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Wie durch ein Kaleidoskop gehört

Das Solistenensemble Kaleidoskop und das Konzert/Konzertexperiment »4 Rooms«

Die Komponistin Sarah Nemtsov, die Geigerin Daniella Strasfogel, künstlerische Leiterin des Solistenensemble Kaleidoskop und das Konzert/Konzertexperiment ›4 Rooms‹. Ein Interview. 

 

 

Dieses Interview entstand im Rahmen einer Medienpartnerschaft mit dem Solistenensemble Kaleidoskop.



VAN: ›Ein werktroyes Originialkonzertexperiment‹: Was verbirgt sich hinter dieser Wortschöpfung, worin besteht das Experiment?

Daniella: Diese Wortschöpfung ist natürlich erst einmal ein spielerischer Umgang mit den Begriffen. Im Kontext der alten Musik – aber auch in der Neuen Musik – wird ja oft davon gesprochen, wie texttreu, wie nahe am ›Original‹ der Interpret ist. Wir gehen frei mit diesem Begriff um: In ›4 Rooms‹ besteht das Experiment in dem Vorgang, alte Werke in die Gegenwart zu holen. Deren Einzelteile werden wie durch ein Kaleidoskop gehört, es entsteht ein neues Bild, neue Möglichkeiten und Verbindungen. Sarah hat sich die barocken Stücke auf ihre Weise angeeignet, aber am Grundmaterial sehr wenig verändert. Wir versuchen, die Musik von mehreren Seiten zu betrachten, wir suchen andere Blickwinkel. Musik entsteht ja immer in der Zeit, in der sie gespielt wird, so gesehen ist sie ja immer original und immer ein Experiment. Sarahs Komposition sind wir natürlich zu hundert Prozent (werk)treu.

Sarah: Es geht auch um eine andere Art der Konfrontation oder Verbindung. In einem Konzertprogramm hat man sonst eine Abfolge von Stücken, die sozusagen nur gedanklich miteinander verknüpft sind. In diesem Programm sind die Stücke auch musikalisch verknüpft; es gibt Übergänge, Schichtungen, das Eine führt zum Anderen. Da kamen bei mir interessante Fragen zur Bearbeitung auf: Wie kann ich zum Beispiel aus einem Bach-Prélude herauskommen und in meine eigene Klanglichkeit hineinführen?

Vier Klangräume, ein Konzertraum. Wie funktioniert das?

Sarah: Den Konzerten in Berlin wird eine Tournee folgen, deshalb muss das Konzept auf verschiedene Räume übertragbar, also abstrakt sein. Es gibt vier Räume im Konzertraum, das bedeutet an jedem Ort etwas anderes; diese Räume können – neben der normalen Bühne – eine Empore, eine Kammer oder etwas vergleichbares sein, je nachdem was der Konzertort architektonisch anbietet. Diese vier Räume sind Klangräume. Wie sehr diese Klangräume voneinander abgetrennt oder entfernt sind, ist variabel. Licht wird helfen, sie zu definieren. Gleichzeitig existieren die vier Räume aber auch in anderen Dimensionen: es gibt sie als Komponist/innen, als Stücke, auch als vier kleine Verstärker, die genau genommen vier konkrete eigene Räume sind.

Das Konzert besteht dabei aber aus einer Komposition ›für vier Solisten und Barockensemble‹. Auf welchen Instrumenten spielen die Musiker/innen?

Daniella: Alle Musiker spielen auf historischen Instrumenten. 


›4 Rooms‹ – Einblicke in die Proben
›4 Rooms‹ – Einblicke in die Proben
›4 Rooms‹ – Einblicke in die Proben
›4 Rooms‹ – Einblicke in die Proben
›4 Rooms‹ – Einblicke in die Proben
›4 Rooms‹ – Einblicke in die Proben
›4 Rooms‹ – Einblicke in die Proben
›4 Rooms‹ – Einblicke in die Proben
›4 Rooms‹ – Einblicke in die Proben


Wie entwickelte sich die Idee?

Daniella: Die Jumpstart Jr. Foundation gibt historische Instrumente an junge Solisten aus und hat darüber hinaus ein großes Interesse, neue Perspektiven mit ihnen zu entdecken. Unsere Konzertmeisterin Elfa Rún, eine der Solistinnen von ›4 Rooms‹, ist dort Stipendiatin. Aus gegenseitigem Interesse entstand der Wunsch einer gemeinsamen Unternehmung. Solisten von Jumpstart – die sich mit ihren Instrumenten speziell mit Alter Musik und ihrer Aufführungspraxis beschäftigen – treffen auf Kaleidoskop. Wir fragten uns, in welcher Form diese Zusammenarbeit stattfinden könnte, in Bezug auf das Repertoire, die Solisten der Stiftung und unser Ensemble. Uns interessierte der Austausch. Wir wollten gegenseitig voneinander und miteinander lernen. Für uns war klar, dass es einen Strang ins Jetzt geben müsse. Und auch die Frage nach den Räumen, in denen wir Musik machen, hat uns interessiert. Das hat zum Werkauftrag an Sarah geführt; dies schien uns ein sinnvoller Weg, mit all diesen Aspekten umzugehen, aus Altem etwas Neues zu kreieren. 

Ist es das, was dich, Sarah an diesem Auftrag kompositorisch gereizt hat; aus Altem etwas Neues zu schaffen? Es kann ja auch einschränkend sein, wenn das musikalische Material schon vorgegeben ist.

Sarah: Stimmt, aber in diesem Fall führte es zu einer großen Offenheit. Ich habe mich sowieso wahnsinnig gefreut, mit Kaleidoskop und diesen tollen Solisten zusammenarbeiten zu können, das ist ein Geschenk, für so ein Ensemble schreiben zu können. Ich war auch von Anfang an in das Konzept involviert und an der Auswahl der Stücke beteiligt. Es gab Vorschläge der Solisten und des Ensembles, dann gab es Überlegungen von Daniella und mir, die letzte Entscheidung wurde aber auf einem gemeinsamen Probenwochenende mit den Musikern gemeinsam getroffen. Für mich waren vor allem mögliche Verknüpfungen interessant; Tonarten, die zueinander passen oder Stücke, die ineinander übergehen können.

›4 Rooms‹
Klänge und Stimmen von den Proben

Was für kompositorische Mittel hast du benutzt? Ist das Stück rein akustisch oder auch elektronisch?

Sarah: Bis auf wenige Sounddateien, die in sehr kurzen Momenten der ›Abwesenheit‹ abgespielt werden – wenn Klang entsteht, aber gerade kein Musiker spielt – ist das Stück eigentlich komplett akustisch. Ich fand das interessant, weil die letzten Stücke, die ich geschrieben hatte, alle elektronisch und auch sehr laut waren. Es war etwas ganz anderes, in diese Klänge des rein Akustischen zurück zu gehen, noch dazu auf den alten Instrumenten. 

Kompositorisch bin ich auf jedes Stück anders eingegangen und habe es an die Grunddramaturgie des Abends angepasst: Am Anfang spielen nur wenige Musiker, im Verlauf kommen immer mehr dazu. In einem Stück gibt es Echos, bestimmte Klänge, die liegen bleiben, Dissonanzen, die mehr herausgearbeitet werden; bei Bach gibt es Schichtungen, aber auch Verfremdungen wie bei den Préludes für Cello solo: Drei Celli interpretieren gleichzeitig dasselbe Prélude, verstärkt vom Mini-Marshall-Verstärker. Dadurch verschwimmt das Original. Bei dem anderen Prélude arbeite ich mit einer Mikrotonalität, die quasi in jeder Live-Performance latent vorhanden ist: Kein Instrument kann physikalisch perfekt gestimmt sein, es gibt also immer minimale Abweichungen in der Intonation, die ich aufgreife und damit spiele, bis ich bei meiner eigenen Harmonik angekommen bin.

Die Stücke von Heinrich Ignaz Franz Biber und Georg Muffat habe ich teils gegeneinander-, teils aneinander zusammengeschnitten, es kommen auch einfache Adaptionen von Cembalomusik für Streicher vor. Gleichzeitig gibt es andere Ebenen der Verbundenheit und Klangebenen, die vom Ensemble eingebracht werden: Geräusche, die den Raum erkunden, auf den Instrumenten oder auch auf anderen Materialien – Styroporblöcken, mit denen man die Wände, den Boden und die Instrumente spielt, Nylonfäden, die man wie Saiten spannen und mit dem Bogen spielen kann. Diese Geräusche begleiten die Musik, quasi als eine Art Raumecho oder Raumklang – es ist meine Musik, als Schichtung auf die andere gelegt.

In welcher Haltung soll der/die Zuhörer/in am Ende rausgehen?

Daniella: (lacht) Aufrecht und sehr sehr glücklich! Jeder geht immer mit seinen eigenen Erfahrungen und Stimmungen zu so einem Konzert. Vielleicht werden sich manche Zuhörer auch provoziert fühlen, obwohl wir das gar nicht beabsichtigen. Ein Konzert bedeutet für uns ein sinnliches Erlebnis. Sinnlichkeit wie auch Schönheit sind natürlich sehr subjektive Begriffe. Wir zeigen ein musikalischer Bild, dasuns gefällt und laden das Publikum ein, es mit seinen Augen und Ohren zu betrachten. Wir glauben, dass der räumliche Umgang in Sarahs Komposition und in ›4 Rooms‹ hilft, die Musik auf eine andere Art zu erfahren und zu verstehen. Die Frage ›alt oder neu?‹ hat für uns keine Relevanz, denn es zählt der Moment, in dem etwas entsteht.

Wir sind vor allem sehr gespannt auf die unterschiedlichen Reaktionen der Zuschauer an den verschiedenen Orten. Im Radialsystem – quasi unsere Homebase in Berlin – werden diese sicherlich ganz anders sein, als in Lörrach, Weimar oder Amsterdam. ¶