegenschlagen und: Rodrigo! Gael García Bernal spielt den neuen jungen Dirigenten, von dem manche Parallelen zu Gustavo Dudamel ziehen. Er spielt ihn einerseits mit einer unerschöpflichen komödiantischen Gabe. Andererseits taucht er alles, was so passiert, in ein Meer aus Aufrichtigkeit, inklusive seiner eigenen Schwächen. Das ist sein Superheldentum, man sieht es ihm an, muss ihn lieben, und will ein bisschen so sein wie er.

Obwohl hier alles weichgezeichnet und damit dann auch fiktiv ist, machen diese zehn kleinen Episoden lebendigere PR für die Klassikkultur als PR-Agenturen für ihrer Kunden aus Fleisch und Blut entwerfen.

Das Projekt: Wir suchen die Stimmen von professionellen Orchestermusiker/innen.

VAN wird sich in den nächsten Wochen in den Orchestern umhören. Wir nehmen, inspiriert von Mozart in the Jungle einen Reality Check vor. Entlang des Geschehens um Rodrigo rollen wir folgende Themen auf:

  • Hinter dem Dirigentenkult
  • Dirigentenwechsel: Frischer Wind und seltsame Methoden
  • Drogen
  • Affären und Beziehungen
  • Lampenfieber und Leistungsdruck
  • Unter Kollegen: Von Mobbing bis zur Freundschaft
  • Geld, sozialer Status, soziale Absicherung
  • Generationenkonflikt
  • Gaststars

Alle professionellen Orchestermusiker/innen, die Lust haben, etwas beizutragen, können mitmachen. Weitere Infos hier, Mails bitte an info@van-verlag.com.

Vorschau auf nächste Woche

Wir starten mit dem Dirigentenkult. Was meinen wir mit »Dirigentenkult«? Schauen wir doch mal rein, es ist nämlich ein neuer Dirigent in der Stadt.